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Der Soldat Friedrich Renner hat seine Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg niedergeschrieben

„Wir schossen, was das Zeug hielt“

Wer im Stadtarchiv nach soldatischen Selbstzeugnissen aus dem Ersten Weltkrieg forscht, stößt auf die Erinnerungen Friedrich Renners. Auf der Grundlage seines Tagebuchs hat der Hamelner eine persönliche Chronik des Krieges verfasst – ohne dabei zu persönlich zu werden.

VON KERSTIN WÖLKI

veröffentlicht am 01.08.2014 um 17:42 Uhr

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Mit Hurra ging es über die Grenze. Es war am 15. 8., 11 Uhr abends.“ Das schreibt der Hamelner Friedrich Renner zu Beginn seiner Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg. Vorfreudig erwartet er seinen Einsatz, noch gibt es keine Vorstellung vom Schrecken und Sterben, das Verdun oder Flandern mit sich bringen werden. Er gehört zu jenen jungen Männern, die 1914 voller Abenteuerlust und Stolz ihre gebügelte Uniform tragen.
Private Dokumente wie Feldpostbriefe, Kriegstagebücher oder Erinnerungen geben einen Einblick in die Erlebnisse der Soldaten. Friedrich Renner, im zivilen Leben Beamter der Kreisverwaltung und Mitarbeiter der Kreissparkasse in Hameln, führte während des Krieges Tagebuch oder notierte sich Gedanken und Erlebnisse in einem Notizbuch. Auf diesen Aufzeichnungen basieren die Erinnerungen, die er Jahrzehnte nach Ende des Ersten und auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges verfasst hat. Niedergeschrieben hat er seine Gedanken mit der erklärten Intention, die Erinnerung an das Reserve-Infanterieregiment 231 und dessen „glorreiche Kämpfe für die Nachkommen der damals noch jungen Soldaten“ aufrechtzuerhalten, um die „alten Kriegsteilnehmer und Veteranen von 1914/18“ auf diese Weise zu ehren.
Renners Dokument umfasst auch eine Sammlung von Soldatenliedern sowie eine Auflistung von Kameraden und deren Lebensdaten. Im Stadtarchiv Hameln ist seine Hinterlassenschaft als eine der wenigen persönlichen Überlieferungen aus dem Ersten Weltkrieg einsehbar. Doch was erzählt uns dieses aufwendig zusammengestellte Selbstzeugnis?

Tagebücher können zeitlich als unmittelbares Zeugnis gelten, die Autoren agierten mitten im beschriebenen Geschehen. Doch werden sie nachträglich noch einmal verarbeitet, werden die Erlebnisse im Rückblick auf ein bestimmtes Ziel hin geordnet. Die spätere Lebenserfahrung, der jeweilige Zeitgeist und kollektive Interpretationen fließen ein in den Schreibprozess.
Zudem ist das Gedächtnis kein statisches Sammelbecken, das Erlebnisse unverändert präsent hält. Erinnerungs- und Erzählwürdiges wird vom Autor je nach gegenwärtigem Bedarf gefiltert und geformt. In diesem Fall – wie Renner selbst schreibt – zum Zweck der Ehrung des Regiments und um die Erinnerung für nachfolgende Generationen wachzuhalten.
Friedrich Renner, geboren 1893, tauscht mit 21 Jahren die zivile Dienstkleidung gegen die Uniform. 1915 erhält er den ersten Einberufungsbefehl. Bereits zuvor hatte er sich im Zuge der ersten Mobilmachungswelle im August 1914 als Kriegsfreiwilliger gemeldet und zwei Wochen auf dem Hamelner Viehmarkt in der Pferdeaushebungskommission gearbeitet. Sein Arbeitgeber konnte die erste Einberufung in das Ersatzbataillon des Hamelner Infanterie-Regiments Nr. 164 aber noch abwenden – gegen Renners Willen.
Mit dem zweiten Einberufungsbefehl meldet sich Renner ordnungsgemäß in Hildesheim beim Ersatzbataillon des Infanterie-Regiments Nr. 79. Nach einer Ausbildungszeit in Hildesheim und Munster wird er als Mitglied des Reserve-Infanterie-Regiments 231 zunächst einige Wochen an der Ostfront eingesetzt. Den weitaus größten Teil der Kriegszeit, von Oktober 1915 bis Kriegsende 1918, unterbrochen nur von wenigen Heimaturlauben, wird der junge Soldat aber in Frankreich und Belgien eingesetzt. Renner erlebt die verlustreichen Stellungskämpfe in Flandern und an der Somme. Er überlebt und kehrt physisch unversehrt im Januar 1919 nach Hameln zurück, um dort wieder seiner zivilen Tätigkeit als Beamter nachzugehen.
Erinnernswert erscheinen vor allem die Namen der Kameraden und die jeweiligen Einsatzgebiete. Aufgrund seiner Angaben lässt sich eine Gefechtschronik des Regiments leicht zusammenstellen. Vereinzelt erzählt Renner aber auch vom soldatischen Alltag, von Begegnungen mit Einheimischen oder vom allgegenwärtigen Tod.
Renner erfüllt verschiedene militärische Funktionen. Zunächst kämpft er an vorderster Front, ist aber auch als Schreiber, Meldegänger und Verbindungsmann zwischen Spitze und Kompanie unterwegs. Der ständige Wechsel zwischen Marschieren und dem Ausheben von Schützengräben, zwischen Quartiersuche und Nahrungsmittelbeschaffung, zwischen Eingesetzt- und Abgelöstwerden, zwischen Front und Ruhestellung wird zu einer Art Routine für Renner.
Ablenkung bringen unter anderem gesellige Abende mit den Kameraden. An den Lagerfeuern, in den Ruhequartieren und auf den strapaziösen Märschen wird viel gesungen. Daher finden sich auch einige „gute Soldatenlieder“ in den Aufzeichnungen. Renner teilt die Erinnerungen an „junge Kriegsfreiwillige, die an den Lagerfeuern in Russland standen oder lagen und aus voller Brust sangen.“
In Osteuropa sind es zumeist Verfolgungskämpfe, mit dem Ziel, „den Russen“ zurückzudrängen. Im Westen dagegen richtet man sich bereits früh auf den Stellungskrieg im Schützengraben ein. Erst 1916 erhalten die Soldaten jedoch Stahlhelme, die die umherfliegenden Splitter abwehren sollen.
Die Unterstände in Renners Stellung vor Armentieres in Flandern haben Namen, die eigens auf Schildern angebracht sind und auf ihre Weise vom Grabenkrieg erzählen. Sie lauten „Granatenschloss“, „Herberge Silberne Laus“ oder „Villa duck dich“.
Renner nimmt an den großen Schlachten der Westfront teil: an der Herbstschlacht in der Champagne 1915, an der Schlacht an der Somme 1916, der Schlacht in Flandern 1917 und der „Großen Schlacht in Frankreich“, der deutschen Frühjahrsoffensive im März 1918, „von der wir alle den glücklichen Ausgang des Krieges erhofft hatten. Wir waren gut vorbereitet“.
Doch auch diese letzte große Offensive führt nicht zum Erfolg: „Wir sind von der Ausgangsstellung aus ca. 2,5 km vorgestoßen, lagen dann aber am Bahndamm fest. Der Angriff hatte sich festgelaufen.“ Die Vorstöße werden eingestellt, das Regiment an anderer Stelle eingesetzt.
 Der Tod ist in Renners Erinnerungen allgegenwärtig. Leichen liegen am Wegesrand, in den Schützengräben oder auf dem Felde. „Deutsche Heldengräber“ werden passiert. Nach Kampftagen gilt es, die eigenen Kameraden zu beerdigen.
Einmal beschreibt Renner eine Szene, in der russischen Soldaten die letzte Ehre gegeben wurde: „,Helm ab‘, sagte Unteroffizier Battermann. Nach einem kurzen Verweilen mit entblößtem Haupt am offenen Grab gab der Unteroffizier den Befehl zum Zuschaufeln. Ein einfaches Holzkreuz mit der Aufschrift ,Hier ruhen 3 tapfere Russen‘ wurde auf das Grab gesetzt.“ Dem üblicherweise als kulturlos diffamierten russischen Feind wird hier soldatischer Respekt erwiesen.
 Der Preis ist auf beiden Seiten hoch. Nur eines von vielen Beispielen: 1916, in den Stellungskämpfen im französischen Artois, „entspann sich ein großer Kampf um den Trichter“, den Pioniere zuvor gesprengt hatten, um die Front zu begradigen. „Aber der Trichter blieb in deutscher Hand. Die Kämpfe dauerten [fünf Tage] an. Unsere Verluste waren groß. Als unsere Kompanie nach einigen Tagen abgelöst wurde und nach Thelus ins Ruhequartier kam, waren es nur noch 75 Mann. 100 Mann hatten wir verloren, davon 25 tot.“ Minimale Geländegewinne werden hier durch extrem hohe Verluste erkauft.
Das Beispiel steht exemplarisch für den Krieg an der Westfront. Überblickt man Renners Stationen, fällt auf, dass es sich immer wieder um dieselbe Region, sogar dieselben Orte handelt. Über Jahre hinweg wird kaum Boden gutgemacht oder verloren. Renners Erinnerungen bezeugen, wie festgefahren der zur bloßen Material- und Menschenschlacht mutierte Stellungskrieg war. Die eigene Betroffenheit bei solchen Kampferlebnissen beschreibt Renner so gut wie nie. Grundsätzlich präsentiert er sich selten als Akteur, sondern tritt er als Chronist auf. Doch an einer Stelle erinnert sich Renner, wie er selbst getötet hat: „Wir legten an und schossen, was das Zeug halten wollte.“ Ob einer der Schüsse sein Ziel, russische Reiter, fand, will er aufgrund der großen Distanz nicht festgestellt haben.
 Das eigene Handeln reflektiert Renner nicht. Auch das Geschehen an sich, der jahrelange Krieg, wird im Nachhinein nicht hinterfragt. Der junge Soldat und der spätere Veteran erscheinen als ausführendes Organ, nicht als selbstbestimmtes Individuum, das mit eigenen Ambitionen und Zielen in den Krieg gezogen war.
Zwischen den Zeilen jedoch scheint durch, dass er sich als junger Mann zunächst frohgemut als Kriegsfreiwilliger zur Verfügung stellte. Für viele seiner Generation war das Soldatsein eine Frage der Ehre und der Männlichkeit.
Ebenso deutlich wird aber auch, dass er unter den Entbehrungen während der Märsche und den lebensbedrohlichen Kämpfen gelitten hat. Und dass der Rückzug 1918, nach dem Ende der Kampfhandlungen, ein befehlsmäßig angeordneter war – empfunden als Niederlage, ohne besiegt worden zu sein. Andererseits gibt er nach Bekanntgabe des Waffenstillstandes zu: „Einen Schluss des Krieges hatten wir uns seit langem ersehnt.“
Die Leistung des Regiments wird mehrfach herausgehoben, sei es das „glorreiche“ Verhalten bei einzelnen Kämpfen, sei es in Bezug auf die Marschleistung oder das Erdulden anderer Strapazen. Diese Leistung erhält einen noch höheren Wert, wenn Renner auf die andere Seite der Medaille eingeht: Seine Einheit habe „zeitweise schwer gelitten und einen hohen Blutzoll gezahlt“, wovon auch die 3573 Gefallenen des Regiments zeugten.
Letztlich relativiert die Kindheitserinnerung einer Familienangehörigen den distanzierten Schreibstil. Als sich viele Jahre später während des Zweiten Weltkrieges in Hameln Soldaten in Kolonnen zum Abmarsch am Ostertorwall sammelten, bemerkte sie den mittlerweile fast 50-jährigen Renner, der die Szenerie seinerseits beobachtete.
Er stand an einen Baum gelehnt und weinte.



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