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Die documenta öffnet in wenigen Tagen ihre Pforten – mit vielen Ideen aus Athen

Tänzer zwischen antiken Tempeln

KASSEL. Kassel rüstet sich für die documenta. Bis zur Eröffnung nächste Woche wird gebaut und gehängt, aufgestellt und ausgepackt. Ab Mittwoch geht’s los für Presse und Fachbesucher, ab Samstag für die Öffentlichkeit. Auf vielen öffentlichen Plätzen in der Innenstadt sind schon jetzt Kunstwerke zu sehen.

veröffentlicht am 31.05.2017 um 17:45 Uhr

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Der Obelisk auf dem Königsplatz, eine 16 Meter hohe Steinsäule, ist fertig, ebenso die „Mühle des Blutes“ in der Karlsaue. In dem barocken Park ist eine Schneise entstanden – auch sie ein Kunstwerk. Am Tempel-Nachbau „Parthenon der Bücher“ hängen Tausende verbotene Bücher, nur noch wenige Säulen sind nackt. Die historische Torwache ist komplett hinter alten Jutesäcken verschwunden. In einem Park in der Nordstadt entstand eine neun mal neun Meter große Pyramide.

Knapp 30 Orte bespielt die documenta in Kassel. Fast alle Museen der Stadt sind dabei, aber auch ungewöhnliche Locations wie ein ehemaliges Lederwaren-Geschäft, ein Kino, eine Halle auf dem Universitätsgelände oder die ehemalige Hauptpost. Das Gebäude liegt in einem Problemviertel – nur wenige Meter entfernt gab es vor ein paar Tagen eine Messerstecherei. Von außen ist noch nichts zu sehen, aber während der documenta soll das einer der Hauptveranstaltungsorte sein.

Die Post, verrät ein Pressesprecher, werde für die 100 Tage der Ausstellung in „Neue Neue Galerie“ umbenannt. Dort sollen die aktuellsten künstlerischen Positionen zu sehen sein, während im Museum „Neue Galerie“ vor allem historische Positionen ausgestellt werden. Im Fridericianum ziehen Kunstwerke aus der Sammlung des Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST) ein. Weit über 200 Werke aus Athen sind eingetroffen und werden in diesen Tage platziert.

Die Eröffnung der documenta in Kassel wird alle fünf Jahre mit großer Spannung erwartet. Schließlich gilt die Ausstellung als bedeutendste Schau zeitgenössischer Kunst. In diesem Jahr ist die Katze schon ein Stück weit aus dem Sack. Der künstlerische Leiter der documenta 14, Adam Szymczyk, hat Athen zum gleichberechtigten Standort ausgerufen. Was die Besucher im Sommer in Kassel erwartet, ist in Grundzügen seit Frühjahr schon in Griechenland zu sehen. Wenn man von Athen auf Kassel schließen kann, erwartet die Besucher bis Mitte September vieles, was unter der Bezeichnung Performance und Intervention läuft. Auch Soundkunst hat einen großen Anteil. Wispernde Lautsprecher in der Stadt, Tänzer zwischen antiken Tempeln, ein Zelt zum gemeinsamen Essen, Schafe blau einfärben oder auf Rentierfellen chillen - wie die Kasseler Version der Athener documenta aussieht, bleibt trotzdem spannend.

In einem Land, in dem Menschen unter der Schuldenlast des Staates kollabieren und Flüchtlinge vor den Küsten ertrinken, standen politische Probleme im Zentrum vieler Arbeiten. In Kassel kommt laut Pressestelle ein weiterer Themenschwerpunkt dazu: Restitution, die Rückerstattung geraubter, enteigneter oder zwangsverkaufter Kulturgüter. Eigentlich wollte Szymczyk den Gurlitt-Nachlass nach Kassel holen, aber der Plan scheiterte am Veto der Politik.

Mehr als 160 Künstler hat Szymczyk zur documenta eingeladen. Die meisten haben zwei Werke für die beiden Standorte geschaffen, die sich mal mehr, mal weniger aufeinander beziehen. Nur wenige Objekte ziehen von Athen nach Kassel um. Einige Arbeiten bestehen sogar im Zurücklegen der Strecke zwischen beiden Städten. So sind vier Reiter derzeit zu Pferd quer durch Europa unterwegs.

Die Reaktionen auf den ersten Teil der Ausstellung waren gemischt: „Athen mag eine geniale Idee von Adam Szymczyk gewesen sein, aber eine Idee allein reicht dann doch nicht für die wichtigste Kunstausstellung der Welt“, befand die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Auch die „Zeit“ urteilte eher kritisch: „Zu vieles bleibt halb gar, treuherzig, wohlfeil. Zu vieles ist kulturell wertvoll, doch ästhetisch ohne Reiz.“

Andere nahmen den Orts- und Perspektivwechsel als Befreiungsschlag wahr, zum Beispiel der in Athen lebende deutsche Archäologe Vinzenz Brinkmann. „Szymczyk rettet die Idee der documenta“, findet er. In Kassel habe es gewisse „Abnützungsfaktoren“ gegeben, zu viel Glätte, zu viel Event. Dabei sei die Ausstellung doch geboren „aus der Irritation heraus“. Szymczyk habe das erkannt und „der Idee des Widerständigen neue Kraft gegeben“.



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