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Erntefest in Gelldorf: Genüsslich wird erzählt, was wem in der Dorfjugend so alles passiert ist

Wo die Dorfzeitung einfach alles ausplaudert

Gelldorf (rnk). Wer beim Erntefest im benachbarten Dorf auf der Toilettenanlage im Dorfgemeinschaftshaus tief in der Nacht einschläft, und wer später, am ganz frühen Morgen, noch beim Erntebauern dem Hofhund erfolgreich den Schlafplatz streitig macht, der hat Pech, wenn er der Dorfjugend Gelldorf angehört. Dann wird über diese nette Geschichte nicht der Mantel des Schweigens gebreitet, nein, dann wird sie erzählt. Und zwar öffentlich. Geradezu genüsslich plaudern Achim Pohl und Sarah Börgerling bei der Eröffnung des Festumzuges über die Lautsprecheranlage aus, wer von der Dorfjugend sich in den letzten Wochen und Monaten was und wo zuschulden kommen ließ. Da ist die Rede von in der Leitplanke geparkten Autos, von Rapsfeldbesuchern und Malen mit dem Buntstift, aber auch der Hinweis, dass die Dorfjugend Schierneichen ihren Erntewagen am letzten Wochenende wohl nach Hause schieben musste, weil der Trekker kurzfristig für das Strohpressen abkommandiert wurde, findet seinen Weg in die durchaus amüsierte Öffentlichkeit. Und auch das eigene Berufsumfeld bekommt seine Hiebe ab: Die Erzeugerpreise für Getreide fallen, aber kein Brötchen wird billiger; und beim Dünger, so Pohl, seien die Kosten um 300 Prozent gestiegen - mancher Landwirt denke schon über nächtliche Wachen an der Gülle nach.

veröffentlicht am 01.09.2008 um 00:00 Uhr

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Ernst wird die zweiköpfige Dorfzeitung nur, als es um den Dank geht: Der gilt Annette und Andreas Hofmann, die erst wenige Wochen vor dem Fest ganz kurzfristig als Erntebauern einsprangen. Hofmann selbst nimmt den witzigen Faden auf, zum Erntebauer sei er mit seiner Ehefrau prädestiniert, weil sie über 1000 Quadratmeter Land, diverse Obstbäume und Kräuter, eine Katze, ein Paar Molche, viele Fische und unzählige Schnecken ihr Eigen nennen dürfen. Zwar sei er mit seiner Frau kein Landwirt, aber sie seien doch Hofmänner und Frauen, die vor einigen Jahrhunderten tatsächlich diesen Namen von der Arbeit auf den landwirtschaftlichen Feldern abgeleitet hätten. Die Landwirte, so Hofmann, würden seit Jahrhunderten mit der Natur arbeiten und nur zu gut wissen, wie schnell durch Unwetter und andere Extreme manche Hoffnung auf guten Ertrag zerstört werden können. Immer wieder würden sie erleben, wie machtlos sie manchen Einflüssen der Witterung gegenüber stehen: "Eine gute Ernte ist auch heute noch keine Selbstverständlichkeit." Aber die Landwirte, so meinte Hofmann, könnten durchaus stolz darauf sein, dass sie mit modernen Produktionsmethoden den Unbilden der Witterung manchen Stachel hätten ziehen können: "Selbst in schwierigen Jahren wird die Ernte auf den Feldern schließlich erfolgreich abgeschlossen - Hungersnöte aufgrund von Missernten sind in unseren Breiten längst ein Fremdwort geworden." Wenn die Erntebilanz am Schluss dann für die meisten Landwirte doch recht zufriedenstellend ausfalle, dann sei der symbolische Dankdafür umso angebrachter. Anschließend folgte der Umzug mit rund 20 Wagen, der als Höhepunkt wieder auf dem Marktplatz Station machte. Und all diejenigen, die von der Dorfzeitung vorher durch den Kakao gezogen wurden, mögen sich trösten: Die Katastrophen von heute sind die schönen Anekdoten von morgen.

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