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In der Kestnergesellschaft starten vier Ausstellungen gleichzeitig

Verhältnis von Kunst und Leben

Alberto Garutti, Annette Kelm, Friedrich Vordemberge-Gildewart – und junge Künstler dutzendweise: In der Kestnergesellschaft starten vier Ausstellungen gleichzeitig.

veröffentlicht am 10.03.2017 um 15:26 Uhr

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Es knacken zu lassen, das ist jetzt in der Kestnergesellschaft tausendfach möglich – dank „Lupo“. So heißt ein Kunstwerk, das dort auf möglichst viele Gäste wartet. Denn je reger es besucht wird, desto zahlreicher zerknacken seine Blasen – beim Betreten der Luftpolsterfolie, aus der es hauptsächlich besteht. „Hier geht‘s um die Suche nach dem letzten Knack“, sagt Malte Bartsch, der Schöpfer des Werkes, steigt auf einen kleinen, auch fürs Publikum bereitstehenden Tretroller und zieht damit unter zigfachem Knacken seine Kurven über „Lupo“.

Ist das Kunst? Oder einfach Kunststoff? Sowohl als auch. So einfach lässt sich in diesem Fall die Frage nach der Differenz zwischen echten und inszenierten Lebenswelten beantworten. „Lupo“ ist eine der vielen Einladungen zur Kunst, die die Kestnergesellschaft jetzt zu bieten hat – und darunter eine der sinnlichsten und am leichtesten zugänglichen. Es ist aber nur einer von zahlreichen Beiträgen zum Verhältnis von Kunst und Leben – in vier gleichzeitig startenden Ausstellungen.

Die kleinste davon ist die Präsentation jenes Werkes, für das der italienische Künstler Alberto Garutti zum hundertjährigen Bestehen der Kestnergesellschaft die Hannoversche Allgemeine Zeitung zum Ausstellungsort gemacht hat, im Studio hinter der Claussen-Halle. Die größte ist die Werkschau „Leaves“ der Fotokünstlerin Annette Kelm im Obergeschoss. Die vielfältigste Schau zeigt im Rahmen des sogenannten VG-Stipendiums im Erdgeschoss ein Dutzend norddeutsche Nachwuchskünstler, darunter auch Malte Bartsch.

Ein üppiges Kunstprogramm also – aber auch eine wilde Mischung? Tatsächlich gibt es zwischen Friedrich Vordemberge-Gildewart und Annette Kelm ganz erstaunliche Querbezüge: In der Tradition des Konstruktivismus stellt sich der Grafikkünstler der Zwanzigerjahre gegen die Abbildungskonventionen seiner Zeit.

Und die Fotokünstlerin stellt sich gleichfalls gegen den Strom, indem sie sich die fotografischen Konventionen der Gegenwart vornimmt und deren Dekonstruktion betreibt – durch stete Fingerzeige, dass alles Inszenierung ist und nichts nur Abbildung. Dafür baut sie gern Brüche in ihre Bilder ein.

Viele neue Impulse durch die Kunst

Nicht immer sind die Verweise auf das Verhältnis von Kunst und Leben so sublim. Im Rahmen des VG-Stipendienprogramms wird Leben teils recht lautstark in den Kunstraum überführt. „Tempos Verbais“ von Lucas Odahara beispielsweise beschallt die Claussen-Halle – außer in einer Mittagspause – mit Protestchören von Demonstranten. Und nebenan hört man das selbst erzeugte Knacken beim Betreten von „Lupo“ nicht, wenn dort gerade im Diorama „Paleo Quake“ des Künstlers Gerrit Frohne-Brinkmann zwei Nackte bei einer Erdbebensimulation in dröhnende Vibrationen versetzt werden.

Wie viel Bewegung Kunst auslösen kann, präsentiert – übrigens ganz ohne irgendein Knacken – Garuttis Werk. Es besteht aus Hunderten von Zeitungsausgaben mit seinem Satz „Dieses Werk ist jedem gewidmet, der jetzt den Blick nach oben richtet und schaut“.

Die Austellung in der Kestnergesellschaft, Goseriede 11 in Hannover geht bis 7. Mai und ist täglich von 11 bis 18 Uhr, Donnerstags bis 20 Uhr, geöffnet



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