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Als Polizist auf Friedensmission: Frank Oppermann ist heil und gesund aus dem Kosovo heimgekehrt

Zurück aus der kriminellen Krisenregion

Obernkirchen. Als Frank Oppermann im Juni letzten Jahres im Kosovo aus dem Flugzeug stieg, hat er für einen Moment den Fortschritt gesehen: Auf dem Flughafen stand ein neues Gebäude, es geht also voran, hat er gedacht, geglaubt und gehofft. Es war ein kurzer Traum.

veröffentlicht am 01.07.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Frank Westermann

Oppermann, 45 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, hat sich 2007 erneut für eine polizeiliche Friedensmission beworben, wieder für den Kosovo, für den er bereits 2002 zwölf Monate abgestellt war. Damals war er Personenschützer, hat mit Leib und Leben dafür garantiert, dass internationale Staatsanwälte und Richter in einem Land eine neue Gerichtsbarkeit, dass sie Gerechtigkeit aufbauen können. An einen zweiten Einsatz hat er nach seiner ersten Rückkehr eigentlich nicht gedacht, vielmehr wollte der Kriminalhauptkommissar, der über Hannover und Schaumburg nach Nienburg kam, an seinem neuen Arbeitsplatz "erst einmal Fuß fassen", wie er erzählt. Bei seinem zweiten Besuch wurde der Obernkirchener als Ratgeber einem Mobilen Einsatzkommando zugeteilt, das die Organisierte Kriminalität bekämpfen sollte. Erst war er selber Ratgeber, dann stieg er auf: "Zum Chef der Ratgeber", wie er erzählt. Vor allem in der Observation wurde er eingesetzt, konnte Falschgeldhersteller, Rauschgifthändler oder Menschenhändler beobachten und Beweise gegen sie sammeln. Ein halbes Jahr hat er hier gearbeitet, in den sechs Monaten erlebte er drei von 25 Kollegen, die selber straffällig wurden oder die Kriminellen mit Tipps versorgten. Sie verloren ihren Job. Mit deutschen Kollegen sind die Polizisten im südosteuropäischen Land, das sich am 17. Februar 2008 als Republik Kosovo von Serbien loslöste und die staatliche Unabhängigkeit erklärte, wohl nur bedingt vergleichbar. Rund 6000 Polizisten, so schätzt Oppermann, gibt es im Kosovo, die für ein Gehalt von 250 Euro in einer Region arbeiten, indem der Liter Benzin einen Euro kostet und die Polizisten durchweg gute Autos fahren. Dass der Korruption durchaus Tür und Tor geöffnet ist, deutet der Obernkirchener nur an. Im Kosovo hat er das eine oder andere Mal nachgefragt, als Antwort erzählten ihm die Kollegen, dass sie Wohnungen vermieten würden oder gerade Grundstücke verkauft hätten. Oppermann: "So viele Grundstücke gab es im ganzen Land nicht." Irgendwann hat er dann nichts mehr gesagt und nicht mehr gefragt, er hat sich seinen Teil gedacht, schließlich musste er mit den Kollegen weiterhin zusammenarbeiten. Nach seiner Rückkehr sieht er es so: Die eine Hälfte der Polizisten entlassen, der anderen Hälfte das Gehalt verdoppeln. Nach einem halben Jahr ist er versetzt worden, er wurde Leiter eines Mobilen Einsatzkommandos. Er war dann mehr im Büro, hat die Arbeit koordiniert oder sich um Korruptionsfälle gekümmert, die andere Polizeidienststellen gemeldet haben, weil sie den eigenen Leuten nicht trauen. "Die Autos sind größer geworden", erklärt Oppermann einen Unterschied zu seinem ersten Einsatz vor sechs Jahren - deutlicher Hinweis auf mehr Reichtum und stärkere Kriminalität, auf Rauschgiftgeld und Autoschiebereien. Er hat aber den Kontakt zu den deutschen Kollegen nicht genutzt, um etwa die eine oder andereHalterfeststellung vorzunehmen, auch wenn der dicke Mercedes mit dem hannoverschen Kennzeichen ihn schon interessiert hätte: "Aber ich war im Auftrag der Vereinten Nationen im Kosovo, nicht für die Bundesrepublik", erläutert er. Natürlich kann er manche Anekdote erzählen, wie es eben ist, wenn das Ausland zugleich ein völlig anderer Kulturkreis ist. Aber das will er eher nicht. Oppermann ist sehr ruhig auf der Pressekonferenz im Nienburger Polizeigebäude, wo Frank Kreykenbohm als Leiter der Polizeiinspektion als Erstes betont, wie froh man sei, dass der Kollege heil und gesund zurückgekehrt ist. Auf die Frage, ob es denn dort unten auch gefährlich gewesen sei, antwortet Oppermann ausweichend: Er dürfe aus Gründen des Dienstgeheimnisses nichts darüber sagen. Und lässt dann doch, sichtlich bewegt, durchblicken, dass er wohl mehr gefährliche Missionen durchlebt hat, als er sich das vorher vorstellte. Vor allem rund um die Unabhängigkeitserklärung gab es Demonstrationen, die keineswegs alle friedlich abliefen. In einem Nebensatz erzählt er von einem ukrainischen Kollegen, der bei einem gemeinsamen Einsatz erschossen wurde; gar nicht weit von ihm entfernt. Für einen kurzen Moment lässt Oppermann einen Blick auf seine Seele zu, dann schließt sich das Fenster wieder. Kreykenbohm spannt den Bogen etwas weiter und verweist auf die Einsätze der Polizei im Rahmen der Friedensmissionen, die in der Öffentlichkeit weit weniger wahrgenommen würden als die der Bundeswehr. Seit 1989, als erstmals 50 Polizisten in Namibia eingesetzt wurden, gehört die Auslandsarbeit fast zum täglichen Brot: Georgien, Libanon, Bosnien, Moldawien, Sudan - von den rund 6000 Polizisten, die zurzeit international eingesetzt werden, kommen 250 aus Deutschland und von denen wiederum 25 aus Niedersachsen. Oppermann ist der zweite Kollege der Nienburger Inspektion, der sich freiwillig gemeldet hat. Es bleibt eine Herausforderung, meint Kreykenbohm, nicht nur, weil der Zusammenstoß der Kulturen zuweilen heftig ist und viel Fingerspitzengefühl benötigt wird. Auch wenn die Polizisten vor und nach ihrem Auslandseinsatz von Experten der Polizei betreut werden, so Kreykenbohm, hinterlasse diese Zeit durchaus Spuren. Frank Oppermann sitzt bei diesen Sätzen neben ihm und nickt. Seinen Dienst hat er in Nienburg wieder angetreten. Es kann gut sein, dass es einige Zeit dauert, bis seine Seele nachgekommen ist.



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