Durch Klimawandel dreimal mehr Hitzetote
Europas Städte litten in diesem Sommer unter drückender Hitze – bis zu 46 Grad Celsius wurden in Spanien und Portugal gemessen, über 50 Grad in der Türkei. Für junge und gesunde Menschen sind Extremtemperaturen meist nur unangenehm. Doch für ältere und vulnerable Personen können sie lebensgefährlich sein.
Durch den Klimawandel gab es in diesem Sommer dreimal mehr Hitzetote, als sonst zu erwarten gewesen wären. Rund 16.500 Tote und damit fast 70 Prozent aller Hitzetoten sind allein den steigenden Temperaturen geschuldet. Das hat eine Modellierung des Imperial College London und der London School of Hygiene & Tropical Medicine ergeben. „Extreme Hitze ist die tödlichste Art von Wetter und die offiziell erfasste Zahl der Hitzetoten ist deutlich unterschätzt“, schreiben die Forschenden. Sie hatten deshalb genauere Berechnungen angestellt.
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Zur vollständigen AnsichtDafür werteten sie Daten von 854 europäischen Städten aus, um zunächst abzuschätzen, wie viele Menschen in diesem Sommer wahrscheinlich aufgrund starker Hitze ums Leben gekommen sind. Außerdem zogen sie Zahlen dazu heran, wie stark sich die Temperaturen durch den menschlichen Einfluss verändert haben dürften. Sie gingen davon aus, dass die Erwärmung um 1,3 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter vor allem auf das Verbrennen fossiler Brennstoffe zurückzuführen ist. Indem sie schließlich berechneten, wie viele Menschen bei 1,3 Grad Celsius geringeren Temperaturen gestorben wären, konnten sie herleiten, wie viele Tote auf den menschlichen Anteil am Klimawandel zurückzuführen sind.
Deutlich erhöhtes Sterberisiko
Der Sommer 2025 war der viertwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Temperaturen von Juni bis August 2025 lagen laut Studie 0,9 Grad Celsius über dem Durchschnitt der Jahre 1990 bis 2020. „Das bedeutet ein deutlich erhöhtes Sterberisiko für vulnerable Personen, wie Menschen über 65 und solche mit Vorerkrankungen, und zudem ein erhöhtes Risiko, sich in geschlossenen Räumen zu überhitzen“, heißt es in der Studie.
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Zur vollständigen AnsichtBetrachtet man die europäischen Hauptstädte, dann gab es in diesem Sommer in Rom, Athen und Bukarest laut Studie die größte Übersterblichkeit durch Hitze. Den größten Anteil an Hitzetoten, die dem Klimawandel geschuldet sind, gab es hingegen in Stockholm, Madrid und Bratislava. So hatte es der Modellierung zufolge in Madrid 423 Hitzetote gegeben, von denen 387 (93 Prozent) auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Das erklärt sich dadurch, dass bei besonders hohen Temperaturen die Sterblichkeit steil ansteigt.
In Stockholm hingegen sind zwar geschätzt nur 31 Menschen durch die Hitze gestorben. Von diesen Hitzetoten sind aber 30, also sogar 97 Prozent, auf den Klimawandel zurückzuführen. Das bedeutet: Ohne den Klimawandel wäre nur eine Person in ganz Stockholm in diesem Sommer an Hitze gestorben, da es sonst dort keine extreme Hitze gibt.
219 Hitzetote in Berlin
Für Berlin hatte die Modellierung insgesamt 219 Hitzetote ergeben, von denen wahrscheinlich 140 und damit 66 Prozent auf den Klimawandel zurückzuführen sind. In den weiteren untersuchten deutschen Städten liegt die Bevölkerungszahl bei etwa 23,4 Millionen. Auf diese 23,4 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen kamen geschätzt 2445 Hitzetote, von denen 1477 (60 Prozent) infolge des Klimawandels gestorben sind.
In der Studie war nicht untersucht worden, welche Faktoren zusätzlich zu den Temperaturen die Hitzesterblichkeit in den Städten beeinflusst hatten. Eine wichtige Rolle spielen laut der Studie aber die Altersstruktur der Bevölkerung, genauso wie die Luftverschmutzung und das Ausmaß, in dem die Städte an die steigenden Temperaturen angepasst waren.
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Zur vollständigen Ansicht„Städte sind besonders empfänglich für Hitze, weil große Mengen an Beton- und Asphalt-Oberflächen Hitze einfangen und speichern, während Transportmittel und der Energieverbrauch zusätzlich Hitze erzeugen“, heißt es in der Veröffentlichung. Grünflächen und Wasser seien wirksame Maßnahmen, um den Hitzespeichereffekt von Städten zu reduzieren. Sie könnten für Anwohnende bei Hitzewellen als „Lebensadern“ dienen, schreiben die Autorinnen und Autoren. Und zwar vor allem für die sozioökonomisch schlechter gestellten Teile der Bevölkerung, die in dichter besiedelten Wohngebieten leben und seltener Klimaanlagen haben.
Als weitere Maßnahme müssten sich die Gesundheitssysteme und soziale Einrichtungen auf die Herausforderungen durch zunehmende Hitze einstellen, und die Arbeitsbedingungen und Aktivitäten während starker Hitzeperioden angepasst werden.
Immer mehr Menschen leben in Städten
Die Forschenden weisen auch darauf hin, dass 70 Prozent der Menschen in Europa in Städten leben und es bis zum Jahr 2050 sogar 80 Prozent sein werden. Gleichzeitig altert die Bevölkerung Europas, wodurch es mehr gefährdete Menschen gibt. Bei einer zu erwartenden Erwärmung von weiteren zwei Grad Celsius wären 163 Millionen Europäer im Jahr 2050 beispiellos hohen Temperaturen im Sommer ausgesetzt. Das werden doppelt so viele wie heute sein. Dadurch werde es nicht nur noch mehr Hitzetote geben: Hitze führe auch zu mehr Krankenhauseinweisungen und einer Verschlechterung chronischer Krankheiten, vor allem bei älteren Menschen und solchen mit geringerem Einkommen, heißt es weiter in der Studie.
Bisher sei Europa jedenfalls nur „mittelmäßig“ auf die zunehmende Hitze vorbereitet. Die Ergebnisse der Untersuchung passen zu Daten, die die Forschenden bereits zu Beginn des Sommers veröffentlicht hatten. Bei dieser ersten Modellierung war nur die Zahl der Hitzetoten in zwölf europäischen Städten und nur während der ersten Hitzewelle des Sommers ermittelt worden. Schon damals hatten die Schätzungen aber ergeben, dass sich die Zahl der Hitzetoten durch den Klimawandel verdreifacht hätten.
Städte könnten sich zwar anpassen, indem sie mehr Bäume pflanzen, den Platz für Autos reduzieren und sich um die am meisten gefährdeten Personen kümmern, so die Autorinnen und Autoren bei der Präsentation der ersten Studie. Sie forderten aber schon damals, die Ursache für den Klimawandel anzugehen, und betonten die Rolle fossiler Brennstoffe als „primären Auslöser“ des Klimawandels.