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Was ein Projektleiter in Indien erlebt

Zuhause auf Zeit – in einer Welt voller Gegensätze

Indien ist ein Land mit reicher Kultur, aber auch großen Gegensätzen. In den letzten Monaten hat der Ruf des Landes durch von Massenvergewaltigungen sehr gelitten. Wie aber lebt es sich dort als Ausländer, was muss man beachten, um respektiert zu werden?

veröffentlicht am 18.04.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 19.04.2013 um 10:31 Uhr

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Indien war nicht seine erste Wahl. Wie lange er dort einmal leben würde, hätte er sich 1979, als er sich auf eine Stellenanzeige in der FAZ für Manila bewarb, nie träumen lassen. Aber dann ging für Hans Veith alles ganz schnell: Beim Vorstellungsgespräch der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) teilte man ihm mit, dass sich das in Schwierigkeiten steckende Projekt in Manila für ihn erledigt hätte: „Man bot mir Ludhiana an. Ich hatte damals keine Ahnung, wo und was das überhaupt war“, erzählt der heute 81-jährige Hamelner. Zwar erfuhr er, dass die Industriestadt im nordindischen Punjab Werkzeug- und Nähmaschinen, Mopeds, Fahrräder und landwirtschaftliche Geräte herstellt, mit einer Million Einwohner ein Zentrum der indischen Kleinindustrie ist, aber einem Insider-Bericht entnahm er auch das vernichtende Urteil: „Ludhiana – schmutzig, laut und langweilig.“ Das war nicht sehr ermutigend. Hans Veith sagte trotzdem zu. Mit 47 Jahren stand dem Industrieberater die Welt offen und das ihm in Aussicht gestellte Projekt hörte sich nicht schlecht an: Hans Veith unterschrieb einen Zweijahres-Vertrag. Ehefrau Ursula folgte ihm später auf den Subkontinent. Er sollte für beide zur zweiten Heimat werden.

Indien. Ein schwieriges, komplexes und mit über 1,2 Milliarden Einwohnern zweitbevölkerungsreichstes Land der Erde. Ein multiethnischer Staat, der noch die Spuren britischer Kolonialherrschaft trägt, von Gandhi in die Unabhängigkeit geführt wurde, und doch nach wie vor von einem starren gesellschaftlichen Kastensystem geprägt ist. Ein Frauenleben ist in Indien nichts wert, sexuelle Gewalt an der Tagesordnung. Die brutalen Vergewaltigungen, die in jüngster Zeit international für negative Schlagzeilen sorgten, haben zu einem katastrophalen Image des Landes geführt: Die Zahl ausländischer Touristen ist deutlich zurückgegangen, besonders Frauen reisen lieber in andere Länder. Insgesamt sind im ersten Quartal dieses Jahres 25 Prozent weniger Touristen gekommen, erklärt die Industrie- und Handelskammer.

Mit den Schattenseiten und Problemen, die Indien hat, wurde auch das Hamelner Ehepaar konfrontiert. „Es ist eine andere Welt. Die Traditionen sind sehr stark, das Weltbild ändert sich nur ganz allmählich“, weiß Hans Veith, ist aber überzeugt, dass durch das Internet etwas in Bewegung gerät: „Die Frauen begehren auf.“ Welchen Stellenwert eine Tochter hat, erlebten die Veiths in ihrem indischen Haushalt am eigenen Leib, als ihre Köchin Elisabeth ihr zweites Mädchen zur Welt brachte – mit einer Hasenscharte und offenem Rachen: „Als meine Frau fragte, was mit dem armen Baby geschehen solle, war Elisabeths Antwort: Es ist ja nur ein Mädchen, wir haben kein Geld für eine Operation und lassen es sterben“, erzählt Hans Veith. Die Hamelner waren geschockt und boten der Köchin an, die Kosten der Operation zu übernehmen: „Dieses Kind ist heute ein hübsches, überaus intelligentes Mädchen“, freuen sich die Veiths. Später habe Elisabeth ihnen gestanden, dass sie nach der Geburt der beiden Mädchen noch zweimal abgetrieben habe, bis sie endlich mit einem Jungen schwanger war. Viele weibliche Föten würden abgetrieben: „2010 kamen auf 1000 Jungen nur 914 Mädchen“, stellt Veith fest: „Hier zeigt sich die negative Seite der modernen Medizin.“ Wenn nach den jüngsten Vorfällen bestialischer Misshandlungen junge Frauen auf die Straße gehen, um für Gleichberechtigung zu demonstrieren, sei das zwar immerhin ein Anfang, aber Proteste allein genügten nicht: „Das Umdenken muss bereits bei Müttern und Vätern geschehen.“ Ein langer Weg: „Denn eine so konservative Gesellschaft wie die indische braucht viel Zeit, um etwas zu ändern.“

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Das Ehepaar Veith mit seinem Sohn (vorn), Hausangestellten und deren Angehörige im nordindischen Ludhiana.

In den vielen Jahren, in denen sich der Hamelner Industrieberater in Indien um den Aufbau von Förderungszentren für Klein- und Mittelindustrie auf dem Gebiet Werkzeug- und Vorrichtungsbau kümmerte, hat er Land und Leute gut kennengelernt: „Ohne Respekt für Indien und die Inder wären die Projekte nicht möglich gewesen“, meint er, räumt aber ein: „Dazu gehört auch, dass man sich zurücknimmt.“ Wenn ihm wirklich einmal die Galle hochkam, habe er seinem Ärger auf Deutsch Luft gemacht. Andere Maßstäbe anlegen, nach indischen Regeln, Traditionen und Gesetzen handeln – nur so konnte Veith als Entwicklungshelfer seine Projekte erfolgreich durchziehen: „Neue Maschinen mussten eingesegnet werden“, erzählt er. Wenn ein Deutscher in seinem Team mit den Gepflogenheiten vor Ort nicht zurechtkam, wurde er nach Hause geschickt: „Es hätte sonst Probleme gegeben.“

Auch das fest verankerte Kastensystem galt es zu beachten: „Schon am Namen erkennt ein Inder, aus welcher Kaste sein Gesprächspartner kommt, und behandelt ihn entsprechend.“ Und zwar unabhängig davon, ob dieser beruflich erfolgreich ist oder ein armer Schlucker. Schnell begriffen die Veiths: Als Ausländer muss man einen bestimmten Status pflegen, um akzeptiert und respektiert zu werden. Das fing bei der Größe und Ausstattung ihres gemieteten Hauses an, erstreckte sich über die zu beachtende Kleiderordnung und schloss auch eine ganze Reihe Hausangestellter ein. Für Gewerkschafterin Ursula Veith, die in Hameln bei der IG Chemie tätig gewesen war, höchst gewöhnungsbedürftig: „Acht bis zehn Bedienstete im Haus – das fand ich ganz furchtbar“, erzählt die heute 70-Jährige: „Ich habe lange gebraucht, Anweisungen zu geben.“

Dass ihr Haus von einer hohen Mauer umgeben war und Tag und Nacht bewacht wurde, gehörte zu dem Leben der Hamelner auf dem Subkontinent. „Es gibt Dinge, die man in Indien wissen muss, um keine Risiken einzugehen“, sagt Hans Veith. So holte er sich bei allen Projekten immer einen verlässlichen Einheimischen an die Seite. Das empfiehlt er auch Reisenden, wenn sie Ausflüge in eine Gegend planen, die touristisch kaum erschlossen ist. Keinesfalls dürften Rucksack-Urlauber irgendwo wild campen, wie es das Schweizer Ehepaar getan hat, das kürzlich überfallen wurde: „Wenn man in ein Land fährt, muss man sich vorher über die Gefahren und Risiken informieren“, sagt er: „Wer das nicht tut, lebt gefährlich.“

Ursula und Hans Veith lieben Indien: Sie kennen neben den Schatten- auch die Sonnenseiten, haben dort viele Freunde und Bekannte und auch ganz wunderbare Erfahrungen gemacht: „Als wir meine fast 80-jährige Mutter damals zu uns nach Indien holten, haben die Inder sie mit großem Respekt behandelt. Sie haben hohe Achtung vor dem Alter“, erzählt Ursula Veith. Und noch einen Grund gibt es, immer wieder nach Indien zu fliegen: „Ich habe da ja auch noch meinen Beraterjob bei einer Firma, die Locher und Hefter produziert“, lächelt Hans Veith. Auch mit 81 Jahren will er sich noch längst nicht zur Ruhe setzen.



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