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Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biografie

Detektivisch gegen Mythen

FRANKFURT. Die Opfer- und andere Mythen um Ingeborg Bachmann hat sich Ina Hartwig als Biografin vorgeknöpft. Sie zeichnet ein vielfältig buntes Bild der Schriftstellerin und scheut mitunter auch Klatsch nicht. Zu Bachmanns Feuertod im Bett hat sie detektivisch recherchiert.

veröffentlicht am 16.01.2018 um 15:22 Uhr

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Was ist das wirklich Aufregende an Ingeborg Bachmann, der vielleicht wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts: Ihre Gedichte und der rätselhafte Roman „Malina“ oder die Frage, ob sie vielleicht doch auch mit Henry Kissinger ins Bett gegangen ist? Oder der schreckliche, einsame Feuertod 1973, mit 47 im römischen Bett, das Nylonnachthemd entzündet durch ihre Zigarette? Ina Hartwig hat in „Wer war Ingeborg Bachmann?“ kein Problem mit der Antwort.

Sie startet mit einem akribisch fast wie für einen Krimi durchrecherchierten Kapitel über die Vor- und Nachgeschichte dieses Unfalls, den Freunde der Dichterin für Mord hielten. 300 Seiten später wird sich Hartwig am Ende selbst wundern, dass ausgerechnet der US-Außenminister unter Nixon und höchst umstrittene Friedensnobelpreisträger „der rote Faden dieses Buches werden sollte“. Niemals hätte sie das zu Beginn ihrer „biografischen Reise zu Ingeborg Bachmann“ als „Detektivin“ geahnt.

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger ist der rote Faden des Buches

Der beste Fang in drei Jahren Arbeit war aber nun mal der inzwischen 94-jährige, weltberühmte Kissinger. Er konnte sich beim Interview im Berliner Hotel Adlon mehr als 60 Jahre nach seiner ersten Begegnung glasklar an die hochintelligente, schöne junge Österreicherin erinnern, die er in Briefen zwischen 1955 und 1965 auch in 35 draufgängerischen Briefen „unverblümt beflirtete“. Hartwig erzählt von ihrer Brieflektüre und der persönlichen Begegnung mit dem bisher als Bachmann-Bekanntschaft wenig beachteten US-Amerikaner in munterem, unvoreingenommenem Ton. Ohne die geringste Scheu auch vor der Offenlegung ihrer subjektiven, intelligent begründeten Wahrnehmung.

Hartwigs kenntnisreicher und unbefangener Umgang mit allerlei Bachmann-Mythen lässt bei der Lektüre keine Langeweile aufkommen. Die Biografin erzählt nicht einfach chronologisch, sondern hat sich auf wichtige Schnittstellen konzentriert. Dazu gehören die Zeit des frühen und plötzlichen literarischen Ruhms, zeitgleich mit der Beziehung zum Lyriker Paul Celan, dem Holocaust-Überlebenden und das schwierige Verhältnis zum eigenen Vater mit dessen von der Tochter eisern und wohl schamhaft verschwiegener Mitgliedschaft in der Nazi-Partei.

Dem feministisch besetzten Mythos von der „Opferrolle“ dieser Autorin, die sich vom Nobelpreisträger Max Frisch nach dem Scheitern der gemeinsamen Beziehung literarisch als Figur in „Montauk“ ultimativ gedemütigt fühlte, setzt Hartwig ein höchst buntes eigenes Bild entgegen: Sie erzählt von Ingeborg Bachmann als einer karrierebewussten, witzigen, sexuell grenzüberschreitenden, trinkfesten und tablettensüchtigen, dabei fleißig und diszipliniert schreibenden Frau.

Erinnerungen an den „hinterhältigen, humorlosen und froschkalten“ Max Frisch

Der Inhalt ihrer literarischen Arbeit spielt in dieser Biografie eine erstaunlich geringe Rolle. Wer sich mal vergebens am sperrigen Roman „Malina“ versucht hat, wird nur begrenzt neue Lesereize finden. Viel Platz lässt Hartwig allerlei Zeitzeugen aus dem persönlichen Umfeld der Hauptperson. Manche, wie Hans Magnus Enzensberger, Peter Härtling und Max Frischs Witwe Marianne Frisch etwa, haben auch was zu erzählen.

Anderen, wie dem Sohn von Bachmanns Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, begegnet die Biografin zufällig im Flugzeug und füllt kurzerhand ein paar Seiten mit dessen Kindheitserinnerungen an den „hinterhältigen, humorlosen, froschkalten“ Max Frisch. Das war's. Zu lesen ist auch, dass Peter Handke mal mit der viel älteren Ingeborg Bachmann getanzt hat und bei einem alkoholseligen Schriftstellerfest, wie die Biografin Hartwig, bis zuletzt blieb.

Diese Art Klatsch und Tratsch für die literarisch gebildete Leserschaft hält sich in Grenzen. Immer wieder für viel Schwung und Frischluft bei der Lektüre sorgt Ina Hartwigs nach allen Seiten offener Blick auf eine von Klischees fast schon erdrückte Schriftstellerin. Beim Zuklappen nach dem Schlusssatz im Buch, über die Beziehung zu Kissinger, richtet sich der eigene offene Blick in diesen #MeToo-Zeiten auf die Frage, ob es für Schriftstellerinnen eigentlich immer noch unmöglich ist, wie männliche Kollegen über ihre Arbeit statt über das Liebesleben wahrgenommen zu werden.


Das Buch: Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biografie in Bruchstücken. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 320 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-10-002303-2.



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