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Erneute Vollversammlung des "Herminenhofs" / Es hagelt weiter Kritik / Der Heimbeirat hört auf

"Wir wollen Taten, gucken Sie auf die Menschen"

Bückeburg. Der Patient "Herminenhof" befindet sich auf dem Weg der Genesung - aber er bedarf noch viel und intensiver Pflege. Denn nach wie vor gibt es eine ganze Reihe von Vorkommnissen und Missständen, die in den vergangenen drei Monaten noch nicht abgestellt werden konnten. Das wurde am Mittwochabend auf der Vollversammlung der Bewohner und Angehörigen des Seniorenheims an der Birkenallee deutlich. Zu der Versammlung hatte der Heimbeirat geladen, rund 80 Menschen waren gekommen. Wie auf der ersten Vollversammlung im Juni zugesagt, stand die Casa-Reha-Geschäftsführung als Betreiber des Heims Rede und Antwort, ob sich an den Missständen in Pflege und Versorgung etwas geändert hat und welche Schritte eingeleitet worden sind. Sie waren nach der ersten Versammlung von unserer Zeitung ans Tageslicht gebracht worden und hatten für viel Wirbel gesorgt.

veröffentlicht am 19.09.2008 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:50 Uhr

Heimbeiratsvorsitzende Ingrid Jehn: "Der Fisch beginnt am Kopf z
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Raimund Cremers Redakteur zur Autorenseite

Und wie schon im Juni hatte Geschäftsführer André Schmidt keinen leichten Stand. Er berichtete über Neueinstellungen mit fünf Angestellten mehr als der Personalschlüssel vorschreibt, Verbesserungen in der Pflege, Coaching für die Mitarbeiter, Verbesserung des Managements, Einführen neuer Strukturen, Verschönerungen im Haus, mehr Dialog mit Bewohnern und Personal, besseres Essen und noch vieles mehr. Und hatte es zwischenzeitlich schwer, sich gegen die überdeutlichen Beschwerden der Bewohner und Angehörigen durchzusetzen. Bis einem der Kragen platzte: "Wir wollen keine Dokumente und Beamer-Präsentationen. Wir wollen Taten. Gucken Sie auf die Menschen." Und diese Menschen hatten eine Menge Beschwerden anzubringen, darunter nach wie vor gravierende. Mehrfach wurde bemängelt, dass es Probleme bei der Medikamentenvergabe gibt. Ein Bewohner erhielt in 17 Tagen nur zweimal seine nachmittägliche Medikamentenration, wie sich aus der Dokumentation ergibt. Eine andere Bewohnerin erhielt ihre Tabletten unzerkleinert und ohne Aufsicht, sodass die Medikamente versteckt werden konnten. Zwar sei das Personal deutlich aufgestockt worden, aber so mit Schulungen und Besprechungen beschäftigt, dass keine Zeit für Pflege bleibe. Nach wie vor unbefriedigend sei auch die Personalsituation an Wochenenden, wo erneut nur eine Pflegerin für mehr als 20 Bewohner zuständig ist oder war. In vier Monaten habe ihre Mutter 20 verschiedene Pfleger gehabt, so eine Angehörige. "Wo bleibt dadie Würde und der Aufbau von Vertrauen?" Sie brach aber gleichzeitig auch eine Lanze für das Personal. "Wir müssen den Pflegern Mut machen und aufpassen, dass uns der Rest der Guten nicht auch noch wegläuft." "Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken", brachte die Vorsitzende des Heimbeirates, Ingrid Jehn, ihre Vorwürfe auf den Punkt. Wenn Heimleiter, Pflegedienstleitung und / oder Wohnbereichungsleitung gehen und keiner da ist, der kontrolliert und beaufsichtigt, dann könne es nicht funktionieren: "Die Pfleger wissen einfach nicht Bescheid." Ingrid Jehn berichtete von einer Zweiklassen-Gesellschaft im Heim. Die in der unteren Pflegestufe sind, für die sei vieles in Ordnung, die schwer Pflegebedürftigen aber würden leiden. Ihre Beschwerdeliste, die ihr die Bewohner übermittelt hätten: falsche Pflege, falsche Verordnungen, unzureichende Flüssigkeitsgabe, schlechtes Essen, mangelnde Körperpflege, wechselndes und unfreundliches Personal, immer noch Leihkräfte oder unzufriedene Pfleger - "jeder versucht hier nur wegzukommen." Nicht nur das Personal, auch die Bewohner: 84 Menschen leben derzeit im Herminenhof, der 120 Plätze hat. Die Abstimmung mit den Füßen ist in den vergangenen Wochen so weit gegangen, dass am Mittwochabend der komplette Heimbeirat zurücktrat. Der Großteil des sechsköpfigen ehrenamtlichen Gremiums hat seine Angehörigen inzwischen in anderen Heimen untergebracht. Ingrid Jehn: "Meine Mutter ist im neuen Heim regelrecht aufgeblüht." Neuwahlen wie vom Heimgesetz gefordert, sollen schnellstmöglich erfolgen. "Wählen sie einen starken Heimbeirat, er ist eine wichtige Institution, es braucht ein paar ganz mutige Leute", so der Appell einer Dame - sie wird ihren Mann Ende des Monats aus dem Herminenhof nehmen. Der Casa-Reha-Geschäftsführer: "In drei Monaten ist eine große Menge passiert, dass immer noch etwas schiefgeht, das passiert in jedem Haus." Er werde allen Beschwerden nachgehen. Und versprach: "Mit diesem Bewohnerabend wird nicht alles vorbei sein."

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