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Marga Hartmann ist gestorben

Wo man hingestellt wird

Rinteln (cok). Wenn sie die Brötchen schmierte, ein Euro das Stück, dann war sie wie die liebe Mutter, so dick kam die Butter drauf, so großzügig packte sie Kassler oder Schweinebraten, gekochten Schinken oder die hausgemachte Mettwurst zwischen die Hälften. Kinder und Erwachsene, Handwerker, Polizisten, Angestellte der Stadt und der Zeitung werden dieses fürsorgliche Mittagsbrot aus der Fleischerei Hartmann vermissen, und dazu die witzigen Wortgeplänkel mit Marga Hartmann, die nun nicht mehr lebt.

veröffentlicht am 02.10.2006 um 00:00 Uhr

Marga Hartmann?

In Rente zu gehen, wäre der kleinen, schlagfertigen Schlachtersfrau mit den hochstehenden weißen Haaren und dem aufmerksamen, freundlichen Blick trotz ihrer 70 Jahre niemals eingefallen, und selbst ihre schwere Krankheit, von der die Kunden kaum etwas merken konnten, verbannte sie nur in den letzten Wochen vor ihremTod aus dem Geschäft. "Wo man hingestellt wird, da muss man sich bewähren!", dieses Wort ihres Großvaters stand wie ein Motto über ihrem Leben. Vor 40 Jahren eröffneten Herbert und Marga Hartmann ihre Fleischerei in der Brennerstraße. Damals boten die Neuankömmlinge lauter Wurstsorten an, die ganz anders schmeckten als den zunächst durchaus misstrauischen Rintelnern sonst bekannt, und die doch schnell ihre Liebhaber fanden, allem voran die berühmte Hartmann'sche Bratwurst. Von der Pike auf hatte Marga Hartmann ihr Handwerk gelernt. In der Berufsschulklasse gab es außer ihr fast nur Jungs, und die schrieben nur zu gerne aus dem Berichtheft der klugen Marga ab, auch der junge Mann übrigens, den sie dann nach ihrer Gesellenprüfung heiratete und mit dem sie damals in den Wintern als Hausschlachterehepaar über die Dörfer zog. "Das musste sein, das gehörte für uns dazu", sagte sie, als sie einmal für unsere Zeitung ihre Geschichte erzählte. "Unsere ganzen Hausmacherrezepte haben wir in dieser Zeit entwickelt." Eine durchaus harte Zeit: "Ich war immer noch am Wursten, wenn mein Mann sich schon zum nächsten Hof aufgemacht hatte." Gegenüber von ihrem Tresen in der Fleischerei stand ein gemütliches Sofa für alle, die eine kleine Pause bei ihr machen wollten. Oft hat auch mein Sohn auf diesem Sofa gesessen, fröhlich sein Brötchen verspeist und lauter nette Fragen nach seinem Jungsleben beantwortet. Selbst in einer kleinen Stadt gibt es nicht mehr oft solche Anlaufstellen. Und nun ist es schon wieder eine weniger.

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