weather-image
Zu Hause bei der Landtagskandidatin der Linken: Jutta Krellmann / Engagierte Gewerkschafterin mit Faible für gutes Essen

Wo auch im Winter die Zitronenbäume Früchte tragen

Brünnighausen. Wer hier wohnt, das verrät die kleine Emailletafel nicht. Die Botschaft ist ungleich politischer: "Atomwaffenfreie Zone" steht auf dem Schild, der erste Buchstabe ist leicht abgeblättert. Auf dem Holzbriefkasten daneben kringelt sich eine getöpferte Schlange empor, mit einer winzigen Brille aus zurechtgebogenem Draht. "Die habe ich selber gemacht", sagt Jutta Krellmann, als sie die Haustür öffnet und damit klarstellt, was das Schild nicht preisgeben wollte: Hier ist sie zu Hause, die Direktkandidatin der Linken im Landtagswahlkreis Rinteln/Hessisch Oldendorf/Hameln .

veröffentlicht am 16.01.2008 um 00:00 Uhr

Die sattgelben Zitronen sind bald reif zur Ernte: Jutta Krellman

Autor:

Christiane Riewerts

Zu Hause ist Brünnighausen. Das 600-Seelen-Dorf im Naturpark Weserbergland ist gute 40 Kilometer von Rinteln entfernt, irgendwo im landschaftlich idyllischen Dreieck zwischen Bad Münder, Springe und Coppenbrügge. Hier in der Triftstraße haben Jutta Krellmann und ihr Lebenspartner Wolfgang Räschke vor 14 Jahren gemeinsam mit Freunden gebaut. Zwei nebeneinander stehende Holzhäuser im fröhlichen Schweden-Look, das naturbelassene Holz mit leuchtendem Blau und Gelb abgesetzt. Mit Regenwasserzisterne, Photothermie-Anlage auf dem Dach und gemeinsamer Heizung, "der Umwelt zuliebe", sagt Jutta Krellmann. "Das war uns damals auch ganz ohne die heutige CO 2 -Diskussion wichtig." Bis das kleine Fleckchen im Flecken Coppenbrügge ihr Zuhause wurde, war es ein weiter Weg. Aus Südhessen stammt Jutta Krellmann, ganz sanft deutet es ihre weiche Aussprache an. Im Weindorf Johannisberg im Rheingau ist sie vor 52 Jahren geboren, in Wiesbaden hat sie ihre Ausbildung zur Chemielaborantin gemacht, danach bei einer Tochter der Hoechst AG in der pharmazeutisch-technischen Forschung gearbeitet. Das Volkswirtschaftsstudium führte sie gegen Ende der siebziger Jahre nach Hamburg, die anschließende Seminartätigkeit nach Nienburg, eine erste Stelle bei der DGB-Arbeitsloseninitiative nach Hameln. Hier hat sie auch ihre berufliche Heimat gefunden: Seit über zwei Jahrzehnten ist Jutta Krellmann Gewerkschaftssekretärin bei der IG Metall, mittlerweile 2. Bevollmächtigte und auch für Rintelner Betriebe zuständig. "Ich könnte mir niemals vorstellen, auf der Arbeitgeber-Seite zu sitzen", sagt die Gewerkschafterin und schenkt sich aus der schlanken schwarzen Thermoskanne Kaffee nach, mit Milch. Sie setzt die Tasse immer wieder auf dem niedrigen Holztisch ab, redet mit den Händen, sitzt aufrecht auf dem breiten Cordsofa im hellen Wohnraum. Eine soziale Ausrichtung ihres Studiums war ihr wichtig. Schon während der Ausbildung hatte sie als Jugendvertreterin erste Gewerkschaftsluft geschnuppert, das Studium hatte sie überhaupt erst wegen dieser Arbeit begonnen. "Ich bin immer an Punkte gestoßen, wo mir Argumente oder das Wissen fehlten - ich hatte einfach das Bedürfnis, das zu ändern." Zur Gewerkschaftspolitik gesellte sich schnell die Parteipolitik: Jahrzehntelang war Krellmann in der SPD. "Ja, die Ehrung für 25-jährige Mitgliedschaft habe ich hinter mir", lacht sie - kurz darauf endete ihr Genossendasein dann aber auch. Eine klassische Karriere für westdeutsche Linke: Die Agenda 2010 mit Hartz IV und ALG II hatte für sie überhaupt nichts mehr mit sozialer Gerechtigkeit zu tun. "Diese unsoziale Abzocke und das hilflose Abwälzen von Problemen - das war es jetzt!", erzählt Krellmann vom Punkt, der das Fass zum Überlaufen brachte. "Und wenn ich das versäumt hätte, dann wäre ich spätestens bei der Rente mit 67 ausgestiegen." Gemeinsam mit ihrem Partner, Gewerkschafter und Genosse auch er, gab sie ihr Parteibuch zurück, gehörte zu den Gründungsmitgliedern der WASG in Hameln. Auch in der neuen Partei "Die Linke", für die sie jetzt ihre erste Kandidatur wagt, fühlt sie sich wohl. Im Haus von Jutta Krellmann grünt es überall. Pflanzen stehen auf dem dicken Teppichboden, vor der hellgelb gestrichenen Wand und im Wintergarten. Der Zitronenbaum trägt auch mitten im Winter sattgelbe Früchte, vor der Glasfront mit Blick auf den naturbelassenen Gartenteich steht eine Strelitzie, die Orchideen blühen gerade in voller Pracht. "Da bin ich ganz stolz drauf", sagt Jutta Krellmann. Aus einem kleinen Ableger hat sie die Pflanzen groß gezogen. Eine Linke mit grünem Daumen. Und mit Leidenschaft für gutes Essen. Im Bücherregal stehen die beiden "Culinaria"-Kochbücher, in der Küche kleine Steinguttöpfchen mit Gewürzen, am Wochenende kochen die beiden gerne mit den befreundeten Nachbarn. Auch die Urlaubsziele werden danach ausgewählt, "wo's was Gutes zu essen gibt". Im letzten Jahr istdas kinderlose Paar mit dem Fahrrad an der Loire unterwegs gewesen, hat die Schlösser bewundert, auf typisch französische Art Meeresfrüchte-Platten genossen. "Miesmuscheln, Austern, das liebe ich einfach!", schwärmt Jutta Krellmann - und stutzt, als ihr der vermeintliche Widerspruch zu ihrer politischen Zielgruppe bewusst wird. "Das klingt jetzt dekadent, aber so bin ich gar nicht." Nein, dekadent ist Jutta Krellmann sicher nicht. Ihr Einsatz für soziale Gerechtigkeit ist echt: Sie hat Arbeitslosigkeit und soziale Not selber kennen gelernt, als sie nach dem Studium zunächst keinen Job fand, sich mit Honorarjobs über Wasser halten musste, erst über zwei ABM-Stellen in ihren Beruf kam. Nicht zuletzt deswegen sind ihr Ausbildungsplatzabgabe oder Mindestlohn so wichtig. "Ich wäre superfroh, wenn sich hier was bewegen würde."

0000474043-12.jpg


Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt