weather-image
27°
Hinweistafel am jüdischen Friedhof enthüllt / Gedenkgottesdienste in St. Nikolai und St. Sturmius

Wo sich jüdisches Leben in Rinteln manifestiert

Rinteln (crs). Gemeinsam habenüber hundert Mitglieder der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden der Stadt gestern Vormittag auf dem jüdischen Friedhof in der Ostertorstraße der früheren jüdischen Mitbürger in Rinteln gedacht. Zum 70. Jahrestag der Pogrome vom November 1938 wurde zudem eine Hinweistafel am Friedhof enthüllt. Zuvor waren in St. Sturmius und in St. Nikolai Gedenkgottesdienste abgehalten worden.

veröffentlicht am 10.11.2008 um 00:00 Uhr

Bewegendes Totengedenken auf dem jüdischen Friedhof: Über hunder

"Wie konnten Menschen so unmenschlich werden in der Mitte ihres Herzens?" Diese Frage stellten Superintendent Andreas Kühne-Glaser und der reformierte Pastor Heiko Buitkamp in den Mittelpunkt des Gedenkgottesdienstes der evangelischen Gemeinden in der gut gefüllten St.-Nikolai-Kirche. Die Gemeindemitglieder Heike Tillich und Uwe Kurt Stade lasen dabei aus Kurt Klaus' heimathistorischem Werk "Rintelns Juden" und erinnerten so an die Geschehnisse des 9. November 1938 in Rinteln, an die Zerstörung der Geschäfte und an den jungen Isidor Brill, der im Dezember 1938 zum ersten Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Rinteln wurde. Auch 70 Jahren nach den Pogromen seien sie noch immer "erschrocken über das Schweigen unserer Kirche,über Rechtfertigungen und Ausflüchte, über das Verdrängen der Schuld", bekannten Buitkamp und Kühne-Glaser. In den Archiven der Rintelner Gemeinden finde sich kein Hinweis darauf, dass christliche Gemeinden aufgestanden seien und sich offen gegen die Nazi-Gewalt gestellt hätten: Nur einzelne Rintelner hätten den Gedanken der Menschlichkeit mutig gelebt. Und angesichts des Flüchtlingselends im Kongo oder einer "vogelfreien Finanzwelt" brauche man auch heute eine "hellwache Kirche, die nicht schläft, sondern Dinge sieht und beim Namen nennt", zog Kühne-Glaser den Bogen zur Gegenwart. Er machte der Gemeinde Mut zum Einmischen: "Der Hahn auf unseren Kirchendächern soll Zeichen unserer Wachsamkeit sein." Anschließend zogen die Gemeindemitglieder weiter zum jüdischen Friedhof in der Ostertorstraße, einem der wenigen Orte, wo sich jüdisches Leben in Rinteln manifestiert: 54 Gräber finden sich hier, als Letzter ist im April 1960 Gustav Rosenthal bestattet worden. Seit gestern weist eine bewusst schlicht gehaltene Gedenktafel auf den Friedhof hin. "Wir wollen einen Teil Rintelner Geschichte sichtbarer machen", betonte Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz bei der Enthüllung der Tafel. Eindrucksvoll und bewegend war das anschließende Totengedenken auf dem jüdischen Friedhof. Dagmar Giesecke, Initiatorin der Ausstellung zu jüdischen Mitbürgern (siehe Artikel unten), Johannes Dallügge von der katholischen Kirchengemeinde und Pastor Heiko Buitkamp verlasen in einer langen Liste die Namen früherer Rintelner Juden, derenLebenswege allzu oft in einem Konzentrationslager endeten. Und ähnlich oft lassen sich die Schicksale nur mit einer genauso unheilvollen Bemerkung nachzeichnen: "Schicksal unbekannt".



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare