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Wo gibt’s Gesundheit im Sonderangebot?

Morgens halb zehn in Hameln: Mira Mustermann betritt ihre Stammapotheke. Das Wetter sei ja so fürchterlich und habe ihrer ohnehin labilen körperlichen Konstitution arg zugesetzt, sagt sie näselnd. Was denn jetzt akut zu empfehlen sei, fragt sie und fügt an, dass sie sich für die Zeit nach ihrer Erkältung gerne schützen würde. Der Apotheker nimmt die Kundin in Augenschein, wiegt die offensichtlichen Merkmale wie Größe, Gewicht, Alter der Frau sowie die Schwere der Symptome ab, stellt Fragen und erkundigt sich nach zusätzlichen, möglicherweise chronischen Erkrankungen.

veröffentlicht am 19.02.2010 um 10:25 Uhr
aktualisiert am 22.02.2010 um 10:35 Uhr

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Autor:

Matthias Rohde

Morgens halb zehn in Hameln: Mira Mustermann betritt ihre Stammapotheke. Das Wetter sei ja so fürchterlich und habe ihrer ohnehin labilen körperlichen Konstitution arg zugesetzt, sagt sie näselnd. Was denn jetzt akut zu empfehlen sei, fragt sie und fügt an, dass sie sich für die Zeit nach ihrer Erkältung gerne schützen würde. Der Apotheker nimmt die Kundin in Augenschein, wiegt die offensichtlichen Merkmale wie Größe, Gewicht, Alter der Frau sowie die Schwere der Symptome ab, stellt Fragen und erkundigt sich nach zusätzlichen, möglicherweise chronischen Erkrankungen. Dann berät der Fachmann die schniefende Kundin, und nach rund 15 Minuten haben sich der Apotheker und Frau Mustermann geeinigt. Auf dem Tresen liegen zwei Präparate gegen die akuten Beschwerden und eines, um den Organismus nach der Erkältung zu unterstützen. Doch die Frau kauft nur eines der drei Medikamente; die beiden anderen Offerten legt sie in die Hände des Apothekers und sagt: „Die krieg’ ich im Internet viel billiger.“

Stimmt, jedoch ist das nur ein Teil der Wahrheit, denn auch im Internet tobt ein Konkurrenzkampf mit zum Teil täglich wechselnden Preisen und dem Effekt, dass so manche Versandapotheke teurer ist als die Apotheke um die Ecke. Zum Beispiel: Tebonin, ein ginkohaltiges Präparat, das unter anderem bei Gedächtnisstörungen, Konzentrationsstörungen, Ohrensausen und Kopfschmerzen eingesetzt wird. Die Preisspanne bei den Versandapotheken für eine Packung Tebonin (120 mg, 120 Filmtabletten) reicht von 61,05 Euro bis zu 94,45. In Hamelns Apotheken kostet dieses Produkt zwischen 80 und 95 Euro. Bei einem Jahresbedarf von sechs Packungen lassen sich durch Schnäppchenpreise so 200 Euro sparen.

Die Diskussionen um die explodierenden Kosten im Gesundheitswesen finden zunehmend auch in der Apothekenbranche statt. Die Kosten für einen nicht unerheblichen Teil aller Medikamente, wie beispielsweise Erkältungspräparate, werden von den Krankenkassen erst gar nicht übernommen. Und trotzdem steigen gerade diese Kosten für Medikamente bei Deutschlands Krankenkassen enorm an. Ein Grund dafür sei vor allem das in Deutschland europaweit einmalige Verfahren bei der Preisfestsetzung für neue Medikamente. Denn das erlaube der Pharmaindustrie, für ein neues Medikament den Preis festzulegen, den das Unternehmen haben möchte, sagte Prof. Dr. med. Ulrich Schwabe, Professor für Pharmakologie und Toxikologie am Pharmakologischen Institut der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, dem ZDF.

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Ein Großeinkauf Arzneimittel ist teuer. Apotheken und Online-Apo
  • Ein Großeinkauf Arzneimittel ist teuer. Apotheken und Online-Apotheken buhlen mit Sonderangeboten um Kunden. Foto: Bilderbox

Versandapotheken haben bei diesen Medikamenten Experteneinschätzungen zufolge lediglich einen geringen Marktanteil mit wenig Aussicht auf Wachstum, weil das Versenden von Rezepten und der Medikamente mit einer Vielzahl von Risiken verbunden ist. „Kühlketten müssen eingehalten werden, Schreib- und Dosierungsfehler können von den Versandapotheken kaum ausgemacht werden, ganz zu schweigen von den Problemen, die entstehen können, wenn ein Medikament an eine falsche Adresse geliefert wird“, sagt Joachim Behr, Gründer der Hamelner Apotheke im Sintermann.

Das Geschäft mit Erkältungsmedikamenten, Haarwuchsmitteln und anderer Lifestyle-Arzneimittel hingegen ist ein derzeit stark umkämpfter Markt. Hier könnten die Versandapotheken laut Experten in den nächsten Jahren einen Marktanteil von rund 30 Prozent erobern. Einerseits profitieren davon die Kunden, weil sich – allen voran – die Versandapotheken bei den Sonderangeboten überbieten und damit die Preise immer weiter nach unten treiben, andererseits wird dieser wachsende Markt für illegale Machenschaften immer attraktiver, und eine Flut von gefälschten Arzneimitteln überschwemmt Europa.

Die niedersächsische Apothekerkammer hat unlängst vor diesen gefälschten Medikamenten gewarnt und festgestellt: „Der Zoll in Deutschland beschlagnahmte vor fünf Jahren 531 358 gefälschte Tabletten und Kapseln sowie 14 271 Ampullenplagiate. In den darauffolgenden vier Jahren hat sich die Anzahl mehr als verzehnfacht. Allein in Niedersachsen stiegen die Straftaten nach dem Arzneimittelgesetz von 2005 bis 2009 um 34,2 Prozent. Alarmierende Zahlen, die jeden Internetnutzer hellhörig machen sollten, der Arzneimittel im Netz bestellt.“ Im Auftrag der Apothekenkammer sagt Ute Creutzburg: „Es gibt drei verschiedene Arten von Fälschungen, nämlich solche ohne den ausgewiesenen Wirkstoff, bei anderen ist die Dosierung nicht in Ordnung oder als drittes die verschmutzten Fälschungen.“ Insbesondere bei den falschen Dosierungen könne es nach einer Einnahme zu katastrophalen Folgen kommen, wie Creutzburg erklärt: „Bestenfalls ist zu wenig oder gar kein Wirkstoff in einem gefälschten Medikament, aber im schlimmsten Fall ist eine gefälschte Tablette bis zu 200-fach überdosiert, was zum Beispiel für Herz-Kreislauf-Patienten durchaus lebensgefährliche Konsequenzen haben kann.“

Bevor Suzan Altunbas im Mai 2008 die Bahnhofsapotheke eröffnete, war die Apothekerin selbst bei einer der größten deutsche Versandapotheken beschäftigt und sagt: „Die über 2000 in Deutschland zugelassenen Versandapotheken halten nicht nur wie die Präsenzapotheken qualifiziertes Personal zur Beratung vor, sondern beziehen ihre Produkte von seriösen Anbietern.“ Und Behr fügt an: „Die Bezugsquellen der zugelassenen Versandapotheken müssen genauso sicher sein wie die unseren, ansonsten hätten sie in Deutschland keine Zulassung erhalten.“

Die von der niedersächsischen Apothekerkammer ausgesprochene Warnung sei keine Kritik an den zugelassenen Versandapotheken, stellt Creutzburg klar, aber der Kunde, der sich im Internet auf die Suche nach einem günstigen Angebot begibt, müsse sich darüber im Klaren sein, dass nicht nur Medikamente gefälscht werden, sondern auch das Impressum einer Internetseite, Adressen, Titel, Siegel und alles, was dazugehört. Ganz besondere Vorsicht sei immer dann geboten, wenn mit Aussagen wie „Verschreibungspflichtige Medikamente bei uns auch ohne Rezept“ oder „das Rezept stellt Ihnen unser Arzt aus“ ein besonders verlockendes Angebot gemacht wird. Einige der illegalen Anbieter tarnen sich so geschickt, dass selbst die Kenner der Szene intensiv recherchieren müssen. Deswegen: „Experten raten nachdrücklich bei Internetbestellungen, vorher die Seriosität des Anbieters zu überprüfen. Das deutsche Institut für Medizinische Dokumentation hat auf seiner Homepage (www.dimdi.de) eine Liste der geprüften und registrierten Versandapotheken veröffentlicht“, erklärt Creutzburg. In den heimischen Apotheken macht das Geschäft mit den nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten und Produkten mittlerweile bis zu 50 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Zwar ist man in der Branche sicher, dass es zu keinen tankstellenähnlichen Zuständen, in denen der Kraftstoffverkauf nur noch kleine Gewinne generiert, während das Shopgeschäft mit Supermarktartikeln floriert, in den Apotheken kommen wird, aber mit Besorgnis werde die Entwicklung beobachtet. Apotheker Behr sagt: „Bei uns macht der Umsatz mit freiverkäuflichen Medikamenten nur 20 Prozent aus.“ Mit Verwunderung und dem leichten Hauch von Empörung stellt Behr fest: „Manche Sonderangebote sind nicht nachvollziehbar.“ Er bezahle für das erwähnte Tebonin bereits im Einkauf 61,05 Euro, also genau den Betrag, für den die billigste Versandapotheke es verkauft. „Da können wir nicht mithalten“, sind sich Altunbas und Behr einig.

Und die Konkurrenz vor Ort schläft auch nicht, sagt Apothekerin Altunbas: „Vielen Apotheken machen wöchentlich oder monatlich wechselnde Angebote.“ In einer Woche verkaufe sie ein beworbenes Produkt dutzendfach, in der nächsten geht dieses Produkt nicht ein einziges Mal über den Tresen. Ein Preisvergleich lohnt sich in jedem Fall, ob vor Ort oder im Internet – und insbesondere dort heißt es: Augen auf.

Der Verbraucher hat die Wahl: Kauft er Medizin online oder lieber beim Apotheker um die Ecke?Fotos: Dana

Die Preise für Medikamente steigen stetig – da werden viele Verbraucher zu Schnäppchenjägern. Internet-Apotheken versprechen Medizin zu Niedrigpreisen. Aber ein genauer Blick lohnt sich: Nicht immer gilt „online gleich billig“.



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