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Drei Fragen an Josef Kalkusch, den Sprecher der Landeskirche Schaumburg-Lippe

"Wir sind eine Kirche der kurzen Wege"

Bückeburg. Vor wenigen Tagen haben zahlreiche Vertreter der evangelischen Kirchen in Deutschlandüber deren Zukunft beraten. Hohe Wellen hat dabei der Ansatz geschlagen, kleine Landeskirchen bis 2030 aufzulösen. Die Fragen unseres Redakteurs Christoph Oppermann beantwortet Josef Kalkusch (57), der Pressesprecher der Landeskirche Schaumburg-Lippe.

veröffentlicht am 14.02.2007 um 00:00 Uhr

Josef Kalkusch

Warum beginnt die Diskussion um die innere Organisation der evangelischen Kirchen und deren Tätigkeit erst jetzt? Die Problematik wird seit Jahrzehnten diskutiert. Es gab eine Reihe empirischer Untersuchungen, Mitgliederbefragungen und auch Kongresse. Evangelische Akademien haben sich schon vor Jahren der Problematik angenommen, so genannte und manchmal auch selbsternannte kluge Köpfe in den oberen Etagen der Kirchenbehörden haben in ausreichender Distanz zu den Gemeinden an ihren Schreibtischen darüber gearbeitet. Konsequenzen wurden selten gezogen. Nun zwingen uns demographischer Wandel und zurückgehende Finanzen in die Knie. Ich will hinzufügen: Der Untergang der Kirche und das Verschwinden des Glaubens werden seit Jahrzehnten vorausgesagt, die Menschen sind zwar kirchenkritisch, bleiben aber unheilbar religiös. Auch die Reformation im 16. Jahrhundert war kein Sonntagsspaziergang, die beiden Weltkriege waren für Volk und Kirchen kein gemütliches Picknick. Theologisch ausgedrückt: Gerade weil wir die allerletzte Verantwortung für die Kirche nicht tragen, sondern Gott allein, müssen wir uns mit den vorletzten Dingen umso verantwortlicher auseinandersetzen. Dabei sollten wir aber, was die aktuelle Diskussion angeht, nicht in Panik verfallen. Welche Vor- und Nachteile hat eine selbständige evangelische Landeskirche in Schaumburg-Lippe für die Gemeindemitglieder und Gemeinden? Auch wenn es manche Persönlichkeiten anderer Landeskirchen inzwischen nicht mehr hören wollen oder können: Wir sind eine Kirche der kurzen Wege, haben eine überschaubare Struktur und sind "nah dran", wie es der Landesbischof gern sagt. Die überdurchschnittlich gute Versorgung mit Pfarrstellen ermöglicht uns, mit denGemeindemitgliedern auf Augenhöhe zu sein. Das sind ungeahnte Chancen, die manchmal auch, das will ich nicht verschwiegen, vertan werden. Die Leute kennen ihre Pastoren, die Pastoren nehmen ihre Gemeindemitglieder in ihren alltäglichen Zusammenhängen stärker wahr. Man begegnet Müttern oder Vätern, wenn sie mit ihren Kinderwagen spazieren gehen, man weiß, wohin die Leute zur Arbeit fahren, man kennt die Vereinsstrukturen und ist als Pastor eingebunden ins Vereinsleben, man trifft die Konfirmanden und Konfirmandinnenbeim Skaten. Und Familienangehörige erinnern den Pastor auch mal an den 85. Geburtstag der Oma, wenn sie ihn beim Einkaufen im Nachbarort treffen. Zwar wirft man uns manchmal eine idyllische Sichtweise der Gemeindeverhältnisse vor, aber die starke Wahrnehmung des Alltags der Gemeindemitglieder wird man uns nicht absprechen können. Manchmal wirft man uns eine kirchliche Enge vor, aber im Glauben erstickt ist daran noch niemand. Wo müsste die Arbeit in den Gemeinden verändert und / oder verbessert werden und gibt es für diese Arbeit "Erfolgskriterien"? Wer mich kennt, weiß, dass ich der Sprache des Marketings gegenüber offen bin, aber bei dem Begriff der "Erfolgskriterien" bekomme ich Bauchschmerzen. Was ist, wenn der Erfolg ausbleibt, wer setzt die Kriterien, kann ich im Bereich der Seelsorge überhaupt von "Erfolg" sprechen, wann ist eine Taufe gut oder schlecht? Man sollte also auf dem Teppich bleiben und sehen, was machbar ist. Auf jeden Fall dürfen wir die Bodenhaftigkeit des Glaubens nicht verlieren. Um Gott zu entdecken, muss man tief ins Menschliche hineintauchen. Es hat mal jemand gesagt: "Wer die Erde nicht berührt, kann den Himmel nicht entdecken." Somit ist manches in der Kirche ein Sprachproblem, ein Problem der sprachlichen Vermittlung. Da gibt' noch viel zu tun. Und ganz wichtige heut ist die Kommunikation, auch durch die neuen Medien. Vernetzt sind wir ja in der Kirche schon, ehe überhaupt das Wort Globalisierung bekannt war. Wir sollten daher die uns heute auch durch die Medien gegebenen Möglichkeiten intensiver nutzen, um die gute Nachricht des Glaubens zur Sprache zu bringen, denn über dem Grab Jesu ist immer noch kein Gras gewachsen. Aldi-Reklamezettel sind professioneller gemacht als manch' kirchlicher Schaukasten. Im übrigen sind Pastoren nicht nur Sterbebegleiter, sondern auch Fachleute für Lebensfreude, wenn sie das Evangelium ernst nehmen. Auch das kommt manchmal zu kurz. Darüber hinaus werden in der Kirche keine Heilgüter verwaltet, sondern es wird Gottes Zuspruch für den Alltag erkennbar zur Sprache gebracht.



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