Stille beim Shopping – und Sehnsucht nach Schnee
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
das ist doch mal eine erfreuliche Nachricht: Immer mehr Supermärkte führen eine „stille Stunde“ ein. Diese Zeit soll all jenen gehören, die auf die offensive Zwangsbeschallung („Jetzt im Sonderangebot: Orangen! Das Kilo für...“), das aggressive Werbegeklingel und „Last Christmas“ in Dauerschleife nicht bloß genervt reagieren, sondern davon krank werden. Für Autisten und Autistinnen etwa kann das Einkaufen eine qualvolle Reizüberflutung sein: zu viele belastende, unsortierbare Geräusche, zu viele visuelle Eindrücke.
Also verzichten Rewe-Märkte, Edeka-Filialen und andere Ketten stundenweise auf Durchsagen und Musik. Auch die Kassen piepsen nicht in dieser Zeit, mancherorts wird gar das Licht gedimmt und auf das Einräumen von Regalen verzichtet. Wünschenswert wäre dann nur noch, dass Nichtbetroffene darauf verzichten, die stillen Märkte in Massen zu fluten, um ebenfalls in den Genuss der Ruhe zu kommen. Denn das würde wieder Stress bedeuten.
Die „stillen Stunden“ freilich, die die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für heute und die nächsten Tage in mehreren Bundesländern plant, sind von ganz anderer Natur: Kurz vor Weihnachten sollen Streiks im Einzelhandel etwa in Niedersachsen, Bremen, Berlin, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern Bewegung in die seit Monaten festgefahrenen Tarifverhandlungen bringen. Vor allem die großen Supermarkt- und Discounterketten sowie H&M, Ikea und Thalia stehen im Fokus. Verdi in Nordrhein-Westfalen kündigte an, mit „mehreren tausend Streikenden die Vorweihnachtszeit zur Streikzeit“ zu machen. Dass Geschäfte komplett geschlossen bleiben, sei zwar nicht zu erwarten. Für manches Last-Minute-Geschenk aber sieht es düster aus.
Gaza, Ukraine, Israel: Was zeigt das „Pressefoto des Jahres“?
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es. Gewiss. Dass aber ein Foto tatsächlich die Wahrheit zeigt, ist in Zeiten Künstlicher Intelligenz, die praktisch jedes Motiv auf Knopfdruck erzeugen kann, längst nicht mehr ausgemacht. Gewiss gab es Bildfälschungen zu allen Zeiten, doch die neuen technischen Möglichkeiten lassen für die Glaubwürdigkeit von Bildmotiven das Schlimmste befürchten, wie mein Kollege Marco Nehmer bereits vor einiger Zeit in seinem Kommentar schrieb (+).
Auch als Werbung für fotojournalistische Vertrauenswürdigkeit kürt Unicef darum jedes Jahr das „Pressefoto des Jahres“. Am heutigen Donnerstag um 11 Uhr wird das Kinderhilfswerk im Beisein von Schirmherrin Elke Büdenbender, Gattin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, das diesjährige Siegermotiv bekannt geben. Es symbolisiere, so deutet Unicef grammatikalisch etwas holprig an, „das Licht der kindlichen Widerstandskraft und Freuden, das die Dunkelheit von Kriegen, Konflikten und Katastrophen durchbricht“. Möglich, dass sich dahinter ein Foto aus Gaza oder Israel verbirgt.
Besonderes Augenmerk wird zweifelsohne auf der Frage liegen, ob das Bild wirklich eine manipulationsfreie, „ungeschönte“ und undramatisierte Szene zeigt. Denn immer wieder gibt es auch an Unicef-Siegerfotos Kritik, dass Farben und Farbton aus Effekthascherei retuschiert worden seien.
Sturm statt Schnee: Wie stehen die Chancen auf weiße Weihnachten?
Schnee. Ein Schalldämpfer aus gefrorenem Wasser für die laute Welt. Ein Mantel aus Licht für alles Schrundige und Hässliche, so weiß und rein wie ein wärmendes Federbett. Der viele Schnee Ende November nährte in vielen Regionen Deutschlands die Hoffnung, dass es 2023/2024 mal wieder einen Winter nach alter Väter Sitte geben könnte. Denn früher gab es ja, so die verbreitete Überzeugung, vermeintlich viel mehr Schnee. Die Winter der Nachkriegsjahre waren, so denken viele, allesamt prachtvolle Buddenbrook-Idyllen voller Schneeballschlachten und klingender Schlittenfahrten.
Die Statistik sagt etwas anderes. Weiße Weihnachten? Höchstens alle fünf bis zehn Jahre mal. Der einzige deutsche Ort, an dem in den letzten 50 Jahren zu Weihnachten verlässlich Schnee lag, ist die Zugspitze. Das Gehirn ist eben keine Kamera mit Speicherkarte. Es ist ein kraftvoller Manipulator der Wirklichkeit. Aus Erinnerungen macht es, was es will – ein Effekt, der mit steigendem Alter zunimmt. Erinnerungen scheren sich nicht um Fakten. Je älter die Menschen sind, desto mehr gefühlter Schnee lag früher.
Zuletzt regierte aber auch in diesem Advent wieder flächendeckend das übliche Nieselgrau. Und nun wird es fast überall im Land auch noch richtig stürmisch: Ein Sturmtief erfasst am Donnerstag und in der Nacht zu Freitag weite Teile Deutschlands, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach warnend mitteilte. In der Nordhälfte Deutschlands werden Sturmböen bis in die tiefen Lagen erwartet, an der Nordsee sind sogar orkanartige Böen möglich. Das Bundesamt für Schifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg warnte vor Sturmfluten, die am Donnerstagabend auf die Küsten von Niedersachsen und Bremen treffen könnten. Auch in den Mittelgebirgen sind schwere Sturmböen möglich.
Weiße Weihnachten sind angesichts dieser Temperaturen an den meisten Orten in Deutschland leider nicht in Sicht. Prognosen sind aber schwierig, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen – hat Karl Valentin gesagt. Oder Kurt Tucholsky. Oder Winston Churchill. Oder Mark Twain. Oder ein dänischer Politiker. Jedenfalls war es – so viel steht fest – keine Künstliche Intelligenz.
Wir wünschen Ihnen einen guten Start in diesen Tag,
Ihr Imre Grimm
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