Zwei Stunden Totalausfall bei der Bahn – wegen eines geplanten Updates
Am späten Dienstagabend ging im deutschen Schienennetz für rund zwei Stunden nichts mehr. Grund war eine deutschlandweite Störung des digitalen Bahnfunksystems GSM-R. Über den Bahnfunk kommunizieren sowohl Zugführer als auch Stellwerksmitarbeiter. Kurz nach Mitternacht wurde das Problem behoben. Gegen 0.30 Uhr fuhren die ersten Züge wieder und im Anschluss lief der Verkehr Schritt für Schritt und zunächst auch mit einigen Verzögerungen wieder an.
- Was ist das Bahnfunksystem GSM-R?
- Was war die Ursache für den Ausfall?
- Wie hat die Bahn gegenüber den Kunden reagiert?
- Wie viele Reisende waren betroffen?
- Was bedeutete der Ausfall für den Güterverkehr?
- Was sagt der Verkehrsminister?
- Wie reagieren Verkehrspolitiker?
- Was sagen Bahnexperten?
- Wie schauen Cyber-Fachleute auf den Vorfall?
Was ist das Bahnfunksystem GSM-R?
GSM-R steht für „Global System for Mobile Communications - Railway“. Es ist das in Europa derzeit noch gängige Bahnfunksystem. Laut Webseite der Bahn-Infrastrukturtochter DB InfraGo bietet es Vorteile wie etwa hohe Sicherheit in der betrieblichen Kommunikation, die Möglichkeit spezieller Gruppenanrufe und die Option, mit Fahrdienstleitern gezielt Kontakt aufzunehmen. Ex-ÖBB Chef Christian Kern bestätigte dem RND, dass derartige Systeme sehr komplex seien. „Mir ist allerdings kein vergleichbarer Fall in Europa bekannt, der einen Totalausfall zur Folge hatte.“
Ursächlich für die gestrige Störung des digitalen Bahnfunks GSM-R war aus derzeitiger Sicht der planmäßige Tausch einer technischen Komponente.
Philipp Nagl
Vorstand DB InfraGo
Was war die Ursache für den Ausfall?
InfraGo-Vorstand Philipp Nagl sagte am Mittwoch, die Ursache für die Störung sei aus derzeitiger Sicht der planmäßige Austausch einer technischen Komponente gewesen. „Wie es dadurch genau zu der Störung kam, analysieren wir nun mit höchster Priorität. Wir entschuldigen uns in aller Form bei unseren Kundinnen und Kunden für die Einschränkungen.“ Nagl erwartet die genaue Ursachenklärung innerhalb weniger Tage.
Der routinemäßige Austausch einzelner Komponenten geschehe fast jede Nacht, sagte Nagl. In diesem Fall seien jedoch Redundanz- und Rückfallsysteme während des Austauschs ausgefallen. „Wo immer nötig, werden wir die Prozesse anpassen.“ Ein Cyberangriff sei zwar nicht zu 100 Prozent auszuschließen, aber unwahrscheinlich.
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Zur vollständigen AnsichtWie hat die Bahn gegenüber den Kunden reagiert?
Die Bahn versuchte in der Nacht, die Situation für die Betroffenen zu erleichtern. Viele Reisende saßen durch den Ausfall fest. Zwar wurden laut einem Bahnsprecher Taxi- und Hotelgutscheine ausgegeben - in Frankfurt am Main berichteten Menschen aber zum Beispiel, es gebe in der ganzen Stadt gar kein Hotelzimmer mehr. Und: Ein ICE nach Mannheim und Stuttgart fuhr dort nahezu ohne Passagiere los. Niemand hatte den vielen Wartenden vor der Abfahrt Bescheid gegeben. Unter anderem am Berliner Hauptbahnhof beklagten Fahrgäste, dass es keine Auskünfte gab. Aber die Bahn-Mitarbeiter seien freundlich und ansprechbar gewesen, hieß es.
Wie viele Reisende waren betroffen?
Eine Zahl nannte die Bahn bislang nicht. Von der Störung betroffen waren aber nicht nur Fern- und Regionalverkehrszüge, sondern auch S-Bahnen, die von der DB betrieben werden, und Privatbahnen. In Berlin etwa war der Verkehr im gesamten S-Bahn-Netz eingestellt, ebenso in Stuttgart. In Hamburg hingegen fuhr die Hochbahn.
Was bedeutete der Ausfall für den Güterverkehr?
Da Güterbahnen vor allem nachts fahren, waren sie besonders stark betroffen. Nach Mitternacht rollten zwar vereinzelt wieder Züge. Aber viele Züge standen verteilt im Land und an den Grenzen auch am Mittwoch zunächst noch still. „Es wird Tage dauern, diesen Logistik-Stau abzuarbeiten,“ kritiserte Neele Wesselen, Geschäftsführerin der privaten Güterbahnen (NEE) am Mittwochmorgen. Der Grund dafür: Güterunternehmen arbeiten in eng getakteten Kreisläufen. Selbst wenn nur ein Zug auf der Strecke strandet, reißt die gesamte Kette ab.
Was sagt der Verkehrsminister?
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder verlangt eine umfassende Aufklärung. Sollte es sich um Probleme mit Hardware-Komponenten oder um ein Update-Problem eines Servers handeln, müsse die Bahn ihre Systeme so aufstellen, dass sich das nicht wiederhole, sagte der CDU-Politiker der dpa.
Wie reagieren Verkehrspolitiker?
Matthias Gastel (Grüne) fordert gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) mehr Druck vom Verkehrsminister. „Eine einzelne Störung darf nicht den gesamten Bahnverkehr stilllegen.“ Verkehrsminister Schnieder sei dafür verantwortlich, selbst Maßnahmen gegenüber der Deutschen Bahn durchzusetzen. „Für mögliche Ausfälle braucht es Redundanz, beispielsweise die hilfsweise Nutzung der verschlüsselten Kommunikation über den öffentlichen Mobilfunk.“ Das sei in anderen Ländern wie Finnland gut erprobter Standard.
Auch SPD-Fraktions-Vize Armand Zorn verlangt rasche Maßnahmen. „Wenn eine technische Störung den Bahnverkehr in großen Teilen Deutschlands beeinträchtigen kann, dann muss schnell und umfassend gehandelt werden.“ Die Sicherheitsbehörden, die Bahn und das Bundesverkehrsministerium müssten zeitnah die Sicherheit der Systeme verbessern.
Was sagen Bahnexperten?
Der Bahnausfall zeige die Anfälligkeit kritischer Infrastrukturen in Deutschland, sagte Lukas Iffländer, Vorsitzender des Fahrgastverbands pro Bahn, dem RND. „Wir erwarten ein transparentes Post-Mortem, in dem sowohl die Ursache aufgearbeitet wird, als auch Maßnahmen, um eine Wiederholung zu verhindern, diskutiert werden.“
Auch aufgrund der geänderten Bedrohungslage brauchen wir so viele Rückfallebenen wie irgend möglich darstellbar.
Lukas Iffländer
Vorsitzender Fahrgastverband Pro Bahn
Da das Nachfolgesystem FRMCS noch in den Kinderschuhen stecke, müsse der alte Bahnfunk GSM-R resilienter werden. „Zudem muss beim Nachfolger sichergestellt werden, dass bei einer Störung auf den öffentlichen Mobilfunk problemlos umgestellt werden kann. Das ist aktuell weder technisch noch regulatorisch ausreichend vorgesehen“ sagte Iffländer. „Wir laufen da sehenden Auges in das gleiche Problem wie bisher hinein. Auch aufgrund der geänderten Bedrohungslage brauchen wir so viele Rückfallebenen wie irgend möglich darstellbar.“
Wie schauen Cyber-Fachleute auf den Vorfall?
Experten des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) waren bereits in der Nacht in die Aufarbeitung des Funkausfalls eingebunden. BSI-Präsidentin Claudia Plattner betonte am Mittwoch, auch ihre Behörde habe bislang keinerlei Hinweise auf einen Cyberangriff als Ursache für den Ausfall. Allerdings müsse das Untersuchungsergebnis abgewartet werden. Es könne immer irgendwas schiefgehen, es brauche aber „operative Exzellenz“, die das extrem unwahrscheinlich mache, sagte Plattner. „Und da werden wir sicherlich nochmal sehr viel tiefer reinschauen. Um festzustellen, wo man hier gegebenenfalls noch etwas optimieren muss.“
Der Cybersicherheitsexperte Manuel Atug von der unabhängigen AG KRITIS, die sich mit der Sicherheit kritischer Infrastrukturen beschäftigt, lobte die Reaktionsgeschwindigkeit der Bahn nach dem Vorfall. „Die Bahn hat in der Entstörung und im Notfallmanagement gut reagiert. Die Ersatzsysteme wurden innerhalb von anderthalb Stunden in Betrieb genommen“, sagte Atug dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Das sei eine ordentliche Leistung. In der Kommunikation an die Fahrgäste habe es aber Defizite gegeben.
mit dpa