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25 Schaumburger Familien nehmen an speziellen Förderprogrammen teil – um Kinder und Eltern gleichermaßen zu erziehen

„Zeigen, woran Eltern nie geglaubt haben“

Milena ist vom kleinen, orangefarbenen Tischtennisball fasziniert. Dessen Anziehungskraft schlägt sogar noch die beiden Kastanien, die sie zwischendurch immer mal wieder über den blank geputzten Fußboden des kleinen Zimmers in einer Wohnung in einer Stadt im Landkreis Schaumburg rollen lässt.

veröffentlicht am 30.10.2009 um 23:00 Uhr

Zauberding: Margareta Schares lässt Milena freie Hand mit der Pa

Autor:

Jan Peter Wiborg

„Nächsten Monat wird sie zwei Jahre alt“, sagt ihre Mutter Nongyao Naipawan und lächelt freudig. Milena ist derweil auf den Stuhl gestiegen, richtet sich auf und versucht, auf den Tisch zu klettern.

In der anderen Ecke des Raumes sitzt die Hausbesucherin Margareta Schares. Gemeinsam mit Milenas Mutter verfolgt sie den Weg des Kindes. „Darf sie auf den Tisch klettern?“ Milenas Mutter nickt. Sie freut sich über jeden Fortschritt ihrer kleinen Tochter, die es nicht lange auf dem Tisch hält. Der Tischtennisball gerät erneut in den Blick.

Milena greift sich eine Pappröhre und steckt den Ball hinein. Als er auf der anderen Seite wieder hinausrollt, klatscht sie sich selbst Beifall; die Mutter und die Hausbesucherin applaudieren ebenfalls. Das Mädchen hat für sich etwas Neues entdeckt: Man kann den Ball und auch die Kastanien für einen Moment in der Röhre weg- und wieder herzaubern.

Schick – aber ohne Hut fühlt Niklas sich schließlich wohle
  • Schick – aber ohne Hut fühlt Niklas sich schließlich wohler. Eltern sollen mit ihren Kindern ungehindert spielen und kreativ sein.

Margareta Schares stimmt „die Bärenjagd“ an. Während Milena tanzt, sich die Hand ans Ohr legt und auf die Schenkel klopft, singen die beiden Frauen das Kinderlied. Was Milena Spaß macht, bildet für ihre thailändische Mutter fast nebenbei eine gute Gelegenheit, im Spiel mit dem Kind ihre Deutschkenntnisse weiter zu verbessern.

Für den kleinen Niklas hat die Hausbesucherin Martina Elsner an diesem Morgen unter anderem verschiedenes Papier in das Dorf in der Nähe von Lauenau mitgebracht. Unter den Blicken von Mutter Jenny Kasparek räumt der Zweijährige die Tüte aus. Einem frisch gefalteten Papierhut, der auf der Tour über den Kopf von Martina Elsner, den Kopf seiner Mutter schließlich auf seinem Kopf landet, schaut er ein wenig skeptisch hinterher. Hutmode ist noch nicht so sein Ding. Spannend und wichtig ist es, erst einen Holzklotz und dann sein großes blaues Plastikauto in Papier zu verpacken.

Mutter Jenny lobt ihren Sohn, berichtet der Hausbesucherin von den Fortschritten, die sie bei Niklas in den vergangenen zwei Wochen beobachtet hat. „Licht an“, sagt Niklas, als wolle er unterstreichen, was seine Mutter, die mit viel eigener Begeisterung dabei ist, erfreut über ihn erzählt. Auch bei Niklas bildet „die Bärenjagd“ das fröhliche Finale einer konzentrierten halben Stunde.

Die Familien von Melina und Niklas nehmen gemeinsam mit 25 weiteren Familien im Landkreis Schaumburg an den Spiel- und Förderprogrammen „Schritt für Schritt – von Anfang an“ und dem aufbauenden „Opstapje – Schritt für Schritt“ teil.

„Es ist ein präventives Förderprogramm, und es geht darum, die Beziehungen der Mütter zu den Kindern zu stärken“, erläutert die Diplom-Sozialpädagogin Christel Varelmann vom Kinderschutzbund, Kreisverband Schaumburg.

„Wir wollen frühzeitige Unterstützung leisten, bevor sozusagen das Kind in den Brunnen gefallen ist“, ergänzt ihre Kollegin, Diplompädagogin Birgit Schaper-Gerdes.

Den Ausgangspunkt für den Aufbau eines „regionalen Frühwarnsystems“ bildet das ursprünglich in den Niederlanden entwickelte Programm „Opstapje“, ein Spiel- und Lernprogramm für Kinder von 18 Monaten an und ihre Eltern. Um noch früher tätig werden zu können, haben Varelmann und Schaper-Gerdes „Schritt für Schritt – von Anfang an“, einen weiteren Baustein, entwickelt. Hier beginnt das gegenseitige Lernen oft bereits, wenn die Kinder zwei Monate alt sind.

Vor anderthalb Jahren hat der Kinderschutzbund „Opstapje“ in Schaumburg gestartet. Die Kosten von rund 60 000 Euro im Jahr teilen sich das Land Niedersachsen als Teil des Programmes „Familien mit Zukunft“ und der Landkreis Schaumburg. „Rund 200 Euro im Monat kostet die Betreuung eines Kindes im Monat“, sagt Varelmann. Auch die Familien zahlten einen geringen Obolus selbst.

Aufgrund der „guten Vernetzung vor Ort“ sei es anfangs schnell gegangen, die 25 häufig von Armut oder Arbeitslosigkeit betroffenen Familien zu finden. Die gute Vernetzung resultiert aus der Arbeit des Kinderschutzbundes und meint unter anderem Kontakte mit der Familienhilfe des Landkreises, mit dem Jugendamt, Kinderärzten und der Frühförderung.

Zwei Hausbesucherinnen kümmern sich mit wöchentlichen häuslichen Stippvisiten von einer halben bis zu einer ganzen Stunde um die Familien. Zusätzlich stehen alle zwei Wochen Gruppentreffen an, bei denen die Familien auch untereinander Kontakte knüpfen können und wichtige Informationen zur Entwicklung und Erziehung ihrer Kinder bekommen.

„Für uns ist so ein Tandemmodell spannend“, meint Varelmann. „Wir Pädagoginnen tragen die Verantwortung, und die Hausbesucherinnen setzen das vor Ort um. Sonst könnten wir gar nicht so viele Familien auf einmal erreichen.“

Ursprünglich sollte „Opstapje“ mit Laienhelferinnen bestückt werden. Varelmann und Schaper-Gerdes berichten von der Arbeit mit Mitarbeitern in Berlin, die aus denselben Wohnvierteln stammten wie die Familien selbst. Dies sei für Schaumburg nicht umsetzbar gewesen: „Wir wollten geschulte Frauen.“

Während Margareta Schares Familienpflegerin gelernt hat, absolvierte Martina Elsner eine 160-stündige Tagesmütterausbildung bei der Kinderbetreuungsagentur des Landkreises. Aber ein Grundsatz steht beim Kinderschutzbund über allem: „Die Frauen müssen Herz und eine wertschätzende Haltung Menschen gegenüber haben.“

„Wo es notwendig ist, kennen wir die Kinder auch“, berichten die Varelmann und Schaper-Gerdes. Falls in den regelmäßigen Gesprächen – oder auch zwischendurch – von den Hausbesucherinnen „Sorge“ signalisiert und von Schwierigkeiten berichtet wird, sind die Expertinnen vom Kinderschutzbund sofort zur Stelle. Für Milena und Niklas ist das nicht notwendig. Die beiden Kinder haben Vertrauen gefasst; ihre Mütter sind mit Begeisterung bei dem Programm dabei.

„Es geht um das gemeinsame Spielen, um das Beobachten der Kinder und um das, was die Kinder von sich aus tun.“ Gerne erläutert Schaper-Gerdes die Grundphilosophie der Spiel- und Lernprogramme: „Es ist eine ganz achtungsvolle und wertschätzende Wahrnehmung der Kinder“.

„Kinder sind Forscher, Eltern die Assistenten“

„Ein Stück weit ist die Hausbesucherin auch als Modell da, das im Laufe des Programmes immer mehr zurücktritt und die Mutter diese Dinge übernehmen lässt“, fügt Varelmann hinzu. Die Eltern sollten ihr Kind differenzierter als eigenständige Persönlichkeit erkennen können, mit eigenem Entwicklungstempo und mit Spezialinteressen. „Das ist über das Spiel zu transportieren.“

„Die Kinder sind die Forscher und die Eltern die Forschungsassistenten.“ Dieser Satz kennzeichnet für Schaper-Gerdes die Zielrichtung. Erforscht werden soll zum Beispiel, worüber sich das Kind freut und was für ein Kind in der betreffenden Situation stimmig sei. Varelmann: „Das ist auch die Kunst, die die Hausbesucherinnen ganz beachtlich hinbekommen, situationsbedingt eben nicht darauf zu beharren, das etwas Bestimmtes passiert.“

Langsam aber sicher wollen die helfenden Frauen die „symbiotische Verbindung aufzudröseln“, in der das Kind nicht als verlängerter Teil seines eigenen Egos zu sehen sei, sondern als eigenständiges Wesen, das man zu begleiten habe. Kinder würden oft in Rollen gedrängt, die sie „zu groß oder zu brav“ sein ließen.

Die Hausbesucherinnen bringen zu jedem Besuch einige neue Anregungen mit. Kein vorgefertigtes Spielzeug, sondern völlig unterschiedliche Dinge, die die Fantasie anregen. Das können Tücher, Schneebesen und andere Haushaltsgegenstände sein.

„Wenn die Anregungen passen, reagieren die Kinder unglaublich“, berichtet Varelmann. „Sie zeigen etwas, woran die Eltern nie im Leben geglaubt haben.“

Milena, Niklas und die anderen Kinder, sollen das Gefühl vermittelt bekommen, etwas Kreatives tun, eigene Aktivität empfinden und etwas verändern und aufbauen zu können. Auch das Singen von Kind und Eltern bildet einen Bestandteil der Besuche.

Die Tatsache, dass „das Kind sich in positiver Resonanz zu seinem Gegenüber“ erlebt, bildet für Varelmann und Schaper-Gerdes einen entscheidenden Baustein des kindlichen Lernens. „Das Neugierverhalten ist bei Kindern angeboren.“ Es sei „Lebensantrieb schlechthin“. Aufgabe der Eltern sei es, das Kind dabei zu beobachten, es gewähren lassen. Diesen Prozess unterstützt das Team des Kinderschutzbundes. Die Familie bekommt nicht nur viel Bastelmaterial und Spielzeug, sondern speziell gegen Ende der Zeit mit den Hausbesucherinnen jede Woche eine neue Hausaufgabe.

Bestimmte Bereiche der rund 100-teiligen Einheiten beim Programm „Schritt für Schritt“ sind aus dem „PEKIP“-Programm („Prager Eltern-Kind-Programm) entwickelt. Für Varelmann und Schaper-Gerdes bildet das ein Indiz dafür, dass sich ein großer Teil der Arbeit nicht nur auf sozial benachteiligte Familien beziehen müsste: „Manchmal fehlen eigentlich nur die Zeiträume für Kinder und das genaue Hinschauen, um die Kinder dort abholen zu können, wo sie stehen.“



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