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Tocotronic rocken das Capitol im Sound der Frühphase

Teenage Riot im Reihenhaus

HANNOVER. Wer zu den Fans der ersten Stunde gehört, Teil einer Jugendbewegung um Tocotronic war und den minimalistischen Schrammelrock der Frühphase schätzte, der wird am Mittwochabend im gut gefüllten Capitol prima bedient.

veröffentlicht am 15.03.2018 um 17:39 Uhr

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Reporter

„Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“ wird durchgehend mitgesungen, die Arme in die Höhe gereckt. Immer wieder Gitarren-Feedback. Dirk von Lowtzow lässt den Windmühlenarm kreisen. „Sag alles ab“ ist gar die Reduktion auf Punk.

Wem aber die musikalische Weiterentwicklung gefallen hat, die in den vielschichtig instrumentierten Liedern der aktuellen CD „Die Unendlichkeit“ gipfelt, der darf ein wenig enttäuscht sein. Sechs Songs spielen Tocotronic davon, Stationen aus von Lowtzows Leben. So autobiografisch und wenig verkopft war er nie. Der Titelsong, gleich zu Beginn vor einem Sternenhimmel-Vorhang präsentiert, gibt das Thema vor, den Weg von der Kindheit bis zum Blick auf die (Un-)Endichkeit. Der junge Dirk vor dem Spiegel in seinem Jugendzimmer als Rockstar posierend.

„Teenage Riot im Reihenhaus“ singt der heute fast 47-Jährige in „Electric Guitar“ und vielleicht findet sich hier die Diskrepanz zwischen dem Ungestüm des Junggebliebenen und dem künstlerischen Anspruch eines Erwachsenen, der die Zeit gekommen sieht, mit einer gewissen Distanz auf sein Leben zurückzublicken. Auf dem Tonträger erinnert der Song nicht nur vom Titel her an Prefab Sprout, dem Inbegriff gepflegt-intelligenten Wohlklang-Pops. Live aber blasen die Rockriffs, die der kleine Dirk damals auf seiner Luftgitarre gespielt haben mag, den Hall aus der Stimme, das Schwebende ist weg.

„Hey du“ thematisiert das Anderssein jenseits der Erwartungen einer coolen Jugendgang. „Unwiederbringlich“ zeigt den Erzähler auf einer Zugfahrt zu einem Sterbenskranken. „Es gab noch keine Handys/Nur an Bord ein Telefon/Als ich endlich ankam/Wussten’s alle schon“, singt von Lowtzow, solo sich an der Gitarre begleitend. Die Konfrontation mit dem Tod in einem Alter, das die Gegenwart lebt, denn die „Zukunft fand ausschließlich in Science-Fiction-Filmen statt.“ Und wie sieht diese Zukunft später aus? „Alles, was ich immer wollte, war alles“ wird zu „Alles, was ich immer wollte, warst du“. Rettung bringt nur die Liebe? Womöglich im Reihenhaus? Oder selbstironischer Diskurs?

Zu den neuen Songs gesellen sich reichlich Hits: „Let There Be Rock“, Hi Freaks“ oder „Aber hier leben, nein danke“. „Hannover, Rock City“ ruft von Lowtzow und meint natürlich eine andere Stadt. Wie Freiburg im gleichnamigen Abschlusslied. Zuvor, in „Explosion“ sorgen Arne Zank am Schlagzeug, Jan Müller am Bass, Rick McPhail und von Lowtzow an den „Electric Guitars“ für Gitarrendonner unter zuckenden Lichtblitzen. Die Gitarre auf dem Bühnenboden dröhnt weiter, dann Musik aus der Konserve.

Die meisten der 1350 erschöpften Gäste streben dem Ausgang zu, als es mit „Freiburg“ doch noch was auf die Ohren gibt. Viele kehren zurück und feiern vier Rockstars, wie es sich Dirk vor dem Spiegel erträumte.



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