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Benjamin von Stuckrad-Barre kramt in der Nostalgie-Kiste mit Promis und Semi-Promis

Zurück in die jüngst vergangene Gegenwart

BERLIN. Erinnert sich noch jemand an Jürgen Fliege? Den oft moralisierenden Fernsehpfarrer, der nach seiner TV-Karriere wegen Geschäften mit esoterischen Produkten in die Kritik geriet. Benjamin von Stuckrad-Barre schon. 2011 verbringt der wohl bekannteste Popliterat Deutschlands einen Tag mit dem „Margot Käßmann der 90er Jahre“, wie er schreibt.

veröffentlicht am 20.03.2018 um 15:09 Uhr

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Den Besuch, bei dem er Fliege beinahe eine seiner „bereitliegenden Broschüren in den frömmelnden Mund“ stopfen will, strickt er seinerzeit zum Text.

Fliege, Käßmann – beide sind mittlerweile von der Bildfläche verschwunden. Doch in Stuckrad-Barres neuem Buch „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ tauchen sie wieder auf. In eben jenem Text von 2011, der hier neben zwei Dutzend anderen Artikeln aus Zeitungen und Zeitschriften versammelt ist. Es ist das dritte Album der „Remix“-Reihe, die 1999 begann und 2004 mit „Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft“ ihre Fortsetzung fand. Stuckrad-Barre bereist eine jüngst vergangene Gegenwart, die kurz vor ihrem Absturz ins Vergessen steht. Was war gleich das Besondere an den einstmals zum Politik-Glamourpaar gehypten Guttenbergs? „Ein bisschen strahlen sie aus, dass es ein Gnadenakt ist, sich mit uns hienieden abzugeben“, schreibt er. Sie seien der Gegenentwurf einer „Politikbetriebsnudel wie Birgit Homburger“. Birgit wer? FDP-Wähler, nicht vorsagen! Es ist eben bereits mehr als eine Legislaturperiode her, dass man von diesen Namen etwas gehört hat.

„Remix 3“ kramt also ein wenig in der noch jungen Nostalgie-Kiste mit Promis und Semi-Promis. Der Abstand ist noch nicht ausreichend lang, um abschließend die wirklich wichtigen von den absolut irrelevanten zu trennen – und noch zu kurz, dass sich schon der Mantel des Vergessens vollends über sie hätte legen können. Er zeigt: Geschichte kann einen immer wieder einholen. Es geht oft um zwei Promis – den Porträtierten und Stuckrad-Barre. Alles, was der Autor über seinen Protagonisten schreibt, spiegelt auf ihn zurück. Objektiv ist sein Schreiben nicht. Aber das ist so eingepreist.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich das bei der Geschichte im Hause Boris Becker. Gemeinsam mit dem Tennis-Urgestein schaut Stuckrad-Barre 25 Jahre nach dem legendären Sieg noch einmal das Wimbledon-Finale von 1985 – auf Beckers Rasen sozusagen, nämlich am Fernseher in dessen Londoner Wohnung. Geerdet wird die Story von Beckers Ehefrau Lilly. Zum ersten Mal sehe sie das „Spiel aller Spiele“, heißt es, „höflich interessiert, mehr nicht“. Gerade sie erscheint als Antipode zu Stuckrad-Barre. Sie ist weder Tennis- noch Becker-Groupie; er hingegen kommt nur zu dem Schluss, Becker sei: „ein Held“. Als hätte es Steuer- und Finanzfragen nie gegeben.

Vor zwei Jahren meldete sich der Schriftsteller mit der Autobiografie „Panikherz“ auf der Literaturbühne zurück. Es war eine öffentliche Selbstfiletierung. Mit dem dritten „Remix“-Band zeigt er nun, wie präzise er noch immer hinzuschauen vermag – auf das, was alle glauben, selbst sowieso schon gesehen zu haben, aber es in Wahrheit nie taten.



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