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Fondsmanager Jörg Schneider plaudert über seinen Job, das Geldanlegen und Erfolgsaussichten

Wohin mit dem Geld?

Es ist schon vertrackt: Am Zinsmarkt muss man froh sein, wenn die Geldanlage nicht mit einem Minus zurückkommt. Wer in Immobilien investieren will, der bekommt kaum etwas, so leergefegt ist der Markt. So darf es nicht verwundern, dass sich die Anleger verstärkt auf dem Aktienmarkt tummeln. Doch hier ist und bleibt die Frage aller Fragen natürlich: In welche Aktie, in welche Branche, in welches Segment soll ich investieren?

veröffentlicht am 08.09.2018 um 09:42 Uhr

„In das neue Industriezeitalter investieren“: Jörg Schneider von der Union Investment in Frankfurt. Foto: wfx
Thomas Thimm

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Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Der typische Anlagekunde hierzulande ist eher konservativ, auf Sicherheit bedacht, kein Zocker eben. Die, die das sagt, muss es wissen: Gaby Hansel geht jeden Tag mit Kunden um, die ihr Geld anlegen wollen. Und das Anlagevolumen steigt, die Unterschiedlichkeit der Kunden nach Hansels Erfahrung jedoch auch. Die stellvertretende Leiterin der Wertpapierabteilung bei der Volksbank Hameln-Stadthagen sagt: „Die lange Zeit des für Anleger schlechten Zinsniveaus befördert die Bereitschaft, sich mit diversen Anlagemöglichkeiten zu beschäftigen.“ Mehr Aktien, weniger Sparbuch.

Bei der Suche nach der richtigen Idee, dem guten Feeling und dem siebten Sinn für zukunftsträchtige Anlagen verlassen sich Banker für gewöhnlich auf Branchenkenner, Analysten und Fondsmanager. Jörg Schneider von der Union Investment in Frankfurt ist solch ein Fondsmanager, jemand, der sich mit Unternehmenszahlen auskennt, der ein Gespür dafür entwickelt hat, was morgen en vogue sein könnte, welches Unternehmen gerade emporsteigen könnte, welche Anlage in welche Branche für den Bankkunden lukrativ sein könnte.

Könnte. Denn auch in der Finanzwelt hat der Konjunktiv seine Zelte aufgeschlagen. Es gibt halt keine Gewähr für Anlagetipps – und den einen guten Tipp gibt es an der Börse bekanntlich ohnehin nicht. Schneider sagt über seinen Job: „Ein Fondsmanager sondiert die Märkte, spezialisiert sich möglicherweise auf Anleihen oder Rohstoffe, auf Aktienfonds oder auch gemischte Fonds, das ist sehr unterschiedlich.“

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„Informationen sind immer auch mit Unsicherheiten behaftet. Jörg Schneider, Fondsmanager

Das A und O für die Finanzexperten sind Informationen und Hintergrundwissen – „ähnlich wie in Ihrem Job bei der Zeitung“, sagt Schneider. Deshalb saugt jemand wie er tagtäglich die Nachrichten nur so auf, die allgemeinen Weltnachrichten, politische und wirtschaftliche sowieso, hat ständig Gespräche mit Firmenchefs in aller Welt, per Telefonkonferenz, per Videoschalte oder auch direkt vor Ort. Schneider: „Aus den eigenen Anschauungen auch vor Ort in den Unternehmen, aus den wirtschaftlichen Kennzahlen heraus, aus Informationen anderer Fondsmanager und Analysten bildet sich unsere Expertise, eine Meinung zu Branchen, Themen, Aktien und Unternehmen.“

Schneider selbst ist für die Union Investment vor allem für Öl- und Gasunternehmen, für den Metall- und Bergbau-Sektor sowie die Themen Digitalisierung und Automatisierung zuständig. Etwa 200 Firmen stehen pro Jahr unter seiner genauen Beobachtung, 70 bis 100 sind sozusagen ständig unter seinen Fittichen – „davon empfehle ich pro Jahr vielleicht 20 bis 30“. Seine Empfehlungen können – und sollen ja auch – in letzter Konsequenz in diversen Fonds Auswirkungen haben und dann schließlich auch beim Anlagekunden ankommen.

So wie am Donnerstagabend, als die Volksbank Hameln-Stadthagen zu einem Vortrag mit Schneider in das Steigenberger Hotel nach Bad Pyrmont eingeladen hatte. Schneider referierte vor 120 Kunden und 20 Mitarbeitern über Industrie 4.0, was die vierte industrielle Revolution wohl mit der Menschheit anstellen dürfte – und warum man „in das neue Industriezeitalter investieren“ solle.

Doch Achtung: Wie der 43-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung auf Nachfrage einräumte, „sind Informationen auch immer mit Unsicherheiten behaftet“. Zack, da war das Wort ‚könnte‘ wieder. Und ehrlich gesagt, so formulierte es Schneider nach längerem Nachdenken, liege die Quote der Glaskugel in seinem Job wohl so etwa bei 50 zu 50.

Zu den Highlights im Berufsleben eines Fondsmanagers gehört es laut Schneider, neue Unternehmen zu entdecken: „Es ist ein Privileg, dass wir auch mit den Großen der Branchen sprechen können. Es ist schon gut, wenn zum Beispiel der Siemens-Chef zwei Mal im Jahr zu uns kommt. Ein Highlight ist aber auch, dass man enorm viel mitbekommt, was auf der Welt los ist, dass wir spannende Firmen kennenlernen und manchmal auch entdecken.“

Dabei kommt es am Ende des Tages jedoch stets auf nackte Zahlen an, nicht auf Vorlieben: „Wir beurteilen Unternehmen in einem Drei-Schritte-System.“ Am Anfang stehen die Fragen nach der Qualität des Unternehmens: Wie gut ist die Kapitalrendite? Wie gut ist die Kommunikation? Gibt es Skandale? Ist das Unternehmen aufgrund von Alleinstellungsmerkmalen unangreifbar – oder ist die Ware kopierbar? Wie außerordentlich ist das technische Know-How? Im zweiten Schritt beurteilen die Schneiders dieser Welt, wie teuer ein Unternehmen ist, ob es eventuell zu teuer ist – oder andererseits vielleicht ein Schnäppchen? Und drittens schauen sich Fondsmanager an, ob sich in den Firmendaten irgendetwas fundamental verändert – Schneider: „Zum Beispiel schauen wir, ob es bei den Auftragseingängen deutliche Veränderungsraten gibt.“

Weltweit gebe es aktuell auf allen Kontinenten Unternehmen, die in allen Bereichen gute Daten vorweisen. Auffallend sei, dass es sich sehr häufig um Firmen handele, die mit der Entwicklung von Industrie-4.0-Themen zu tun haben. Schneider sagt dazu: „Das ist natürlich ein Mode-Thema, das ja weit über Fragen des Geldanlegens hinaus geht. Diese neuen Techniken betreffen ja alle – alle Wirtschaftszweige, alle Branchen, die eine mehr, die andere weniger, aber unter dem Strich alle, die Verbraucher, jeden Haushalt, alle Menschen.“

So sei es auch nicht verwunderlich, dass international „sehr viel Geld in dieses Segment hineinfließt“. Bei Softwarefragen rund um die künstliche Intelligenz seien die USA führend, in der Industriethematik lägen die Europäer vorne, bei der Investitionsbereitschaft seien die Chinesen die Größten. Schneider wagt eine Zukunftsprognose: „Wir Europäer müssen aufpassen, dass uns die Amerikaner nicht den Rang ablaufen mit ihrer künstlichen Intelligenz.“ Das könnte eines Tages passieren. Könnte.



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