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Tieftraurig und explosiv

Gerhard-Quartett aus Barcelona bot packendes Konzert

BAD PYRMONT. Eine nahezu voll besetzte St.-Petri-Kirche mit einem erwartungsvoll gestimmten Publikum und ein Streichquartett der Spitzenklasse, dem Gerhard-Quartett aus Barcelona, lieferten den Beweis: Klassik lebt!

veröffentlicht am 23.05.2017 um 20:46 Uhr

Schon das Beethoven-Streichquartett opus 18,1 bestach durch eine mehr als solide Wiedergabe. Nahtloses Zusammenspiel, makellose Intonation waren die Voraussetzungen für eine mitreißende Interpretation mit dynamischen Extremen. Da wurde einerseits auch schon mal „kratzig“ gespielt (im Scherzo), andererseits wurden tieftraurige Melodiefragmente im „Adagio affetuoso et appassionato“ unendlich weich ausgesungen. In den „sprechenden“ Pausen stockte der Atem, absolute Stille im Kirchenschiff. „Ein Werk von Beethoven braucht nicht nur gute Spieler, sondern tiefere Qualitäten, die man nicht von Natur aus hat. Wenn man solche Musik nicht intensiv studiert hat, dann kann sie nicht wachsen. Aber der Prozess innerer Prüfung hat nichts mit Lebensjahren zu tun, sondern mit Bewusstsein und Reflexion.“ Den Worten des legendären Menahem Pressler ist in diesem Zusammenhang lediglich hinzuzufügen, dass die vier Musiker diesem Anspruch voll gerecht wurden.

Das abschließende 3. Streichquartett von Robert Schumann ist dem Rezensenten so noch nicht zu Ohren gekommen. Da war nichts betulich oder biedermeierlich. Die Interpreten gingen beeindruckend aufs Ganze.

Faszinierend die emotionale Rücksichtslosigkeit, die im abschließenden Allegro molto vivace förmlich explodierte. Ein langsamer Satz aus einem folkloristisch inspiriertem Quartett eines spanischen Komponisten als Zugabe beruhigte die Gemüter. Prasselnder Beifall eines glücklichen Publikums.

Nach dem denkwürdigen Auftritt des Hamburger Noah-Quartetts im Bad Pyrmonter Kurtheater vor einer Woche schien es kaum möglich, dieses Ereignis noch zu toppen. Allerdings ließen die sympathischen jungen Katalanen mit dieser Darbietung keinen Zweifel daran, dass sie heute gleichfalls zur europäischen Spitzenklasse der Streichquartette zählen.red



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