weather-image
21°
×

Fatih Akins beklemmendes NSU-Drama mit Diane Kruger in Cannes

Preiswürdig

Vielleicht ist dies endlich der erste große Cannes-Preis für einen deutschen Film seit vielen Jahren: Fatih Akin meldet sich mit „Aus dem Nichts“ und einer starken Diane Kruger in der Hauptrolle zurück.

veröffentlicht am 26.05.2017 um 13:58 Uhr

Autor:

CANNES. Heikle Themen haben Fatih Akin noch nie abgeschreckt. Auch jetzt greift der Sohn türkischer Einwanderer wieder einen hochaktuellen Stoff auf: In seinem Cannes-Wettbewerbsbeitrag „Aus dem Nichts“ erzählt der 43-Jährige von einer Frau, die bei einem Bombenanschlag in Hamburg ihren Mann und ihren Sohn verliert – schon bald werden Parallelen zu den Morden des rechtsextremen NSU deutlich.

Das packende Drama mit Hollywoodstar Diane Kruger in der Hauptrolle ist die bemerkenswerte Rückkehr des Regisseurs in den Wettbewerb der Filmfestspiele an der Croisette. Und zugleich macht es Akin zu einem großen Favoriten auf einen der Hauptpreise.

Diane Kruger spielt Katja. Sie ist mit dem Kurden Nuri verheiratet, gemeinsam haben sie einen kleinen Sohn und leben in Hamburg. Dann aber, „Aus dem Nichts“, zerbricht Katjas Leben. Bei einem Bombenanschlag sterben ihr Mann und ihr Sohn.

Diane Kruger im Film „Aus dem Nichts“. Der Film kommt voraussichtlich Ende 2017 in die Kinos. Foto: Gordon Timpen/016 bombero int./ Warner Bros. Ent./dpa

„Es ist meine persönliche Verarbeitung mit dem Phänomen NSU“, sagte Akin im Interview der Deutschen Presse-Agentur anlässlich der Premiere des Films am Freitagabend. „Als jemand mit türkischem, mit ausländischem Hintergrund hatte ich da schon das Gefühl, das mich das persönlich angeht. Das hätte auch mich treffen können.“ Er finde es „sehr skandalös“, dass die Ermittler den Opfern und deren Familien über lange Zeit eine Mitschuld gegeben hätten.

„Aus dem Nichts“ erinnert in seiner Intensität an Akins großen und mehrfach ausgezeichneten Erfolg „Gegen die Wand“. Auch jetzt beweist er viel Einfühlungsvermögen und ein präzises Gespür für seine Hauptfigur und erzählt auf beklemmende Weise von Katjas scheinbar aussichtslosem Kampf um Gerechtigkeit. Denn selbst als ein Neonazi-Paar als tatverdächtig verhaftet wird, bedeutet das keine Genugtuung.

Getragen wird das Drama, das die Zuschauer auch über den Abspann hinaus beschäftigt, von einer überragenden Diane Kruger. Der in Hildesheim geborene Hollywoodstar von Blockbustern wie „Troja“ verkörpert Katja überzeugend als eine Frau, die trotz ihres Traumas einen kämpferischen Geist beweist. Selten hinterließ die 40-Jährige einen stärkeren Eindruck – spannend ist dabei auch, dass Kruger hierfür das erste Mal auf Deutsch drehte. Dies könnte am Sonntagabend mit einem der Hauptpreise belohnt werden, vielleicht sogar mit der „Goldenen Palme“. Nach Wim Wenders mit „Paris, Texas“ wäre es die erste Palme für einen deutschen Filmemacher seit mehr als 30 Jahren. Gemessen am Applaus in Cannes scheint das sogar nicht unmöglich.

Information

„Leute, die mir den Tod wünschen“

Fatih Akin ist der einzige deutsche Regisseur, der es in diesem Jahr in den Wettbewerb von Cannes geschafft hat. Sein Film „Aus dem Nichts“ erzählt von einem Anschlag, bei dem ein Kurde und dessen Sohn ums Leben kommen. Zurück bleibt die Frau und Mutter, die hier von Hollywoodstar Diane Kruger gespielt wird. Im Interview erzählt Akin über sein Werk.

In Ihrem Film gibt es eindeutige Parallelen zu den Anschlägen der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“, kurz NSU. Was hat bei Ihnen den Anstoß gegeben, das in einem Film zu thematisieren?
Fatih Akin:Als klar war, dass die Morde von der NSU begangen worden waren und wer die NSU überhaupt ist. Das war 2011 und für mich die Initialzündung, das auch filmisch aufzugreifen. Es ist meine persönliche Verarbeitung mit dem Phänomen NSU.

Hat der öffentliche Diskurs zu diesem Thema eine Rolle gespielt? Immerhin hat es viele Jahre gedauert, bis der NSU aufgedeckt wurde.

Ja, natürlich. Ich fand sehr skandalös, dass die Ermittler davon ausgingen, dass die Opfer und ihre Familien irgendwie Dreck am Stecken hatten – einfach aufgrund der Herkunft. Also dass die Opferangehörigen aus diesem Grund fast eine Dekade lang als Täter beschuldigt wurden und Verdächtige waren, das ist Rassismus – das finde ich unmöglich. Für mich ist das fast genauso schlimm wie die Ermordung. Einerseits wird ein Angehöriger von ihnen ermordet und indem sie mitbeschuldigt werdet – so wie es ja in der Öffentlichkeit auch behauptet wurde – wurden die Menschen noch ein zweites Mal ermordet. Als jemand mit türkischem, mit ausländischem Hintergrund hatte ich da schon das Gefühl, das mich das persönlich angeht. Das hätte auch mich treffen können. Es ist ja auch ein Mann in Hamburg vom NSU umgebracht worden. Ich kannte ihn nicht persönlich, aber Bekannte von mir. Das war ja in Altona. Die Straße, wo er umgebracht wurde, ist nur einen Steinwurf von meinem Zuhause entfernt.

Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Ich bin ja in diesem Land geboren und aufgewachsen, es ist damit auch mit mein Land. Und trotzdem gibt es Leute, die mir den Tod wünschen, einfach weil meine Eltern aus einem anderen Kulturkreis kommen oder weil ich aussehe wie ich aussehe. So etwas beschäftigt mich.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige