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Vor Gericht: 67-Jähriger unterstützt Familie bei Hausbau, zieht mit ein - und wird rausgeschmissen

Zwangsräumung statt Familienanschluss

Stadthagen (menz). Über die moralische Integrität von Angeklagten wird im Strafprozess nicht geurteilt. Für ein Ehepaar, das zeitweise in Schaumburg ansässig war, ist das wahrscheinlich auch ganz gut so. Lediglich ob sich die beiden strafbar gemacht haben, prüft zurzeit das Schöffengericht am Amtsgericht Stadthagen. Der Vorwurf lautet auf versuchten Prozessbetrug und Urkundenfälschung.

veröffentlicht am 12.09.2007 um 00:00 Uhr

Das Paar soll einen Mietvertrag gefälscht haben, um gerichtlich die Zwangsräumung seines Mieters zu erreichen. Die Schwester des Ehemannes schwor im Zivilprozess auf die Echtheit des Dokuments und leistet jetzt wegen des Verdachts auf Meineid den Verwandten Gesellschaft auf der Anklagebank. Zwei Zivilrichter am Amtsgericht Stadthagen hatte die Frau mit ihrer Aussage nicht überzeugen können. "Tiefe menschliche Zerwürfnisse" sorgten dafür, dass das Verfahren "keine bloße Rechtssache" sei, sprach der Vorsitzende Richter gleich zum Auftakt des Prozesses dessen emotionale Grundierung an. Zentraler Punkt des ersten Verhandlungstages war die Aussage des Mieters, der die Zwangsräumung durch zwei Gerichtsinstanzen hatte abwehren können und noch heute in dem Haus wohnt. Der Rentner ist enttäuscht und fühlt sich ausgenutzt. Was aus seiner Sicht die Geschichte einer glücklichen Wahlverwandtschaft hätte werden sollen, endete als Lehrstück über menschliche Unanständigkeit. Der heute 67-Jährige, allein stehend ohne Kinder, dafür mit einigem Vermögen, war mit dem Paar lange Jahre "freundschaftlich verbunden", wie er sagte. Als ihm dann der Steuerberater in den Ohren lag, habe er "so exotische Vorschläge", das Ersparte etwa in Schiffsfonds anzulegen oder "in Liechtenstein" zu vermehren, abgelehnt. Lieber wollte er das Ehepaar unterstützen, das inzwischen auch zwei Kinder hatte. Vor allem an den Kindern hängt der Mann, sie sollten weg aus der Großstadt, weg aus der Wohnung an der Ausfallstraße. Er ermöglichte der jungen Familie ein Haus mit Garten im Landkreis Schaumburg. Er machte auch ein Testament zu Gunsten des Ehepaares und schloss auf Drängen sogar noch einen notariellen Erbvertrag ab. Die finanzielle Unterstützung und Absicherung der Familie erschien als Herzensangelegenheit. "Ich kann ja doch nichts mitnehmen"`, begründete er seinen großzügigen Einsatz. Rückzahlungen wurden gestundet und vieles anscheinend sowieso nicht auf Heller und Pfennig berechnet. Frisch im Ruhestand,übersiedelte der Mann aus München ins Schaumburgische. Er zog als Mieter in ein Haus, das das Ehepaar gerade gebaut hatte. Er hat dafür gesorgt, dass es überhaupt fertiggestellt werden konnte und plante, dort seinen Lebensabend zu verbringen - mit Familienanschluss, wie er glaubte. Eine saftigeMieterhöhung, die er sich nicht mehr leisten konnte, riss ihn aus allen Träumen. "Das war ein ganz erbärmlicher Fußtritt", erinnerte er sich an seine Empfindungen. Das Ehepaar wollte jetzt das Haus verkaufen und versuchte deshalb, so wie es aussieht, den nicht mehr so zahlungskräftigen Mann loszuwerden. "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan", beklagte sich der 67-Jährige in einem Brief an das Paar. Er bestritt ganz energisch, dass er einen befristeten Mietvertrag unterschrieben habe. Im Zivilverfahren konnte das Paar die Echtheit des Dokuments, das die Kündigung erlaubt hätte, auch nicht beweisen. Für eine Verurteilung im Strafverfahren muss ihnen konkret die Fälschung nachgewiesen werden. Ende des Monats bemüht sich das Gericht weiter um Aufklärung.



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