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"Konzert für das Erinnern": Erschütternde Details aus dem KZ-Alltag aus dem Blickwinkel eines Opfers

Zange rein, Zahn raus - so ging's die ganze Nacht

Bückeburg (mig). Mit einem bewegenden "Konzert für das Erinnern" und einer Lesung aus der Zeitzeugenbiographie des Auschwitz-Überlebenden Nachum Rotenberg ist im Gymnasium Adolfinum an die Opfer der Naziherrschaft erinnert worden. Kurz vor dem Holocaust-Gedenktag am Sonntag trug der bekannte Journalist und Künstler Matthias Horndasch Passagenaus seinem Interview-Buch "Ich habe jede Nacht die Bilder vor Augen" vor.

veröffentlicht am 29.01.2008 um 00:00 Uhr

Der Journalist und Künstler Matthias Horndasch trägt im Forum de

Ganz still war es in der großen Aula des Adolfinums zwar nicht, die einzigartige Verbindung von Klavierkonzert und authentischer Lesung trug aber schnell dazu bei, die Jugendlichen aus dem Schulalltag abzuholen. Horndasch, der auch durch die Moderation der "Weißen Runde" in Hannover bekannt ist, begann mit Eigenkompositionen zwischen Klassik und Jazz ( "Die Unbekannten", "Pax/Frieden", "Kleines Requiem", "Sarah", "Poznans Winter", "Looking Back" oder seine Filmmusik zu "Misstraue der Idylle" (ZDF), spielte aber auch Stücke von Dizzy Gillespie oder John Coltrane. Zwischendurch dann die Lesung eindringlicher Passagen aus dem Buch "Ich habe jede Nacht die Bilder vor Augen - Das Zeitzeugnis des Nachum Rotenberg" (Matthias Horndasch/ Nachum Rotenberg, Hrsg. Region Hannover 2006). Mit knappen, ruhigen Sätzen stellte der Künstler den Leidensweg des Auschwitz-Überlebenden Nachum Rotenberg vor, der im "Ghetto Lodz" begann undüber "Auschwitz-Birkenau" in den Steinbruch und das KZ Ahlem bei Hannover führte. "Es ist mir sehr wichtig, alles von damals zu erzählen, zum einen für die heutige Jugend, zum anderen für all jene, die nicht glauben, dass so etwas Unmenschliches wirklich passiert ist ...", sagt Nachum Rotenberg, der heute in Tel Aviv lebt. Rotenberg berichtet von den Tagen im Ghetto Lodz ("Überall im Ghetto fand man Tote auf den Straßen. Ständig wurden erfrorene Körper aus den Wohnungen herausgeholt"), seinen Tagen im Konzentrationslager und dass ihn das Erlebte bis heute nicht losgelassen hat. "Den älteren Menschen, die Goldzähne hatten, haben sie diese einfach mit einer Zangeaus dem Mund heraus gebrochen, ohne Betäubung. ,Mach das Maul auf!', Zange rein, Zahn raus - so ging das die ganze Nacht lang ...", erinnert sich derÜberlebende. "Eigentlich hatten wir aufgehört, an die Existenz Gottes zu glauben. Wir konnten nicht glauben, dass es einen Gott gibt, der zulässt, dass tagtäglich Tausende und Zehntausende Menschen ins Krematorium in den Flammentod geschickt wurden! ..." Geholfen habe den Menschen damals kaum einer, sagt Rotenberg heute, "niemand von denen soll bloß sagen: ,Wir haben nichts gesehen, wir haben nichts gewusst', denn wir sind vor ihnen durch die Straßen gegangen, und wir liefen zusammen mit ihnen in die Bunker ..." klagt er an. Begonnen hat Horndasch mit der Befragung von Zeitzeugen schon vor etlichen Jahren. "Menschen, denen fürchterliches Leid widerfahren ist, sprechen oft nicht darüber und schämen sich dafür", machte er deutlich und forderte die Schüler kurz vor der Landtagswahl zur Stimmabgabe auf. "Sonst erstarken Parteien am rechten Rand." Horndasch hat auch mit anderen Zeitzeugen gesprochen ( www.holocaust-survivors.eu ) und begleitet viele Geschichts-Projekte ("Weiße Runde" in Hannover). Die Zitate wurden entnommen dem Buch Horndasch/Rotenberg: "Ich habe jede Nacht die Bilder vor Augen", Hrg. Region Hannover 2006, ISBN 3-00-017910-0.

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