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Drei schöne Seiten Frankreich (2): Loire

Zum Frühstück gibt’s Croissant und Rabelais

Meeresschäume, Blütenträume und Flüsse der Genüsse: In der Normandie, an der Loire und in der geheimnisvollen Bretagne offenbart Frankreich seine grossen Stärken. Anke Steinemann und Jens Meyer trafen auf ihrer Reise Künstler und Lebenskünstler in einem Land voller Schönheit. Teil 2.

veröffentlicht am 08.09.2012 um 04:38 Uhr

Von Jens Meyer

Von der Normandie ins Pays de la Loire zu fahren bedeutet, die Obstwiese zu verlassen und in den Garten Frankreichs zu reisen. Au revoir, Calvados und Camembert, au revoir, Ihr hübschen Kühe und süßsauren Äpfel. Gastronom Roger Bellier aus dem normannischen Städtchen Sées wünscht eine gute Reise und nickt freundlich. Wenn er wüsste, dass ich sein Hotel „Le Dauphin“ als „Der Delphin“ übersetzt habe, obgleich der Name für „Der Thronfolger“ steht (eben: der Dauphin), er wäre sicher sehr belustigt. Ein Fauxpas, aber wenigstens ein charmanter und immer noch besser, als im Hôtel de Ville nach einem Zimmer zu fragen. So nennen die Franzosen nämlich ihr Rathaus.

„Bienvenue à La Chatonnière!“ – Ahmed strahlt. Er, „Créateur“ einer der schönsten Gärten Frankreichs, ist ein großartiger Mann. Er lächelt und blickt so warmherzig, dass man nicht umhinkommt, ihm ebenso zu begegnen. „Ich freue mich, dass Ihr zurückgekehrt seid. Wundervoll. Ich habe jetzt noch im Gewächshaus zu tun, aber heute Abend um halb sieben kommt Ihr zum Tee, ja?“ Sagt’s, und zieht sich leise zurück, denn sein La Chatonnière, ein Kunstwerk aus Blatt und Blüte, ist ein friedvoller Ort, an dem sich die kreative Stille ihren Raum nehmen darf. Château Chenonceau oder d’Ussé mögen spektakulär sein, aber sie sind laut. La Chatonnière, in Besitz der Madame Béatrice de Andia, die „ihren“ Gärtner Ahmed ein Herz aus Gold bescheinigt, ist der gelungene Gegenpol im wilden Fluss des hektischen Alltags.

Da wären wir also im Val de Loire. Weiße Schlösser, Wein und Wildblumenwiesen charakterisieren dieses Land, dessen Lebensader, die Loire, unmerklich fließt. Die Zeit tut es ihr dabei gleich.

4 Bilder

Einige Stunden später gießt Ahmed Azéroual in seiner Küche am großen Holztisch kunstvoll den Tee aus einer marokkanischen Kanne. Im hohen Bogen plätschert der Aufguss aus frisch geschnittener Minze und Verbene in die Mokkagläser. Er schmeckt köstlich. „Ich liebe diesen Ort. Es ist viel Arbeit, aber ich liebe das alles sehr“, sagt Ahmed. Er ist zu beneiden. Sein Geburtsland ist Marokko, aber seine Heimat, das spürt man, seine Heimat ist dieser Garten in der Tiefe eines kleinen Seitentals des Flusses Indre. Er hat ihn alleine geschaffen, aus zwölf Themengärten zusammengesetzt. Sein Blick fällt aus der Küchentür direkt in den „Garten der Sinne“. Gerade legt sich die Sonne schlafen. Ahmed gießt nach, wieder im hohen Bogen direkt ins schmale Glas. Nicht einen Tag auf La Chatonnière, nein, einen Sommer lang müsste man hier verbringen. „Du kannst hier schlafen“, bietet er wie selbstverständlich an. Wer weiß, wie viele Touristen zwischen den blühenden Stauden, den duftenden Rosen und unter dem Zirpen der Zikaden mit einem ebensolchen Gedanken schon schwanger gegangen sind.

Ob es in Zeiten der Rezession, die auch Frankreich im Würgegriff hält, mehr Touristen werden, sei dahingestellt. Das Land wehrt sich nach Kräften, doch es rumort in den Grundfesten. Experten sagen für die Automobilhersteller harte, sehr harte Zeiten voraus; und wenn’s erst Renault, Peugeot und Citroën trifft, dann auch andere Branchen. „Es ist nicht einfach. Man muss sehen, wie es wird. Es gibt Schlösser, die merken deutlich, dass weniger Besucher kommen, zum Beispiel Château de Gizeux, wo ich neulich war“, sagt Gildas Untersteller. Zwei Zimmer (chambres d’hôtes) vermietet sie in einer nahezu perfekten Lage, der Burgruine von Cinq-Mars-la-Pile, an Gäste. Auch hier: keine Touristenströme, gottlob… – Ihrem Mann Louis-Paul, gerne Rabelais zitierend und voller Energie, gehört die große Burganlage, die in weiten Teilen im Zuge der über 1000-jährigen Geschichte geschleift worden ist. Zwei Türme stehen noch. Von Plateau des ersten blickt man weit in die Touraine und fragt sich, wer wohl I.-M. Kruse oder A. Haussmann waren, die ihre Namen in die Steinblöcke des Turmes geritzt haben. Solche Begegnungen mit Menschen machen nachdenklich.

Die mit den Unterstellers nicht, die machen nur froh. Das nette Ehepaar kocht aus eigenen Johannisbeeren und Feigen Marmelade und sitzt mit seinen Gästen zum Frühstück, zum petit déjeuner, am großen Tisch im Salon, wo an kühlen Tagen der große Kamin befeuert wird. Fernsehen gibt es hier nicht, sondern Radio und Zeitung. Und Rabelais von Louis-Paul.

Die großen Dichter und Poeten muss man in Frankreich nicht lange suchen, schon gar nicht in der Touraine. Das Musée Balzac liegt mittendrin. Das Musée Rabelais ebenfalls, nicht weit entfernt von Chinon, einer gelobten Weingegend. Und immerhin hat Rabelais ja gesagt: „Es gibt mehr alte Trinker, als alte Doktoren.“ Wie sonderbar trotzdem, dass hier ein roter Chinon zumeist eiskalt serviert wird. Aber er schmeckt. Die Franzosen werden wissen, was sie tun.

In der Gestaltung ihrer Dörfer und Städte wissen sie das ohne Zweifel. „Ville Fleurie“ heißt die Auszeichnung. Höchstbewertung: drei Blüten! Wer sie sich auf das Ortsschild kleben darf, hat sich besonders viel Mühe gegeben. Mit blühenden Verkehrsinseln und -kreiseln, Gefäßen auf Rathaus- und Parkplätzen und Blumenampeln an den Laternen malt sich diese Nation auch einen grauen Alltag noch hübsch bunt an. Vor den Stadtgrenzen blühen Wildblumenwiesen. Der Aufwand dafür hält sich in Grenzen. Selbst die Gärtner des angesehenen Château de Valmer im Weinanbaugebiet Vouvray haben sich dafür entschieden, neben dem Küchengarten eine fußballfeldgroße Fläche in ein Meer aus Kornblumen, Goldmohn, Zinnien, Jungfer im Grünen und Ringelblumen zu verwandeln. Einfach und einfach gigantisch.

Nun gibt es zugegebenermaßen Dörfer, die müssen keine Blumen pflanzen, die sind schon schön genug. Wenn sich die Schäfchenkumuli in den ruhigen Wassern der Loire spiegeln, die direkt am Dörfchen Bréhémont entlangfließt, wenn die Schwalben ihre Nester an den Häusern von Crissay bauen und aus den in Fels geschlagenen Ateliers („troglodytes“) der Künstler von Turquant Klopf-, Sirr- und Schabgeräusche zu vernehmen sind, gereicht dies schon zum Urlaubsentdeckungsglück. Die Fahrt dorthin führt vorbei an weißen Schlössern und mächtigen Burgen, an Kirchlein und zerfallenen Häusern voller Charme. Bei Doué-la-Fontaine blühen Rosenfelder, und aus dem Kofferraum duftet es nach Basilikum. „Nehmt sie mit. Ich schenke sie Euch für Euren Garten zu Hause“, hatte Ahmed gesagt. Es ist der Duft von La Chatonnière, der nun bis an die bretonische Atlantikküste getragen wird.

Nächste Woche Teil 3 der Frankreichreise: Bretagne

Eines von über 350 Schlössern an der Loire: das Château de Fontenay (rechts) mit seiner beeindruckenden Lindenallee (kleines Bild).

Fotos: ey



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