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Rund um den Macchu Picchu kann die peruanische Tourismuswirtschaft nach verheerenden Unwettern wieder aufatmen

Wo die Lamas grasen und das Maisbier fließt

Von Michael Juhran

veröffentlicht am 01.07.2010 um 12:50 Uhr

Der 27. Januar war ein schwerer Schlag für uns.“ Maria Enriquez wischt mit dem Handrücken über ihre Augen, als wolle sie die letzten Reste des Albtraumes ein für alle Mal aus ihrem Gedächtnis löschen. Doch dann lächelt die peruanische Reiseleiterin wieder. „Es war eine Katastrophe für die Region, aber nun kommen die Touristen wieder und es geht aufwärts.“

Maria war selbst nicht dabei, als die über Tage andauernden heftigen Regenfälle den Urubamba-Fluss zu einem reißenden Ungetüm anwachsen ließen, das die Bahnschienen am Ufer unterspülte, in die Flut riss und damit die Hauptverkehrsader zwischen Cusco und Machu Picchu kappte. An den Folgetagen hatte sie alle Hände voll zu tun. Hunderte Touristen galt es mit Helikoptern aus Aguas Calientes am Fuße der berühmten Inka-Stadt zu evakuieren und die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Die Bevölkerung musste bis Anfang April ausharren, bis die Bahn auf einem wichtigen Teilstück der Verbindungsstrecke den Verkehr wieder aufnahm. Mehr als zwei Monate gelangten nur über Notverbindungen oder zu Fuß Lebensmittel und Waren nach Aguas Calientes und die fast ausnahmslos vom Tourismus abhängigen Einwohner sahen sich ihrer wirtschaftlichen Grundlage beraubt. Umgestürzte Strommasten schnitten Teile der Region von der Energieversorgung ab. Felder und Wege wurden von Wassermassen und Schlammlawinen verwüstet. Restaurants, Hotels und Pensionen schickten ihre Mitarbeiter in den Zwangsurlaub.

Berggipfel im Nebel: Die einstige Inka-Stadt blieb bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts unentdeckt, nachdem ihre Bewohner sie verlassen hatten. Fotos: Juhran

Fieberhaft arbeiteten Regierung und Regionalverwaltung Aktionspläne aus, um im überschwemmten Urubamba-Tal zu helfen. Erleichterung machte sich breit, als am 1. April der erste „Inka-Train“ über die einzige Verbindungsstrecke zwischen Piscacucho und Aguas Calientes ratterte. Noch ist die Fahrt etwas umständlich, denn bis Piscacucho sind Kleinbusse auf einem einspurigen, meist unbefestigten Weg im Urubamba-Tal die einzigen Transportmittel. Doch in Aguas Calientes und auf dem Machu Picchu kehrt langsam der gewohnte Lebensrhythmus zurück. Auch wenn die Anzahl der anreisenden Touristen noch nicht alte Höchststände erreicht, haben die meisten Unterkünfte und Restaurants geöffnet, freuen sich die Händler über anziehende Geschäfte und führen die Guides wieder Besucher durch das Unesco-Weltkulturerbe.

Die im Auftrag des Inka Pachakutiq zwischen 1438 und 1471 auf einem Bergrücken der Anden errichtete Felsenstadt wurde von den Teilnehmern an einer weltweit geführten Internet-Umfrage zu einem der „Neuen sieben Weltwunder“ gekürt. Auch wenn die Legitimität der Umfrage umstritten ist, die phantastische Lage macht Machu Picchu zu einer der attraktivsten touristischen Destinationen auf unserem Erdball.

Wenn am Vormittag langsam die Nebelschwaden in die Höhe steigen und Stück um Stück den Blick auf die Inka-Kultstätte und den dahinter liegenden Wayna Picchu freigeben, kann man seine Augen kaum vom überwältigenden Panorama abwenden. Deutlich lässt sich von oben die Zweiteilung der Stadt in einen landwirtschaftlichen Sektor mit Terrassenfeldern und einen städtischen Bereich erkennen: mit Tempeln, Kultstätten und Wohngebäuden sowie Werkstätten.

Die bedeutendsten Gebäude bestehen aus Felsblöcken, die sich ohne Bindemittel aneinander fügen. Auf die meteorologischen Kenntnisse der Inka deutet eine Sonnenuhr hin, mit der die Sommer- und Wintersonnenwende sowie der Beginn der Jahreszeiten bestimmt wurden. Selbst eine Art landwirtschaftliches Forschungszentrum haben Wissenschaftler entdeckt: Ein Bewässerungssystem beschert noch heute den Lamas eine ausreichende Vegetation.

Auf dem Weg zurück ins 75 Kilometer entfernte Cusco verleitet im kleinen Ort Yanahuara ein Schild mit dem Hinweis „El Descanso“ (Ruhepause) zur Rast. Mercedes heißt die Wirtin, die nach ihrem Nachnamen befragt schelmisch „Benz“ antwortet, nach einem Gläschen Chicha (Maisbier) dann ihren wahren Familiennamen preisgibt.

Seit mehr als 20 Jahren braut Mercedes aus Mais ein Bier, dessen Tradition bis in die Inka-Zeit zurückreicht. Mit ihrer Schwester vermischt sie das Maismehl mit Wasser zu einer Maische, die in einem riesigen Topf für drei Stunden aufs Feuer kommt und anschließend für 26 bis 30 Stunden der alkoholischen Gärung überlassen wird. Aus 36 Kilo Mais entstehen 100 Liter Bier, das nicht nur bei Einheimischen beliebt ist. Deshalb freut sich Mercedes über die Wiedereröffnung der Bahnlinie. Das bringt Geld in die Familienkasse, sodass sie sich ein Zugticket in die Inka-Stadt leisten will, die sie noch nie besucht hat. Dafür begleitete sie kürzlich ihre Enkelin nach Cusco, in die Kathedrale und zu einem Bummel auf dem Plaza de Armas. Für Mercedes ist klar, dass sie ihre Heimat mit keinem anderen Platz auf der Welt tauschen möchte – jetzt, wo die Touristen wieder da sind.

Weitere Informationen: Peruanische Botschaft in Deutschland, Mohrenstraße 42–44, 10117 Berlin, Tel. (030) 2 06 41 03. Im Internet: www.botschaft-peru.de.

Einer der schönsten Plätze in Cusco: Der Plaza de Armas mit der Kathedrale, errichtet auf den Grundmauern des Tempels für den Gott Huiracocha.



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