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Wo kommen all die Physiotherapeuten her?

Es war ein Sportunfall, wie ihn in Deutschland jährlich Tausende Fußballer erleben: Bluterguss im Knie und ein Innenbandanriss nach einem Zusammenprall auf dem Spielfeld. Bernd T., 15 Jahre alt, kam ins Krankenhaus, wurde operiert und sah sich auf Monate zur Passivität verurteilt. Doch es sollte anders kommen: Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, erhielt er für die erste Therapie zu Hause eine Bewegungsschiene, mit der dafür gesorgt wurde, dass das Knie beweglich blieb.

veröffentlicht am 28.04.2010 um 10:36 Uhr
aktualisiert am 28.04.2010 um 11:38 Uhr

Stefanie Morell behandelt mit einem Lasergerät die Verspannung d

Von Wolfhard F. Truchseß

Es war ein Sportunfall, wie ihn in Deutschland jährlich Tausende Fußballer erleben: Bluterguss im Knie und ein Innenbandanriss nach einem Zusammenprall auf dem Spielfeld. Bernd T., 15 Jahre alt, kam ins Krankenhaus, wurde operiert und sah sich auf Monate zur Passivität verurteilt. Doch es sollte anders kommen: Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, erhielt er für die erste Therapie zu Hause eine Bewegungsschiene, mit der dafür gesorgt wurde, dass das Knie beweglich blieb. Erst wurde es auf einen Winkel von maximal 30 Grad gebeugt, dann langsam immer mehr. Und anstatt in eine Reha-Klinik verlegt zu werden, begann unverzüglich die tägliche Arbeit mit den Physiotherapeuten einer Praxis in Hameln. Nach wenigen Wochen ging Bernd T. bereits nicht mehr an Krücken, quälte sich unter fachlicher Anleitung von Krankengymnasten mit Muskelaufbauübungen und durfte wieder mit dem Lauftraining beginnen. Statt wie befürchtet fast ein halbes Jahr nicht mehr gegen den Ball zu treten, schaffte der 15-Jährige die Rückkehr in seine Mannschaft schon nach dreieinhalb Monaten.

Dass Bernd T. seinen Gesundungsprozess ohne Reha-Klinik hinter sich brachte, ist einer der Haupttrends, der sich heute abzeichnet: „Der Weg nach einer Operation führt immer häufiger in die ambulante Behandlung“, berichten sowohl die Physiotherapeutin Stefanie Morell als auch ihr Kollege Karsten Wegener. „Die Menschen wollen das so“, erklärt Wegener. „Und die ambulante Behandlung bringt bessere Ergebnisse bei geringeren Kosten.“ Was sich auch auf die Zahl der Reha-Kliniken ausgewirkt hat: Waren es 1997 noch rund 1600, gibt es inzwischen nur noch 1200.

Es ist ein boomender Markt, in dem sich die beiden Physiotherapeuten bewegen. Die Zahl der sogenannten Heilmittelerbringer, zu denen als die größten Berufsgruppen auch die Masseure, Ergotherapeuten und Logopäden gehören, steigt seit Jahren an. Allein in Niedersachsen stieg die Zahl der Physiotherapeuten nach Angaben des Pressesprechers des Verbandes der Ersatzkassen (vdek) in Niedersachsen, Hanno Kummer, von 2000 bis 2008 um 166 Prozent. „Im Juni 2005 hatten wir 3378 Physiotherapeuten, am 1. April 2008 waren es mit 3835 schon 457 Krankengymnasten mehr“, berichtet der vdek-Sprecher.

Der Physiotherapeut Frank van Loh bei der Arbeit mit einer Patie
  • Der Physiotherapeut Frank van Loh bei der Arbeit mit einer Patientin. Fotos: wft

Ein Wachstumstrend, der sich auch im Weserbergland ablesen lässt. Zwar haben die Verbände keine exakten Zahlen über die zugelassenen Praxen in den einzelnen Landkreisen, aber in Hameln gibt es beispielsweise rund 40 physiotherapeutische Unternehmer. Zum Vergleich: Im Jahr 1978 gab es ganze zwei Praxen. Die erste hatte Volker Finke gegründet, 1978 kam Stefanie Morell dazu. Elf Therapeuten beschäftigt sie mittlerweile und sechs Beschäftigte, die sich um Abrechnung, Organisation und alle Zuarbeiten kümmern, die nicht direkt etwas mit der Behandlung der Praxis-Besucher zu tun haben. Bei rehamed, Hamelns größtem Anbieter derartiger Leistungen, sind 120 Vollzeitmitarbeiter beschäftigt, darunter auch Ärzte, Psychologen, Ökotrophologen und Krankenschwestern – „ganz so, als ob es hier um stationäre Rehabilitation ginge“, beschreibt Wegener das Konzept der Einrichtung, von denen er mittlerweile sieben bis in den Nachbarbereich des Lipperlandes betreibt. Im Jahr 1984, als Wegener sich selbstständig machte, gab es in Hameln nur neun physiotherapeutische Praxen.

Andernorts ist der Trend ähnlich: In Bückeburg etwa kümmern sich nach Angaben des Physiotherapeuten Oliver Eesmann allein in der Kernstadt mit ihren 17 000 Einwohnern elf derartige Gesundheitsexperten um ihre Kundschaft. Die Praxen selbst sind nach seinen Angaben eher klein: „Sie reichen in Bückeburg von einem bis zu sechs Mitarbeitern.“

Bundesweit sind die Zahlen, die dazu jüngst vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht wurden, atemberaubend. Um 49 000 stieg allein die Zahl der Physiotherapeuten von 2000 bis 2008 – das ist ein Plus von 74,9 Prozent. Insgesamt sei das Personal im Gesundheitswesen in dieser Zeit um rund 500 000 Personen oder 12,2 Prozent gestiegen, wobei sich der Beschäftigungsanstieg nach Feststellung der amtlichen Statistiker vor allem in den Einrichtungen der ambulanten Gesundheitsversorgung vollzogen habe und dabei wiederum speziell in den Praxen nichtärztlicher medizinischer Berufe. Dagegen gingen die Beschäftigtenzahlen im Klinikbereich eher zurück – um 23 000 oder 2,1 Prozent.

Was in den Praxen der Physiotherapeuten stattfindet, ist höchst unterschiedlich. Meist sind es kleine Betriebe mit zwei bis drei Mitarbeitern, die alles, vom Kleinkind bis zum alten Menschen, behandeln. Andere dagegen bemühen sich wie rehamed oder die Praxis von Stefanie Morell und ihren Junioren Natalie und Nils Morell um klar erkennbare Profile. Bei Morells gibt es Behandlungsarten, die sie selbst entwickelt und teils sogar mit Patenten gesichert haben. So zum Beispiel Laser-Behandlungen zur Thymus-Reflex-Therapie oder zur Lockerung verhärteter Kiefermuskeln, wie Stefanie Morell schildert. „Da arbeiten wir ganz eng mit Zahnärzten zusammen. Das bietet hier und in ganz Deutschland sonst kaum jemand an.“

Dass die Zahl der Physiotherapeuten in den vergangenen Jahren so boomte, liegt nach Ansicht des vdek-Referenten Sascha Ziegel auch daran, dass es heute höchst einfach ist, eine Praxis zu eröffnen. „Sie brauchen dazu nur einen Behandlungsraum von 20 Quadratmetern Fläche, zwei Behandlungskabinen mit je sechs Quadratmetern, Toilette, Warte- und Empfangsraum und eine Raumhöhe von mindestens 2,50 Metern. Das reicht.“ Und wo kommen plötzlich all die Physiotherapeuten her? Wegener weiß es: „Wir haben heute viel mehr private Schulen, die Physiotherapeuten ausbilden.“ Als er Anfang der 1980er Jahre seine Ausbildung gemacht habe, „gab es etwa 30 Schulen bundesweit. Heute sind es 300“.

An der Physiotherapeuten-Schwemme haben auch alle Versuche der Gesundheitspolitik, die Kosten bei den Heilmittelerbringern zu senken, nichts gebracht. „Die Menschen wissen, wer ihnen hilft, wenn der Ischias sie plagt und andere Muskelverhärtungen gelockert werden müssen“, sagt Stefanie Morell. „Dann stimmen die Menschen mit den Füßen ab und zahlen die Behandlung notfalls aus der eigenen Tasche.“ Was sich geändert hat, sind die Verschreibungsarten. Seien es früher eher passive Maßnahmen wie Massagen gewesen, gehe es heute darum, die zur Behandlung kommenden Menschen zu aktivieren, erklärt rehamed-Chef Wegener. Wobei ihm eines ganz besondere Sorge bereitet: „Die Verfettung der Gesellschaft.“ Früher seien die Menschen weniger krank gewesen, „weil sie mehr Bewegung hatten“. Heute bewegten sich viele Kinder nur noch zwischen Kühlschrank, Fernseher und Computer. „Die meisten sitzen nur noch.“ Was nur bedeuten kann: Wir brauchen offenbar auch in Zukunft Dienstleister, die die Menschen in Bewegung bringen.

Der Markt der Physiotherapie boomt. Praxen schießen wie Pilze aus dem Boden, die Branche braucht immer mehr Mitarbeiter. Der Boom geht zulasten der Reha-Kliniken. Eine Geschichte mit zwei Seiten. Wie das immer so ist.

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