weather-image
11°

„Als eine nichtswürdige Sache ausgesetzet“: Von Glanz und Elend der Schaumburger Büchersammlungen

Wissensgut – verhökert, verloren…

Ende letzten Monats (24. bis 31. Oktober) ging die mittlerweile fünfte Neuauflage der Aktionswoche „Treffpunkt Bibliothek“ über die Bühne. Mit bundesweit organisierten Lesungen, Ausstellungen und anderen Veranstaltungen sollte und soll die „Informations-, Bildungs- und Weiterbildungskompetenz“ der öffentlichen Büchersammlungen ins Blickfeld gerückt werden.

veröffentlicht am 10.11.2012 um 00:00 Uhr

270_008_5963464_fe_Buchkomplett_1011.jpg

Autor:

Wilhelm Gerntrup

In Schaumburg kann man mit solchen Angeboten nicht (mehr) aufwarten. Mit dem einst außergewöhnlich vielfältigen Bibliotheken- und Bücherbestand ist es vorbei. Die Blütezeit liegt nach den Feststellungen der Fachleute 500 Jahre zurück. Damals wurden in der hiesigen Region an die 100 000 Schrift- und Bildbände aufbewahrt. Heute ist nur noch knapp die Hälfte davon nachweisbar. Das Gros des immer noch kostbaren „Restbestandes“ wird heute vom Niedersächsischen Staatsarchiv in Bückeburg betreut.

Die größten Verluste kamen durch die Auflösung von zwei historischen Sammlungsbeständen zustande. Von den einstmals vier großen Büchereistandorten Stadthagen (Bibliothek des Ratsgymnasiums), Oldendorf (Privatbibliothek des Adeligen Ludolf von Münchhausen), Rinteln (Universitätsbibliothek) und Bückeburg (herrschaftliche Hofbibliothek) wurden später zwei (Oldendorf und Rinteln) aufgegeben.

Welches und wie viel veröffentlichtes Wissensgut dabei verloren gegangen ist, ist unbekannt. Vor allem der Ausverkauf der von dem Gutsbesitzer Ludolf von Münchhausen (1570-1640) in Oldendorf zusammengetragenen Bibliothek darf – nicht nur aus heimischer Sicht – als „kulturhistorischer Super-Gau“ bewertet werden. Nach den Recherchen des Bückeburger Historikers Dr. Helge Bei der Wieden waren in den Regalen des dortigen Renaissance-Schlosses an die 14 Tausend Bände aufgereiht – mehr als irgendwo anders im Deutschen Reich. Da konnten selbst die renommierten Bestände der Bayerischen Nationalbibliothek München (circa 11000 Bände) und der kaiserlichen Wiener Hofbibliothek (etwa 9200) nicht mithalten.

2 Bilder

An Geld für seine literarischen Einkaufstouren mangelte es Ludolf von Münchhausen nicht. Seine Vorfahren und insbesondere sein Vater Börries von Münchhausen hatten als Söldnerführer und durch Erbschaften ein gewaltiges Vermögen zusammengerafft. Zum ausgedehnten Immobilienbesitz gehörten Burgmannshöfe, Schlossbauten und Güter in Apelern, Lauenau, Oldendorf und Remeringhausen. Nachfahre Ludolf zeigte sich mehr an Schöngeistigem interessiert. Großen Einfluss auf sein kulturelles Engagement soll – neben einer ausgeprägt humanistischen Ausbildung und mehreren ausgedehnten Bildungsreisen – auch von Münchhausens nahezu gleichaltriger, äußerst kunstsinniger Landesherr Graf Ernst (1569-1622) gehabt haben.

Die Nachfolger des 1640 verstorbenen Bücherfreaks teilten dessen literarische Begeisterung offenbar nicht. Die große Masse der „Bibliotheca Münchhausiana“ wurde – unter oftmals undurchsichtigen Begleitumständen – verkauft. Etliche Bücher tauchten später in verschiedenen deutschen und europäischen Bibliotheken auf. Ein kleinerer Teil ging an die 1619 gegründete, in puncto Lehr- und Lernmittel äußerst dürftig ausgestattete Universität Rinteln. Und eine unbekannte Menge des Oldendorfer Bücherschatzes soll in dunklen Kanälen versickert sein. Bis heute tauchen Stücke in Auktionshäusern und/oder Internetbörsen auf.

Völlig geräuschlos

Ein ähnlicher Niedergang war später der Universitätsbibliothek Rinteln beschieden. 1811 hatte die Generaldirektion des öffentlichen Unterrichts zu Kassel die Schließung der Academia Ernestina verfügt. Der bis dato zusammengetragene Bibliotheksbestand nahm sich mit rund 8000 Bänden – im Vergleich zu den anderen deutschen Universitäten – nach wie vor äußerst bescheiden aus. Der größte Teil der Bücher musste an die Universität Marburg abgeliefert werden. Ein kleiner Rest ging ins örtliche Gymnasium.

Was heute einen Sturm der Entrüstung verursachen würde, ging damals geräuschlos und beinahe unbemerkt über die Bühne. Sowohl das Verhökern der größten Bibliothek Deutschlands als auch die Plünderung der Rintelner Bestände wurde, wenn überhaupt, eher beiläufig wahrgenommen. Das hatte nicht nur mit den Kriegswirren und politischen Unruhen jener Zeit zu tun. Selbst an sehr kostbaren und seltenen Druckwerken habe früher praktisch kein Interesse bestanden, hat der Hannoveraner Geschichtsforscher Professor Hans-Peter Schramm herausgefunden. Dieselbe Erfahrung hatte bereits vor gut 260 Jahren der Stadthäger Superintendent Carl Anton Dolle (1717-1758) gemacht. „Man hat diesen Schatz in den vorigen Zeiten nicht recht geachtet“, klagte der Geistliche, als er zufällig „auf einer kleinen finstern Cammer unter dem Dach“ des örtlichen Ratsgymnasiums die verloren geglaubte, „unter Staub und Moder vergrabene“ Bibliothek der alten städtischen Lateinschule wiedergefunden hatte, „wo sie wegen Schnee und Mäusefrasz als eine nichtswürdige Sache ausgesetzet, mithin seinem völligen Untergange sehr nahe war“.

Heute wird der auf rund 50 000 Bücher geschätzte und trotz aller Verluste immer noch äußerst kostbare heimische Buchbestand vom Niedersächsischen Staatsarchiv Bückeburg betreut.

Standort der Münchhausen-Bibliothek war das schlossartige Gebäude der Familie im später hessischen Oldendorf.

Fotos: gp



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt