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Fachwerkschmuckmotive an Bauernhäusern im Schaumburger Land – Reste heidnischer Symbolik?

Zeichen an Stänner und Dürbogen

Wer mit offenen Augen durch die heimischen Dörfer fährt, kann noch zahlreiche, gut erhaltene Fachwerkbauernhäuser entdecken. Einige stechen zusätzlich durch reich verzierte Giebelfassaden hervor. Auf dem „Dürbogen“ oberhalb der „Nien Dür“ (großes Dielentor an der Eingangsfront) sind der Name des Bauherrn, seiner Frau und die Jahreszahl eingeschnitzt. Darüber findet sich ein Sinnspruch oder Bibelvers. Manchmal „runden“ farbig ausgemalte Rosetten das Gesamtkunstwerk ab. Hin und wieder ist auch das Zimmermannszeichen angebracht. Gute Fachwerkmacher waren überregional bekannt und begehrt. Studierte Fachwerk-Architekten und Statiker gab es früher noch nicht.

veröffentlicht am 19.05.2012 um 00:00 Uhr

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An einigen Häusern sind – zusätzlich zu den Querbalken – auch die „Stänner“ (tragende Fachwerkständer beiderseits der Dielentür) verziert - und zwar mit sehr charakteristisch und höchst eigenwillig anmutenden Schmuckelementen. Meist ist eine Art Säule oder auch ein Stamm zu erkennen. An anderen Häusern rankt ein Blütenstiel auf den Balken empor. Im oberen Teil sind – symbolhaft angedeutet – Blumen und/oder Gestirne aufgemalt. Die Ausformung der Einzelheiten ist von Dorf zu Dorf verschieden. Ab und zu ist auch der „Dössel“, der herausnehmbare „Dürstänner“ zwischen den Dielentorflügeln, in die kunstvolle Frontgestaltung einbezogen.

Über Herkunft und Bedeutung der Schmuckdarstellungen ist wenig bekannt. Das häufige Vorkommen bestimmter Motive lässt nach Meinung der Volkskundler darauf schließen, dass es sich um althergebrachte und möglicherweise bereits aus vorchristlicher Zeit stammende Symbolzeichen handelt. Nach Auffassung des langjährigen Großenwiedener Lehrers und ausgewiesenen Heimatkundlers Fritz Böger deutet einiges auf germanische Ursprünge hin. Die Glaubensvorstellungen der einst hierzulande lebenden Ureinwohner seien vor allem durch das Wirken der Sonne auf den Jahresrhythmus der Natur bestimmt gewesen, heißt es in einem von dem 1984 verstorbenen Fachmann unter dem Titel „Holzschnitzkunst an alten Fachwerkhäusern“ abgefassten und in Heft 6/1975 der Reihe „Schaumburger Heimat“ abgedruckten Beitrag.

Die runden Formen wie Kreis, Ring, Scheibe, Rosette und Speichenrad stellen laut Böger die Leben spendende Kraft der Himmelsscheibe und den Neuanfang des irdischen Blühens dar. Eine ähnliche Bedeutung komme den auf den Dielenständern abgebildeten, meist aus einem blumentopfartigen Gefäß emporwachsenden und/oder mit einer Kugel gekrönten Baumdarstellungen zu. Sie symbolisierten den „Lebensbaum“ als Sinnbild des stetig neu erwachenden Lebens, das „unter den Strahlen der neuen Jahressonne aus der Erde hervor sprießt“. Es sei die gleiche Symbolik, wie sie auch bei dem bis heute praktizierten Ritual des Mai- oder Pfingstbaumaufstellens zum Ausdruck komme.

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Eine ähnliche Erklärung findet sich in einem Aufsatz des verstorbenen Heimatforschers Hermann Eggers aus Krainhagen. Das Ursprungsmotiv der Baum- und Pflanzensymbolik sei die Irminsul, heißt es in einem vor etlichen Jahren in den Schaumburg-Lippischen Heimat-Blättern (Heft 11/1999) veröffentlichen Bericht. Hintergrund: Die „Irminsäule“ war das legendäre Nationalheiligtum der einst hierzulande lebenden Cherusker und Sachsen. Es soll sich um eine hohe, in einem geweihten Hain stehende und dem Gott Irmin gewidmete Säule gehandelt und die Verbindung („Lebensstrom“) zwischen Himmel und Erde symbolisiert haben. Einzelheiten sind nicht bekannt.

„Sie verehrten auch unter freiem Himmel einen senkrecht aufgerichteten Baumstamm von nicht geringer Größe“, heißt es in der einzigen überlieferten, im 9. Jahrhundert zu Papier gebrachten Beschreibung. Als Kultzentrum der in unserer Region beheimateten Germanenstämme und als Standort ihrer „Weltsäule“ gelten die Externsteine. Darüber hinaus soll es geheiligte Plätze an der „Eresburg“ südlich von Paderborn und am Hohenstein (bei Hessisch Oldendorf) gegeben haben.

Die heute im Holzwerkbau tätigen Spezialisten stehen der Irminsul-Theorie skeptisch gegenüber. Der Bezug zum Germanentum sei mehr als zweifelhaft, weist Architekt Manfred Röver, ausgewiesener Fachwerk-Profi und amtlich bestellter Kreisbaudenkmalpfleger, auf die mangelhafte Beweislage hin. Nach seiner Einschätzung ist die auffällige Ornamentik Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts „in Mode gekommen“. Ähnlich zurückhaltend fällt auch der Kommentar von Rövers in Meinsen ansässigem Kollegen und Dorfentwicklungs-Experten Volker Wehmeier aus. Die Herkunft der Schmuckelemente sei unklar. An den ältesten noch erhaltenen heimischen Bauernhäusern habe man keine Verzierungen feststellen können.

Wie dem auch sei, sicher ist, dass der eigenwillige Zierrat eine bemerkenswerte, offensichtlich einst weitverbreitete Besonderheit der heimischen Dorflandschaft darstellt. Vieles davon ist dem nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Modernisierungsboom und/oder dem anhaltenden „Höfesterben“ zum Opfer gefallen. Trotzdem kann man auch heute noch überall im Schaumburger Land mehr oder weniger gut erhaltene Schmuckfassaden entdecken.

Die Fachwerk-Spezialisten und amtlich bestellten Baudenkmalpfleger Manfred Röver aus Apelern (l.) und Volker Wehmeier aus Meinsen stehen der Irminsul-Theorie skeptisch gegenüber.

Wer mit offenen Augen durch Schaumburgs Dörfer fährt, kann noch auf zahlreiche, reich verzierte Fachwerkbauernhaus-Fassaden treffen. Hier Beispiele aus Rinteln-Engern (v.l.), Schierneichen (Samtgemeinde Nienstädt) und dem Auetal. Fotos: gp



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