weather-image
11°

Atemberaubend: Eine Reise durch die kanadischen Rocky Mountains

Wo selbst die Wasserfälle dem Winter nicht widerstehen können…

Alberta. Der Nationalpark Banff in der Provinz Alberta wurde 1885 gegründet und ist der älteste in Kanada. Besonders seine dicht bewaldeten Täler und der reiche Tierbestand machen ihn einzigartig. Er gehört zu den wenigen Gebieten der Erde, in denen Pumas und Schwarzbären in freier Wildbahn leben. Auch die seltenen Mufflonschafe findet man hier. Da der Nationalpark jährlich bis zu fünf Millionen Besucher anzieht, gibt es Pläne, Tourismus und Naturschutz besser in Einklang zu bringen. So überlaufen der Ort Banff mit seinen Edelboutiquen und Hotels mittlerweile sein mag, die umliegende Bergwelt ist einfach atemberaubend schön – im Sommer wie im Winter.

veröffentlicht am 18.12.2009 um 16:53 Uhr

Winzig wie eine Ameise: der Eiskletterer an der Weeping Wall.

Autor:

Jan Witte

Während meiner 400 Kilometer langen Fahrt von Calgary über Banff nach Jasper passiere ich den für seine hervorragenden Skigebiete bekannten Ort Lake Luise. Vor allem die Pisten von Sunshine sind berühmt für ihren legendären „Champagne Powder“: den trockensten Pulverschnee der Welt. Bei Lake Luise liegen – von majestätischen Gipfeln umgeben – mit dem Moraine Lake und dem Peyto Lake zwei der vielleicht schönsten Seen Kanadas. Beide leuchten je nach Jahreszeit in anderen Schattierungen von Türkis. Bei den eisigen Temperaturen von unter minus 20 Grad Celsius, die hier schon seit Wochen herrschen, ist von dem schönen Blaugrün der Seen nichts mehr zu sehen. An der Gebirgsstraße warnen Schilder vor möglichen Schneeverwehungen und Vereisungen. Und die Straße gleicht auf den nächsten Kilometern tatsächlich eher einer Schlittschuhbahn als einer wichtigen Touristenroute.

Nach einigen Stunden komme ich in das Gebiet des bekanntesten Ausläufers des Columbia Icefields, des berühmten Atabasca-Gletschers. Sein indianischer Name erinnert an die Ureinwohner dieses Teils der Rockies. Die Straße windet sich in Serpentinen höher und höher hinauf, und immer mächtiger türmen sich die Felsgipfel. Oben angelangt, finde ich nur das verbarrikadierte Besucherzentrum, versteckt zwischen meterhohen Schneewehen. Bei der Weiterfahrt quere ich zunehmend markierte Zonen, in denen Warnschilder auf die erhöhte Lawinengefahr hinweisen. Viele hundert Meter über mir glitzern in gefährlicher Schönheit dramatische Eisüberhänge in der tief stehenden Sonne. Immer wieder sehe ich an den Hängen Lawinenabgänge mit abrasierten, durcheinander gewürfelten und verkeilten Baumstämmen. Trotz sehenswerter Ausblicke scheint hier das Anhalten äußerst riskant zu sein; abenteuerlich auch das Eisklettern einiger Alpinisten, die sich im Schneckentempo an einem Wasserfall emporarbeiten, der zu einer mehrere hundert Meter hohen senkrechten Eis-Kaskade gefroren ist.

Schon viele Kilometer, bevor ich Jasper erreiche, begleitet der vom Gletscher gespeiste mächtige Atabasca-Fluss den Highway. Jetzt im Winter ist der rund einen Kilometer breite Strom jedoch über weite Strecken zugefroren. Wallende Nebelmassen wabern und dampfen über seinen Eisflächen. Die Luft ist wie Glas vor Frost, die Schneekristalle glitzern wie Abertausende Diamanten im Sonnenlicht. Einsamer als Banff liegt der Jasper-Nationalpark mit seinen von Gletschern durchfurchten Gebirgsmassiven. Seine Fläche entspricht rund dem Vierfachen des Saarlandes und ist der Lebensraum für eine auf der Erde einzigartige Fauna von Schneeziegen, Elchen, Wölfen, Wapitihirschen und Grizzlybären. Hier und da ist die makellose Schneefläche durchzogen von Wildfährten.

2 Bilder
Ein tief verschneites Gebirgstal im Jasper-Nationalpark. Fotos: Witte

Kurz vor Jasper will ich mir eigentlich die Atabasca-Wasserfälle ansehen, 20 Meter hohe Kaskaden, über die der gleichnamige Fluss donnernd in die Tiefe stürzen soll. Stattdessen finde ich einen blau schimmernden, aber wasserlosen Canyon, in dessen schummrigen Grotten meterlange Eiszapfen wie Schwerter hängen. Und unter einer dicken Eisschicht am Boden der Schlucht gurgelt und brodelt unheimlich, was der Frost an Fluss noch übrig gelassen hat.

Knapp 30 Grad unter Null zeigt das Thermometer an diesem Nachmittag. Nach einigen Kilometern Fahrt durch den winterlichen Zauberwald gelange ich schließlich an den Pyramid-Lake, hinter dem namengebend ein pyramidenförmiges Bergmassiv aufragt. Kein Lüftchen regt sich, während ich die zwei Kilometer lange Eisfläche betrete, als hielte der See in dieser Jahreszeit den Atem an. Nach Wochen strengen Frostes hat das Eis eine Stärke von etwa einem halben Meter. Dumpf und unheimlich knackt es ein-, zweimal von Ferne herüber, als sich Spannungen im Eis lösen. Drüben über dem See steht schon die zunehmende Mondsichel, da beginnen die Berggipfel in der Ferne sich zartrosa zu färben. Kein Baumwipfel rauscht, kein Zweig schwankt, kein Tierlaut ist zu hören. In absoluter Stille ruht der See. Der Frost hat die Natur im Griff. Alles Gezweig ist mit bizarren Eiskristallen überzuckert, die, wenn ich sie mit dem Finger anstoße, klirrend wie Glas zu Boden rieseln. Nach und nach färben sich die nahen Gipfel hinter dem See in allen Rottönen, bis auch sie verglimmen und in eisige Nacht getaucht werden.

Das Bergmassiv über dem Pyramid Lake bei Jasper.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt