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Lindhorster Bürgerinitiative zu Gast in der „Arche“ Berlin-Hellersdorf / Jeder Fünfte arbeitslos

Wo Kinder keine Spitzdächer kennen

Berlin/Lindhorst (gus). In der christlichen Jugendhilfeeinrichtung „Arche“ im Berliner Stadtteil Hellersdorf haben sich Matthias Hinse, Andreas Fournatzis und Marc Wiegmann von der Lindhorster Bürgerinitiative (BI) „Wir für soziale Gerechtigkeit“ Anregungen für die Jugendarbeit zuhause geholt. „Arche“-Mitarbeiter Eckard Steinhagen zeigte den Gästen alle Räume der mittlerweile berühmt gewordenen Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche.

veröffentlicht am 30.11.2010 um 00:00 Uhr

Regeln fürs gemeinsame Essen. Fotos: gus

Geboren wurde die Idee einer Art Jugendzentrum buchstäblich im Wohnzimmer des Pfarrers Bernd Siggelkow. Dieser baute das Angebot Stück für Stück aus, 2002 zog die „Arche“ in ein nicht mehr benötigtes Schulgebäude im Stadtteil.

Sechs Millionen Euro kostet der Betrieb der mittlerweile elf deutschen „Arches“, zudem gibt es eine Einrichtung dieses Namens in der Schweiz. In Berlin-Hellersdorf haben die Verantwortlichen eine Art Kleiderkammer einrichten lassen, in der sich Kinder einmal pro Monat ein bis fünf Kleidungsstücke aussuchen dürfen. Zusätzlich zum warmen Mittagessen gibt es ein Frühstücksangebot für Eltern, die dort mit ihren Kindern speisen dürfen.

Nötig ist die „Arche“ vor allem wegen des sozialen Milieus in Hellersdorf – 20 Prozent der Bewohner sind laut Steinhagen arbeitslos, sogar jeder Zweite erhält staatliche Unterstützung in irgendeiner Form. Die „Arche“ soll Kindern einen gewissen Ersatz für ein normales Familienleben ermöglichen. In deren Räumen können die Jungen und Mädchen – aufgeteilt in drei Altersstufen – spielen und toben, aber auch lernen.

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Der Toberaum heißt auch Gummizelle.
  • Der Toberaum heißt auch Gummizelle.

Dafür gibt es eine Werkstatt, einen Nachhilferaum und einen Computerraum. Denn auch Prävention ist Sinn der „Arche“. Steinhagen berichtete von einem Besucher, dessen Fähigkeiten er entdeckt und den er in eine Ausbildung vermittelt hat. In Hellersdorf ist dies für Jugendliche eher selten.

Menschliche Nähe erfahren manche Kinder und Jugendliche in der „Arche“ in bis dahin unbekanntem Maß. Es passiert nach Worten Steinhagens, der einer der fest angestellten Mitarbeiter ist und zuvor selbst zehn Jahre lang arbeitslos gewesen war, schon mal, dass ein Betreuer die Worte hört: „Du bist mein Papa.“

Beim Malen gibt es regelmäßig Aha-Erlebnisse. Die absolute Ausnahme sei beispielsweise, dass ein Kind ein Haus mit Spitzdach zeichnet. Viele Kinder kennen nur Flachdächer. „Woher sollen sie auch Spitzdächer kennen?“, fragt Steinhagen mit Blick auf die riesige Plattenbausiedlung. Und da seit Jahren nicht mehr gebaut werde, sei auch ein Beruf wie Maurer etlichen Jungen und Mädchen nicht mehr geläufig.

Bürgerinitiativen-Sprecher Hinse zeigte sich beeindruckt von der „Arche“, aber auch vom sozialen Problemfeld des Berliner Stadtteils. Allerdings betonte er auch, dass dies wohl „das große Geschäft“ ist, in seinem Heimatort Lindhorst aber bereits sehr ähnliche Tendenzen, nur in geringerem Maß zu beobachten sind.

Umso dringlicher sei ein Jugendzentrum, denn in Lindhorst gebe es keine Form offener Jugendarbeit.



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