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Das Verhältnis der Obernkirchener zu ihrem Stein war stets gespalten / 14-Jährige bietet Führungen für Jugendliche an

Wirtschaftliche Stabilität - aber auch ein früher Tod

Obernkirchen. Das Verhältnis der Obernkirchener zu ihrem Stein war über die Jahrhunderte ambivalent, es war stets etwas gespalten. Zwar war er ein stabiles wirtschaftliches Fundament, auf der anderen Seite führte die Arbeit mit und an ihm dazu, dass mancher früh starb. Denn wirklich alt wurden die Menschen, die in den Steinmetzbetrieben der Bergstadt gearbeitet haben, nicht. Bis 1950 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei spärlichen 35 Jahren, die meisten raffte die Silikose - eine Lungenerkrankung, die durch Inhalation und Ablagerung von mineralischem Staub verursacht wird - in der sprichwörtlichen Blüte ihrer Jahre hinweg. Erst die Erfindung der Staubabzugshaube sorgte für den entscheidenden Schritt zu mehr Gesundheit und längerer Lebenserwartung.

veröffentlicht am 28.08.2006 um 00:00 Uhr

Nach dem Mittagessen, zwischen 13 und 14 Uhr, ist es auf dem Kir

Autor:

Frank Westermann

Daten, die Kim Gerkensmeier mit einigem Erstaunen zur Kenntnis nimmt. Die Auetaler Schülerin hat das Angebot der Führung für Kinder und Jugendliche auf dem Skulpturenpfad gern angenommen. Sie ist der einzige Teenager, der am Sonnabend etwas mehr über die Historie des Symposiums erfahren will. Ihre Führerin ist nur unwesentlich älter: Marlene Bradler ist 14 Jahre jung und hätte vor einem Monat wohl nicht gedacht, dass sie beim 7. Symposium plötzlich zu den Helfern zählt. Und das kam so: Thomas Stübke vom IOBS-Vorstand hatte eher zufällig ihre Internet-Seite (www.marlene-im-netz.de) angeklickt - und war begeistert über die intergalaktisch gute Qualität der Homepage. Er bot ihr an, doch die erstmals angebotenen Führungen für Kinder und Jugendliche zu übernehmen. In einem Crash-Kurs, so erzählt die Obernkirchenerin, hätten ihr dann Stübke und Museumsleiter Rolf-Bernd de Groot das Wichtigste über Stein und Symposium erzählt. Sie wird sich selbst auch noch einiges angelesen haben, denn der Wissensschatz, aus dem Marlene Bradler während der Führung Fakten und Geschichten schöpft, ist immens. Nach einer kurzen Einführung im Berg- und Stadtmuseum, wo es eine begleitende Ausstellung über die Steinhauerzunft gibt, geht es auf den Skulpturenpfad: der hölzerne Bergmann im Streb, der entstehende Demyohn rechts und links vor dem Museum - Exponate aus der Anfangszeit, als noch viel in Holz gearbeitet wurde. Über die Werke von Roland Höft und Rosemarie Zensen, von Tutani Mgbazi, Reinhard Rösler wird die Sparkasse erreicht, wo vor der Tür Jupp Frankes Dukatenesel steht und innen sich Kai Lölkes "Mann mit Fäustel" an seine Arbeitsstelle klammert. Anschließend, so erklärt die 14-jährige Führerin, gehe es zu ihrem liebsten Objekt: "Die Stimme des Windes", die hinter dem Sonnengarten auf der grünen Wiese steht. Und dort lebende Senioren hätten in den letzten drei Jahren das Objekt so lieb gewonnen, dass sie sich an einem Kauf mitbeteiligen würden, erzählt Marlene Bradler sichtlich stolz und auch ein bisschen gerührt. Auchüber Ludger Frankes "Stadtgeschichte" weiß sie viel zu erzählen: wie das Werk erst am Ende der Fußgängerzone stand, dann lange beim Bauhof lag und schließlich, weil es Vater Jupp Franke so sehr am Herzen lag, in zwei Teile geschnitten wurde, die jetzt an Frankes Wohnhaus an einer Wand stehen.Kurzum: Nach einer guten Stunde und einem Werkstattbesuch bei Franke kehrt die Minigruppe wieder auf den Kirchplatz zurück. "Es war richtig lehrreich", findet die Auetaler Schülerin. Wer einmal für 1,50 Euro mitgehen möchte, bitte sehr: Marlene Bradler führt jeden Tag um 15 Uhr. (Und wer es um diese Zeit nicht schafft - das muss aber bitte ganz unter uns bleiben -, der kann am Trafohäuschen auch zu anderen Zeiten nach ihrer Telefonnummer fragen.) Vorgestern wurde es dann nichts mit dem erwarteten Besucheransturm - der den ganzen Tag anhaltende Regen machte den Hoffnungen der Veranstalter einen nassen Strich durch die Rechnung. Die Bildhauer nahmen es gelassen hin und führten ihre Arbeit fort. Bis auf Ted Carrasco: Für dessen monumentales Tor gibt es nämlich kein Regenzelt. Der Bolivianer übte sich daher in Geduld. Der unerwartete Arbeitstag führte dazu, dass alle Künstler in ihrem Zeitrahmen liegen. Ganz locker. Daher gab es gestern auf dem Kirchplatz auch viele, viele Gespräche zwischen Künstlern und Besuchern: Jeder, der da war, hatte Zeit für jeden, der gekommen war. Noch was? Ja. Ins Reich der Gerüchte gehören glasklar alle Vermutungen, Kai Lölke hätte seinen rittlings auf einem gepackten Koffer sitzenden Menschen inzwischen nach dem Trainer von Hannover 96 umbenannt. Zwar ist die Zukunft von Coach Peter Neururer nach drei fetten Fußball-Pleiten in Folge ungewiss, aber Lölke ist großer Fan von Mönchengladbach. Mittlerweile ziert das Borussia-Enblem auch seine Steinskulptur - dort, wo der Mensch das Herz hat.

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