weather-image
15°
Ziegler und Ziegelbrennereien im Schaumburger Land / Erster Feldbrand-Dauerbetrieb in Rinteln

Zwischen Knochenjob und Baracke

Bis vor 400 Jahren wurden die Wohnhäuser hierzulande ausschließlich aus Holz, Lehm und Stroh gebaut. Ziegelsteine fanden allenfalls bei der Errichtung von Klöstern, Kirchen, Schlössern und Burgen Verwendung. Für die immer dichter besiedelten Stadtquartiere wurden die dicht nebeneinanderstehenden Holzfachwerkbauten zur zunehmenden Gefahr. Immer öfter brannten in Rinteln, in Bückeburg und in den anderen heimischen Ortschaften ganze Straßenzüge und Wohnviertel ab.

veröffentlicht am 03.04.2009 um 23:00 Uhr

„Teggeler“ aus Möllenbeck während der Saisonarbeit i

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Ab Ende des 16. Jahrhunderts versuchte die Obrigkeit, die Risiken durch Verbote in den Griff zu bekommen. 1598 ließ der damalige Schaumburger Graf Adolf XI. verkünden, dass in seiner Residenzmetropole Stadthagen kein Strohdach mehr gebaut werden dürfe. Und 15 Jahre später wies Adolfs Nachfolger Ernst auch die Bürgermeister und Räte der anderen Städte und Flecken des Territoriums an, „hinführo die Häuser, Ställe und andere Gebäude nicht anders denn mit Ziegeln oder guten Leimdächern (Lehmdächern) und nicht mit Stroh oder Rhete (Reetgras) zu decken“.

Ob und mit welchem Erfolg die landesherrlichen Auflagen erfüllt wurden, ist nicht überliefert. Und auch auf die Frage, wie viele Ziegelbrennereien damals hierzulande bereits in Betrieb waren, geben die bisher vorliegenden Untersuchungsergebnisse keine eindeutige Antwort (siehe Quellenhinweis). Der dazu benötigte Rohstoff Lehm war jedenfalls in ausreichender Menge und an zahlreichen Stellen des Schaumburger Landes vorhanden. Und auch das Herstellungsverfahren war seit alters her bekannt. Das Wissen hierzulande hatten bereits die Römer mit über die Alpen gebracht.

Im Gegensatz zu heute war die Ziegelherstellung ein mühsames Geschäft. Produziert werden konnte nur während der trockenen Sommermonate. Gebrannt wurde in „Feldbrandöfen“. Dazu mussten zunächst große Mengen von breiigem Verwitterungsgestein aus einer nahe gelegenen „Lehmkuhle“ ausgegraben und zu Zehntausenden handlicher, quaderförmiger Stücke geformt werden. Dann wurden die Förmlinge zum Trocken über- und nebeneinander gestapelt und nach mehreren Wochen zu meterhohen Meilern aufgeschichtet.

Die Ziegelei Lietstolln Obernkirchen (vormals Ziegelei Hofmeiste
  • Die Ziegelei Lietstolln Obernkirchen (vormals Ziegelei Hofmeister) auf der Röserheide wurde vom Gesamtbergamt zur Produktion des für die eigenen Betriebe benötigten Baumaterials genutzt. Heute ist das Areal in die Platzanlage des Golfclubs Schaumburg einbezogen.
Entwurf für eine 1798 in der „Herrschaftlichen Ziegelbrenn
  • Entwurf für eine 1798 in der „Herrschaftlichen Ziegelbrennerei in Rusbend“ geplantes neues „Brennhaus“. Die 1738 auf Geheiß des damaligen Landesherrn Albrecht Wolfgang errichtete Ziegelei war bis 1875 in Betrieb.

Temperaturen bis zu 1250 Grad

Wichtig war, in regelmäßigen Abständen Zwischenräume fürs Brennmaterial zu belassen. Hierzulande heizte man – je nach Standort – Holz, Kohle oder Torf. Darüber hinaus musste es im Steinhaufen eine Vielzahl von senkrechten und waagerechten Lücken und Ritzen geben, damit während des Brennvorgangs die heiße Luft zirkulieren konnte. Vor dem Anstecken versuchte man, den Stapel, so gut es ging, gegen Wärmeverlust abzudichten. Die Außenseiten wurden mit Lehm zugeschmiert. Obendrauf kamen Erde und/oder Grasplaggen. Auf diese Weise konnten Temperaturen von 800 bis 1250 Grad erreicht werden. Ob sich der gewaltige Aufwand lohnte, hing – neben Lehmbeschaffenheit und Arbeitssorgfalt – auch und vor allem vom Wetter ab. Ein Brand dauerte bis zu sechs Wochen. Nicht selten war mehr als ein Drittel des Steinmaterials Ausschussware.

Als Standort des ersten Schaumburger Feldbrand-Dauerbetriebes darf Rinteln gelten. Nach den Archivakten wurde der Stadt und dem dortigen Benediktinerinnenkloster bereits 1373 eine entsprechende landesherrliche Genehmigung erteilt. Weitere frühe Anlagen soll es in Fischbeck (erster Hinweis 1558), in Stadthagen und auf der Westendorfer Landwehr gegeben haben. Und auch die 1738 auf Geheiß des damaligen schaumburg-lippischen Grafen Albrecht Wolfgang errichtete Ziegelbrennerei in Rusbend am Schaumburger Walde ist als vorindustrielle Produktionsstätte anzusehen.

Mit dem rapiden Anwachsen der Industriestädte im Laufe des 19. Jahrhunderts und der Zunahme der Bautätigkeit insgesamt schnellte auch der Bedarf an Back- und Hangsteinen in die Höhe. Als Folge davon schossen auch und vor allem im Schaumburger Land neue Ziegeleien wie Pilze aus dem Boden. Um 1900 wurden in der Grafschaft Schaumburg rund 13 und im benachbarten Schaumburg-Lippe mehr als 15 Anlagen gezählt. Die meisten Neugründungen gab es in und um Stadthagen (9), Rinteln (5), Bückeburg (4) und Obernkirchen (3). Hergestellt wurden hauptsächlich Klinker, Dachpfannen und Tonrohre. In Hessisch-Oldendorf war man auf die Produktion von Deckensteinen für Gewölbebauten spezialisiert.

Die Abläufe waren durch den Einsatz von Kipploren, Ziegelpressen, Dampfmaschinen und vor allem durch die neuartige „Ringofentechnik“ stetig verbessert worden. Trotzdem war und blieb die Ziegeleiarbeit ein Knochenjob. Während der Blütezeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren in den Schaumburger Betrieben pro Saison (Anfang April bis Mitte Oktober) mehr als 1000 Leute beschäftigt. Ein großer Teil von ihnen waren Saisonkräfte aus dem benachbarten Fürstentum Lippe. Die heimischen Arbeiter rekrutierten sich vor allem aus der Gegend um Möllenbeck und den Dörfern des Extertals.

Mit dem Ende des industriellen Booms im Vorfeld des Ersten Weltkriegs wurden die fremden Fachleute zunehmend von einheimischen Arbeitssuchenden verdrängt. Mehr noch: Schon bald ging das Gros der Schaumburger Ziegler selber auf Achse. Nach einer Statistik aus dem Jahre 1907 kamen damals nur noch 300 von ihnen in heimischen Betrieben unter. Die doppelte Anzahl musste während der Sommermonate ihr Brot bereits in der Fremde verdienen. Zu den Haupteinsatzgebieten der meist in Familien- oder dörflichen Nachbarschaftsverbänden losziehenden Männer gehörten das Rheinland, Schleswig-Holstein und Sachsen. Sie standen wegen ihres Sachverstands hoch im Kurs. Der Wochenverdienst lag bei 35 bis 40 Mark. Um möglichst viel davon mit nach Hause bringen zu können, hausten die Trupps als Selbstversorger in Baracken auf dem Firmengelände zusammen. Die als „Teggeler“ bekannten Wanderarbeiter hatten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein für die Region südlich von Rinteln eine ähnlich große wirtschaftliche und soziale Bedeutung wie die Heringsfischer auf der nördlichen Wesergebirgsseite.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt