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Wie aus Stadtbefestigungsanlagen „grüne Lungen“ und wertvolle Freizeitgebiete geworden sind

Zeugen einstigen Vormachtstrebens

Einst dreckig und verhasst, heute als städtebauliche Highlights hoch geschätzt – die althergebrachten Befestigungsanlagen mit ihren Mauern, Wällen und Wassergräben haben eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. Aus den früher ungeliebten Militärbastionen sind „grüne Lungen“ und wertvolle Freizeitgebiete geworden. Die noch übrig gebliebenen Türme, Stiegen und Zinnen gelten als historisch bedeutsame und Identität stiftende Vorzeigeobjekte. Stadtführer wissen – nicht ohne Stolz – über Herkunft und Bedeutung der Straßennamen und Örtlichkeitsbezeichnungen mit „Tor“, „Wall“, „Ring“ oder „Glacis“ zu erzählen.

veröffentlicht am 10.03.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Besonders viel gibt es in und über die drei heimischen „Ex-Festungsmetropolen“ Rinteln, Stadthagen und Bückeburg zu berichten. Die Anfänge der dort seit dem späten Mittelalter nachgewiesenen Wehranlagen gehen auf das Vormachtstreben der Herren von der Schaumburg zurück. Die Grafendynastie hatte vor gut 800 Jahren damit begonnen, ihren Einflussbereich Zug um Zug ins westliche Wesertal und über den Steinberger Pass hinweg in Richtung Norden auszudehnen. Zur Absicherung des neu hinzugewonnenen Territoriums wurden die strategisch bedeutsamen Orte „Rintelen“ (Rinteln) und „Grevenalveshagen“ (Graf-Adolfs-Hagen, später Stadthagen) Anfang des 13. Jahrhunderts zu verteidigungsfähigen Städten erklärt. Einige Jahrzehnte später kam zum Schutz der in Richtung Minden hinzugewonnenen Gebiete „Buckeborch“ (Bückeburg) hinzu.

„Die ersten Befestigungsanlagen bestanden aus einfachem Holzflechtwerk und Palisaden“, hat Stadthagens Stadtarchivar Adolf Tatje herausgefunden. Später waren zur erfolgreichen Abwehr von Söldnerhorden, Strauchrittern und anderem Raubgesindel zusätzliche Wallaufschüttungen, Wassergräben und/oder Mauern mit abschließbaren Tordurchlässen nötig. Tempo, Form und Materialauswahl hatten vor allem mit dem Stand der Kriegskunst und Waffentechnik zu tun. Ein weiterer wichtiger Punkt waren die (unterschiedlichen) landschaftlichen und städtebaulichen Gegebenheiten. In Rinteln mussten zur Ausgestaltung der aufwendig angelegten Mauer-Bastion 127 Privatgrundstücke enteignet werden. Die Stadthäger konnten ihre durchfließenden Bäche einbeziehen. Und in Bückeburg waren die Bemühungen in erster Linie auf den Schutz der Burg- bzw. Schlossinsel ausgerichtet. Zur Sicherung des Wohnbereichs der Ackerbürger kam eine Kombination verschiedener Abwehrtechniken zum Einsatz.

Kühe, Schafe, Ziegen und Gänse auf dem Wall

Ende des 17. Jahrhunderts setzte ein grundlegender Wandel in puncto Kriegsführung ein. Die Festungsanlagen verloren mehr und mehr an Bedeutung. Modern ausgerüstete Armeen waren damit, so die Erfahrungen des Siebenjährigen Krieges (1756-1763), nicht mehr aufzuhalten. Immer mehr der althergebrachten Bollwerke wurden „geschleift“, umgestaltet oder – sehr zur Freude der Bürger – sich selbst überlassen. Schon bald sah man auf den Wällen Kühe, Schafe, Ziegen und Gänse weiden. Anwohner begannen, die Böschungen „gartengerecht“ abzuflachen. Die Graften wurden zu Viehtränken und Abfallentsorgungskanälen umfunktioniert. Und Brandreste, totes Getier und alles andere, was nicht mehr zu gebrauchen war, ließ man kurzerhand hinter der Mauer verschwinden. Schon in den Jahrhunderten davor hatte die Obrigkeit alle Hände voll zu tun gehabt, um die Begehrlichkeiten der Einwohner zwecks „Privatnutzung“ der Wehranlagen unter Kontrolle zu halten.

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Der Rintelner Festungsbau wurde auf Befehl der Ende 1806 eingerückten Franzosen „demoliert“. „Die Zugbrücke, Palisaden, Barrieren hinter der Flußwehr, Gerüst und überhaupt alles, was zur Verschanzung gehört, soll sofort zurückgezogen werden“, ordnete nur wenige Tage nach dem Einmarsch Oberbefehlshaber Gobert an. Über die leer geräumten Flächen durfte, gegen Zahlung eines jährlichen Pachtzins, die Stadt verfügen. Um eine Wiederaufrüstung zu erschweren, gaben die Besatzer eine Art „Nutzungskatalog“ vor. Danach musste das Gros des neu hinzugewonnenen Areals als öffentlich nutzbares Grün hergerichtet werden. Das Ergebnis waren parkähnliche, im Stil der damals beliebten englischen Landschaftsgärten angelegte Erholungszonen.

Ruhezonen statt Bastionen

Eine ähnliche Entwicklung hatte zuvor auch in Bückeburg und Stadthagen eingesetzt. Die seit 1787 residierende, vom Geist der Aufklärung beseelte schaumburg-lippische Landesherrin Juliane entpuppte sich als Liebhaberin romantisch-herrschaftlich geprägter Gartenzier. Schon bald nach Amtsantritt begann sie damit, die zuvor noch von ihrem Vorgänger Graf Wilhelm mit großem Aufwand auf Vordermann gebrachten Bastionen und Kasematten zurückzubauen. An deren Stelle entstanden parkähnliche Ruhezonen mit Alleen, Wasserkünsten, „Schlängelwegen, Liebestempeln sowie lauschigen Lauben und Grotten.

Die damals allerorten einsetzende „Renaturierungswelle“ wurde nicht überall und von allen Zeitgenossen für gut befunden. Zu den wenigen Ausnahmen gehörte der berühmt gewordene Architekt und Landschaftsplaner Johann Conrad Schlaun (1695-1773). Eine „wundersam schöne und offene Situation“ sei für die Städte durch den Verlust ihrer Verteidigungsfunktionen eingetreten, sah der Barock-Meister die heutige Entwicklung voraus. Nur selten in der Geschichte hätten Kommunen durch eine einzige Entscheidung so große Flächen in die Hände bekommen wie durch die Schleifung ihrer Befestigungsareale. „Eine Zäsur, welche das Gesicht dieser Städte grundlegend verändern wird“.

Quellenhinweis:

„Die grüne Grenze – Stadtgrün und Stadtbefestigung in Schaumburg“ von Dr. Martin Fimpel (abgedruckt in dem Band „Träume vom Paradies“, Schaumburger Studien Heft 58/19);

„Stadt und Festung Rinteln“ von Karl Vogt (Schaumburger Heimathefte 11/1964), und

„Stadthagen und seine Befestigungen“, unveröffentlichtes Material, 1991 von Manfred Bölk verfasste Darstellung des Stadthäger Verkehrsvereins.

Grundriss der Festungsstadt Stadthagen aus dem Jahr 1784.



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