weather-image
Vor Gericht: Jugendstrafe für Prügel

WM 2006: "Grobe Fouls in der Nachspielzeit"

Bückeburg (ly). Ausschreitungen nach dem WM-Halbfinale Deutschland gegen Italien haben jetzt das Bückeburger Amtsgericht beschäftigt. Wegen Körperverletzung und gefährlicher Körperverletzung in insgesamt drei Fällen wurde einer der Schläger zu sechs Monaten Jugendstrafe mit Bewährung verurteilt. Die Auflagen des Gerichts: 100 Stunden gemeinnützige Arbeit, Teilnahme an einem sozialen Trainingskurs.

veröffentlicht am 14.11.2006 um 00:00 Uhr

Auf offener Straße hatte der Heranwachsende (19) nach der aus deutscher Sicht verlorenen Partie in der Bückeburger Innenstadt unbeteiligte Passanten verprügelt. Jugendrichter Dr. Dirk von Behren sprach von "groben Fouls in der Nachspielzeit". Was für ein Fußballsommer! Bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land spielen Klinsmanns Kicker wie entfesselt und versetzen die Nation in einen Freudentaumel. Das Endspiel scheint zum Greifen nah. Und dann das: 0:2 gegen Italien, Aus im Halbfinale. Wir schreiben den 4. Juli 2006. Vielleicht hat der Streit in Bückeburg sich an einer deutschen Fahne entzündet, die der 19-Jährige anstecken wollte. Man weiß es nicht genau, denn an jenem Abend war viel Alkohol im Spiel. Sicher ist, dass es gegen 23.30 UhrÄrger gab und ein vorbeikommender Bückeburger (54) schlichten wollte. Sicher ist ebenfalls, dass der Mann nach mehreren Faustschlägen zu Boden ging und in seiner Hilflosigkeit noch getreten wurde. Die Schläge gab der Angeklagte zu, die Tritte ließen sich ihm nicht nachweisen. Außerdem räumteder 19-Jährige ein, anschließend auch den Sohn des Opfers, der seinem Vater helfen wollte, ins Gesicht geschlagen zu haben. "Ich war nicht besonders gut gelaunt", erinnert sich der Aggressor, der mit einer Horde aus etwa 15 Bekannten unterwegs war, von denen einige vor einer Bückeburger Gaststätte wohl ebenfalls Fäuste und Füße fliegen ließen. Für den 54-Jährigen, der Prellungen am ganzen Körper erlitt, waren vor allem die Tritte ins Gesicht ein Schock. "Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet, dass es so eskaliert", sagte er als Zeuge vor Gericht. Im Prozess wurde bekannt, dass der Angeklagte, der aussieht wie ein Fliegengewichtler, aber anscheinend sofort zuschlägt, damals noch ein drittes Opfer mit Hieben und diesmal auch Tritten eingedeckt hat. Staatsanwalt Dr. Malte Rabe von Kühlewein verfasste daraufhin in einer kurzen Verhandlungspause von Hand eine Nachtragsanklage wegen gefährlicher Körperverletzung. Beteiligt waren den Angaben zufolge mehrere Angreifer. "Die hatten keine Hemmungen", berichtete ein Freund des verletzten jungen Mannes vor Gericht. "Nicht umsonst haben sie ihm die Schulter gebrochen." Als Erwachsener, so Richter von Behren, wäre der wiederholt einschlägig vorbestrafte Angeklagte "für diese Sache in den Knast gegangen". Als Heranwachsender kam er aber noch einmal in den Genuss des moderaten Jugendstrafrechts und von Bewährung. "Das war heute die gelbe Karte", so von Behren. "Beim nächsten Mal gibt's Rot." Soll heißen: Jugendstrafanstalt.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare