weather-image
21°
×

Apokalypse in Afrika: Erste Einzelausstellung des Fotografen Pieter Hugo im Kunstmuseum

Jenseits von Klischees

WOLFSBURG. Schön wirkt Südafrikas Natur auf diesem Bild, fast idyllisch. Eine üppige Wiese voller Blumen, zwei Jungs darin, der eine auf den Armen des anderen. Doch beide schauen tiefernst in die Kamera, mit Blicken, die von Misstrauen und Leid zeugen. Und ihr helles Haar lässt ahnen, worin dieses Leid bestehen könnte: Sie sind schwarze Albinos, die in Südafrika immer noch diskriminiert werden.

veröffentlicht am 22.02.2017 um 16:51 Uhr

Autor:

Die Aufnahme bildet den Auftakt zur neuen Ausstellung des Kunstmuseums Wolfsburg. Durch einen fast tunnelartig langen Gang gerät sie als erste der ebenso faszinierenden wie schockierenden Fotografien des Südafrikaners Pieter Hugo in den Blick. Ein sinnlicher, fast süßlicher Start, der doch mehr als bloße Oberfläche bietet. Denn wer die ikonischen Bilder afrikanischen Leids kennt, muss an jene Jungen denken, die Sam Nzima vor 40 Jahren fotografiert hat: den toten Hector Pieterson auf den Armen eines verzweifelten Jugendlichen, das bekannteste Opfer rassistischer Gewalt des Apartheid-Regimes 1976 in Soweto, der South Western Township von Johannesburg.

„Nollywood“, Afrika


Im selben Jahr wurde in derselben Stadt Pieter Hugo geboren. Längst wird der poetische Realismus seiner Bilder auch außerhalb seiner Heimat geschätzt: Pieter Hugo ist schon in Den Haag und Lausanne, in Budapest und Paris ausgestellt worden – und hat nun in Wolfsburg seine erste deutsche Einzelausstellung unter dem Titel „Between the Devil and the deep blue Sea“.

Wie Teufelswerk wirkt vieles, was dieser Fotokünstler festhält, und auf einer der Aufnahmen aus der Serie „Nollywood“ scheint sogar der Teufel leibhaftig präsent. Es ist freilich nur die Maske eines Teufels, in der ein Darsteller da posiert. Denn Nollywood, so werden Nigerias Filmproduktionsstätten in Lagos genannt, die – nach der Quantität der dort gedrehten Filme – vor Hollywood und Bollywood liegen. „Ich wollte mit den exotistischen Klischees von afrikanischer Wildheit und Ursprünglichkeit spielen“, sagt Hugo bei der Präsentation der Wolfsburger Schau. „Gerade in Nollywood, wo alles inszeniert ist.“

Was ist wahr, was ist falsch? Und geschieht, was sich wahrhaft ereignet, deshalb auch zu Recht? Solchen Fragen geht dieser Fotograf auf mehreren Ebenen nach. Und er entdeckt dabei auch echte Exotik: Gleichfalls in Nigeria, in der Hauptstadt Abuja, spürt er eine höchst merkwürdige Menagerie auf – sieben Männer, vier Paviane, zwei Hyänen, ein Hund, eine Schlange und ein kleines Mädchen, die als Schausteller durchs Land ziehen. Auf dem Blech einer Autoruine, auf der sie für ihn posieren, prangt der Satz „God’s time is the best“. Nicht einmal Gott ist also in dieser Welt dem Zeitlichen enthoben. Exotisch zwar, geradezu bizarr, doch wahr. „Ich versuche als Fotograf wie ein Autor zu arbeiten“, sagt Pieter Hugo. „Denn auch mit der Kamera kann man Geschichten, Essays, Poesie hervorbringen.“

Seine Bilder werfen denn auch existenzielle Fragen auf. Wie wirken traumatische Erfahrungen nach? Wie verloren müssen Menschen sein, um mit Hyänen umherzuziehen? Wie chancenlos, um, hochgiftigen Dämpfen ausgesetzt, Bauteile aus Computerschrott herauszuschmelzen? „Permanent Error“ nennt Hugo seine Fotoserie über einen der weltgrößten Elektroschrottplätze im ghanaischen Accra – und er meint damit selbstverständlich mehr als den Umstand, dass all diese zu künstlichen Bergen angehäuften Computer nicht mehr funktionieren.

Der Irrweg der geteilten Welt


„Es ist beklemmend, den stoischen Fleiß der Armen zu erleben, die die Überreste aus der Welt der Reichen ausweiden“, sagt Hugo zum Irrsinn dieser Arbeitsteilung zwischen Arm und Reich. „Dieser Schrottplatz kommt mir wie eine Zukunftsgesellschaft vor, wie die Vorwegnahme der Apokalypse.“ Genau so wirken seine Bilder menschlicher Schädel und Gebeine der Tutsi in der Ntarama-Kirche von Ruanda, einer Stätte des Völkermords der Hutu an bis zu einer Million Tutsi. Alles zwar wahr, aber nicht richtig.

Nur Apokalypse in Afrika? Pieter Hugo ist auch in Asien und Amerika mit der Kamera unterwegs gewesen, und er zeigt auch Versöhnliches und teils sehr Persönliches, etwa Porträts von seiner Frau oder sich selbst, von seinen Eltern oder der schwarzen Nanny, die ihn großgezogen hat. Doch in seiner Bilderwelt dominieren Aufnahmen, die ahnen lassen, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist und oft auch wie fragwürdig: Aus Botswana hat er das Konterfei eines schwarzen Richters mitgebracht, der von der roten Robe bis zur weißen Perücke ganz dem kolonialen Commonwealth zugehörig scheint. Aus China die Aufnahme eines jungen Paares, das seine sorgsame Inszenierung privaten Friedens der öffentlichen Gewalt entgegenzusetzen scheint, die die ältere Generation unterm Maoismus erlebt hat. Und in den USA hat er Obdachlose, Kriegsveteranen und Suchtkranke fotografiert. „Erschütternd, dass so reiches Land so viel Elend zulässt“, sagt Pieter Hugo dazu. Und doch zeigt er solche Figuren statt in düster-naturalistischen Sittengemälden auch in Glücksmomenten – etwa jenem Augenblick, in dem eine Obdachlose mit gespitzten Lippen einem Vogel entgegenzuzwitschern scheint.


„Pieter Hugo: Between the Devil and the deep blue Sea“. Bis 23. Juli im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige