weather-image
27°
Sozialarbeiter-Team übernimmt die ehemalige Gaststätte „Am Bahnhof“ / Zentraler Anlaufpunkt

Wohnprojekt stellt Weichen für neues Konzept

Aerzen (sbr). Multifunktional sollte das Haus sein, zentral in der Gemeinde Aerzen gelegen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen. Platz zum Feiern und Zusammenkommen für etwa 50 Personen plus Familien und Freunde sollte es bieten, darüber hinaus Büro- und Besprechungsräume, einen großen Garten und eine nette Nachbarschaft. Und natürlich musste die Immobilie, die Heike Brandt, Dietrich Gille und Bernd Schumann suchten, finanziell in den Rahmen der Sozialarbeiter passen. Mit dem Erwerb der ehemaligen Aerzener Bahnhofsgaststätte hat sich das Sozialarbeiter-Team einen langgehegten Wunsch erfüllt: „Hier im ehemaligen Gasthaus ,Am Bahnhof‘ ist nach umfangreichen Umbau- und Renovierungsmaßnahmen ein zentraler Anlaufpunkt für die insgesamt fast 50 Bewohner der Aerzener Wohngruppen an der Osterstraße und am Groß Berkeler Flöth sowie dem betreuten Wohnen am Marktplatz und in der August-Dreier-Straße entstanden“, erklärt Heike Brandt, Einrichtungsleiterin der Wohngruppen Aerzen.

veröffentlicht am 14.10.2009 um 17:50 Uhr
aktualisiert am 22.10.2009 um 10:54 Uhr

270_008_4184612_lkae104_14.jpg

Die ehemalige Bahnhofsgaststätte in Aerzen gilt nun als zentraler Anlaufpunkt der rund 50 Bewohner der Aerzener Wohngruppen.

Mit dem großen Saal, dem ehemaligen Gastraum, der zusätzlich zur Theke mit einem Tischkicker und einem Billardtisch ausgestattet wurde, und der Bundeskegelbahn eröffnen sich für die Bewohner ganz neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Darüber hinaus ist in der ehemaligen Bahnhofsgaststätte Platz für zwei weitere Wohnungen, in denen Menschen mit Handicap betreut wohnen können. „Neue Besprechungs- und Büroräume sowie eine private Wohnung runden das Konzept unseres Projekts Bahnhof ab“, erklärt Heike Brandt.

Das bedürfnisorientierte Betreuungskonzept in Aerzen kann auf eine über 30-jährige Geschichte zurückblicken. 1978 wurde Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Behinderungen von der Familie Pleinert erstmals die Möglichkeit eingeräumt, innerhalb einer Wohngruppe mit Familienanschluss betreut zu leben. Um dieses erste alternative Wohnprojekt im Landkreis zu realisieren, wurde damals für einige Jahre ein ehemaliges Gasthaus in Flakenholz angemietet und der Verein Sozialzentrum Hameln-Pyrmont gegründet. Mit der Übernahme des Wohnhauses in der Osterstraße 1989 entstand die erste Außenwohngruppe behinderter Menschen in Niedersachsen.

270_008_4184611_lkae103_14.jpg

Heike Brandt übernahm zum 1. Januar 2000 die Wohngruppen-Einrichtungen in Aerzen und Groß Berkel vom Sozialzentrum Hameln- Pyrmont e.V. Später kamen noch zwei weitere Standorte am Aerzener Marktplatz und in der August-Dreier-Straße hinzu.

Erste Überlegungen für ein kulturelles Zentrum

„Die Verselbstständigung unserer Bewohner beginnt im Wohnheim“, erklärt die Sozialarbeiterin. „Hier haben sie die Möglichkeit, abgesichert in einem engen Beziehungsgeflecht, das teilweise selbstständige Leben auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln, Chancen zu ergreifen und eine gewisse Eigendynamik zu entwickeln. Ziel ist, dass der Bewohner oder die Bewohnerin erkennt: Ich kann mehr, als ich beziehungsweise man mir zutraut“, so Heike Brandt weiter. „Wir unterstützen und begleiten unsere Bewohner, das gilt auch für Partnerschaften, und ebnen ihnen je nach persönlichen Möglichkeiten den Weg ins betreute Wohnen. Jeder wird von uns dort abgeholt, wo er steht“, betont Dietrich Gille.

„Zu beobachten ist in jüngster Zeit, dass mit zunehmender sozialer Verwahrlosung innerhalb der Gesellschaft eine ganz neue, junge Klientel im betreuten Wohnen eine angemessene Betreuung findet. In manchen Fällen ist es schon heilsam, wenn den jungen Menschen die Möglichkeit eingeräumt wird, in einer gesunden Gemeinschaft zu leben, in der sie sich auf Freunde verlassen können“, gibt Bernd Schumann zu bedenken. Die „Jungen Wilden“ werden sie von den Betreuern liebevoll genannt, und um gerade ihnen neben der Beschäftigung in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen eine sinnvolle Freizeitgestaltung abseits von Fernseher und Spielkonsole zu ermöglichen, werden oft gemeinsame Aktivitäten durchgeführt, Sport betrieben und auch Urlaubsfahrten organisiert. „Unsere Fußballmannschaften sind bei den Bewohnern besonders beliebt, aber auch andere Fitnessangebote innerhalb der Gemeinde werden regelmäßig und gern besucht“, erzählen die Sozialarbeiter.

Die Altersspanne reicht von der Volljährigkeit bis hin zum Eintritt ins Rentenalter. Genauso breitgefächert sind die Interessen der Bewohner, auf die die Betreuer möglichst individuell mit Unterstützung der neun Mitarbeiter eingehen. Für die Zukunft haben Heike Brandt, Dietrich Gille und Bernd Schumann ein weiteres, ganz großes Ziel vor Augen. Ihre Überlegung: „Wir würden gern einen Verein gründen, der, vom integrativen Gedanken getragen, Kultur zum Beispiel in Form von Theater hier in unser neues Haus bringt und die Vernetzung von Initiativen innerhalb des Ortes intensiviert. Darüber hinaus bietet so ein ,Kultur-Bahnhof‘ eine gute Möglichkeit, Menschen mit und ohne Handicap zusammenzuführen.“

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare