weather-image
16°
×

Ferdinand Schmalz gewinnt mit seinem Text „mein lieblingstier heißt winter“ den Bachmann-Preis

Himbeeren an Rehragout

KLAGENFURT. Der erste Name macht schon die Runde, als die Autoren noch beim Sonntagsfrühstück sitzen: Klaus Kastberger ist der beliebteste Bachmann-Juror. Zum dritten Mal. Ermittelt wird das in einer nicht repräsentativen Abstimmung im literaturcafe.de, die wiederum Zeugnis dafür ablegt, dass es bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur im österreichischen Klagenfurt auch immer um das Drumherum geht.

veröffentlicht am 10.07.2017 um 10:22 Uhr

Autor:

Dazu gehört unbedingt die öffentliche Text-Kritik der Jury – performt im ORF-Theater, verfolgt im Saal, im Garten, im Livestream.

Erst am Ende zählt allein der beste Text und damit der Gewinner des mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preises. Es ist: Ferdinand Schmalz mit „mein lieblingstier heißt winter“. Der 1985 in Graz geborene Dramatiker (der eigentlich Matthias Schweiger heißt), muss sich in einer Stichwahl gegen John Wray durchsetzen. Womit es tatsächlich die beiden Favoriten des Wettbewerbs in die letzte Runde geschafft haben. John Wray bekommt den erstmals vergebenen Deutschlandfunk-Literaturpreis, dotiert mit 12 500 Euro. Der in Brooklyn lebende Amerikaner, Jahrgang ’71, hat zwar schon einige Romane veröffentlicht, doch zum ersten Mal in einer Sprache geschrieben, die nicht seine Muttersprache ist, sondern die Sprache seiner Mutter.

Vier Tage voller Geschichten, Diskussionen, Urteile. Nach der Eröffnung mit einer Rede des Schriftstellers Franzobel überträgt 3sat alle Lesungen live. Eine halbe Woche, die sich anfühlt wie eine Entschädigung für die ansonsten im Fernsehen halbherzig präsentierte literarische Unterhaltung. Manche Beiträge wirken aber auch wie eine Erklärung für dieses Manko. Alle sieben Juroren dürfen je zwei Kandidaten vorschlagen in deren Texten sie Potenzial sehen, die sprachlich und mit einer guten Geschichte überraschen oder zumindest überzeugen. Kurz: Die besten Beispiele der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sollen es sein.

Das Publikum kürt seinen Sieger online unter allen Teilnehmern – den insgesamt sieben Autorinnen und sieben Autoren. Die Jury setzt nur die Hälfte auf die sogenannte Shortlist, um unter ihnen vier Auszeichnungen zu vergeben, zur Wahl stehen dann noch Urs Mannhart, Barbi Markovic, Gianna Molinari, Eckhart Nickel, Ferdinand Schmalz, Jackie Thomae und John Wray.

In seinem Schlusswort betont der Jury-Vorsitzende Hubert Winkels „den Eigenwert der Literatur“. Einen Wert, der die Welt auf eine andere Weise und von einer anderen Seite sehen lässt, als es beispielsweise die Politik vermag. So wie bei Eckart Nickel, geboren 1966 in Frankfurt am Main. Er wird nicht nur inoffiziell für den besten ersten Satz geehrt („Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“), sondern offiziell mit dem Kelag-Preis (10 000 Euro), weil es ihm gelinge, das deutsche Leiden an der Gegenwart und seine Auswüchse deutlich zu machen, wie Juror Michael Wiederstein in seiner Laudatio sagt.

Hauptsieger Ferdinand Schmalz arbeitet gerade an „jedermann (stirbt)“, einem Auftragswerk fürs Wiener Burgtheater. „In der Schmalz-Sprache herrscht das perfekte Chaos, das bis ins kleinste Detail gearbeitet ist“, würdigt Jurorin Sandra Kegel ihren Autor, lobt dessen „großartig gezeichnete Figuren“, sein feines Gespür für das vermeintlich Randständige und „für jene Leerstellen, in denen das Geheimnis ruht“. Sie spricht von einer „von gammliger Erhabenheit getragenen Schauergeschichte“ mit drei Männern, zwei Todesfällen und einem Eisschrank. Nicht zu vergessen das Rehragout, das für Klaus Kastberger „ein sprechendes Rehragout“ war. So etwas gibt es nur in Klagenfurt.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Anzeige