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Hameln-Pyrmont nach dem Krieg

Zehntausende brauchten einen Platz zum Leben

Hameln-Pyrmont. Die dunkle Zeit des Nationalsozialismus war überstanden. Für den Kreis hatte die Stunde Null geschlagen. Eine Verschärfung der allgemeinen Notlage brachte besonders in den Jahren 1946 und 1947 nun der nicht endende Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen aus den Ostgebieten. Durch den Flüchtlingsstrom stieg die Einwohnerzahl des Kreises von rund 50 000 vor dem Krieg auf über das Doppelte. Wohnraumnot und Arbeitslosigkeit waren die Folge.

veröffentlicht am 25.05.2010 um 15:49 Uhr
aktualisiert am 04.02.2011 um 11:25 Uhr

Alltag in der zur Notunterkunft hergerichteten Domag-Fabrikhalle

Von Joachim Zieseniß

Besonders hart traf die Flüchtlingswelle und die notwendige Wohnraumbewirtschaftung Bad Pyrmont mit seinen Pensionshäusern: Die Stadt musste über 10 000 Neubürger aufnehmen. Die Einwohnerzahl der Kurstadt stieg bis 1948 auf 18 892 Einwohner. Das entsprach einem Zuwachs von 113,5 Prozent. Ähnlich sah es in den anderen Gemeinden des Kreises aus. So war beispielsweise Afferde bis 1960 um 111 Prozent auf 2519 Einwohner angewachsen. Das hatte hier eine rege Neubautätigkeit zur Folge. Auch Welsede erlebte einen Einwohnerboom: Hier stieg die Bevölkerung bis 1948 von 184 auf 384.

Hameln, damals kreisfrei, erlebte einen Zustrom von 12 000 bis 15 000 Flüchtlingen, die der Stadt von der Regierung in Hannover zugewiesen wurden, und zählte infolge der Transporte 1950 50 622 Einwohner. Am 8. April 1945, dem Tag der Besetzung Hamelns durch die Amerikaner, hatte die Stadt 34 279 Einwohner.

Im November 1946 waren alle Unterkünfte in Privathäusern belegt. Die Stadt richtete daraufhin Massenunterkünfte in Fabrikhallen von Domag, der späteren AEG, und in den Maggi-Werken ein. In den Jahren 1945 bis 1949 hatte jeder Mensch in der Stadt Hameln nur etwa acht Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung.

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War der Zuwachs in den Städten und Gemeinden in den ersten Nachkriegsjahren vielfach dramatisch, so war schon bald durch Fortzug oder Umsiedlung auch wieder ein Sinken der Einwohnerzahlen zu verbuchen. Ein gutes Beispiel war diesbezüglich Bessinghausen, das zunächst fast um das Dreifache anwuchs, aber schon 1960 mit 130 Einwohnern nur 22 mehr hatte als 1939. Ähnlich sah es in den anderen rund 60 Gemeinden des Kreises aus: Die Zuwachszahlen sanken schnell wieder. Manche Dörfer, wie beispielsweise Großenberg und Eichenborn, Gellersen oder Neersen, hatten schon bald wieder die gleichen Einwohnerzahlen wie vor dem Krieg.

Rund 26 000 Vertriebene hatte der Landkreis am 1. Januar 1958 bei einem Bevölkerungsstand von 78 561 Einwohnern aufgenommen. Hameln-Pyrmonts Neubürger waren überwiegend Niederschlesier der Regierungsbezirke Breslau und Liegnitz sowie Oberschlesier. Ein kleinerer Zuwanderer-Anteil waren Ostpreußen, die sich vorwiegend in Kirchohsen und Groß Hilligsfeld niederließen. In Levedagsen fanden viele Pommern-Flüchtlinge eine neue Heimat.

Das Einströmen von Zehntausenden aus den deutschen Ostgebieten führte zu einem merkbaren Strukturwandel in der Bevölkerung – kulturell wie konfessionell: War die Kreisbevölkerung vor dem Kriege überwiegend protestantischen Glaubens, so gehörten die Neubürger aus dem Osten zahlenmäßig stark der katholischen Kirche an. So war die Anzahl der Katholiken 1950 im Kreis auf 12 434 angestiegen. 1939 gab es hier lediglich 2568 Katholiken. Über 13 Prozent der Kreis-Bevölkerung war damit jetzt katholisch; in manchen Orten wie in Diedersen, Behrensen, Haverbeck, Dehmkerbrock, Königsförde, Welsede und Gellersen stieg der Anteil an Katholiken sogar auf Werte zwischen 20 und 30 Prozent. Allein Herkensen blieb unter fünf Prozent. Besonders stark hatte sich der Anteil der Hameln-Pyrmonter katholischen Glaubens links der Weser um Pyrmont herum und auf der Hochebene entwickelt. Pyrmonts katholische Gemeinde etwa war durch Flüchtlingszustrom von 300 auf über 3000 Seelen gewachsen.

Zuwächse, die zur Gründung von neuen katholischen Pfarrämtern und Kirchen führten. Denn bislang gab es für Katholiken nur Gotteshäuser in Hameln, Bad Pyrmont und eine kleine Kapelle in Friedensthal. In Aerzen, Coppenbrügge, Grießem, Grohnde, Haverbeck, Hemeingen, Lauenstein und Polle wurden neue Pfarrämter eingerichtet, neue katholische Kirchen in Grießem, Hemeringen und Polle.

Wohnraum für Zigtausende zu schaffen war die Herausforderung der Stunde. Bund, Land und Kreis förderten den sozialen Wohnungsbau, 1959 beispielsweise wurden im Kreis 445 Neubauwohnungen in 231 Häusern erstellt, um die 300 Neubauten wuchsen in dieser Zeit pro Jahr aus dem Boden, vielfach mit Unterstützung der öffentlichen Hand. Neue Straßenzüge und Ortsteile entstanden, die das Landschaftsbild veränderten. Den Anstoß zu der lebhaften Bautätigkeit hatte 1947 der Kreis mit der „Gemeinnützigen Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft für den Kreis Hameln-Pyrmont“ selbst gegeben. Auch der „Gemeinnützige Bauverein Bad Pyrmont“ und mehrere andere Baugenossenschaften, darunter die „Ohrberg Siedlungsgesellschaft“, verfolgten das Ziel: Wohnraum schaffen für die rapide gestiegene Zahl der Kreisbewohner.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Das Kreishaus am Hamelner Pferdemarkt.

Vertriebene in einem Güterwagen: Zehntausende Flüchtlinge ließen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg die Bevölkerungszahl des Landkreises sprunghaft ansteigen.

Fotos: Archiv

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