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Biobauern wollen sich dem „knüppelharten Diktat“ der Molkereien und Discounter entziehen

„Wir müssen unsere Milch selbst verkaufen“

Bensen. Spätestens seit im Frühjahr mehr als 250 Bäuerinnen bei Angela Merkel vor dem Kanzleramt gegen niedrige Milchpreise protestiert haben und sogar die Nahrung verweigerten, streitbare Bäuerinnen bei Beckmann in Milchangelegenheiten zu Gast waren und das Fernsehen gerne das Leid von fleißigen Landwirten zeigt, die Tag und Nacht um ihre Existenz kämpfen, weiß es auch der Letzte: Den Milchviehhaltern stand und steht das Wasser bis zum Hals.

veröffentlicht am 29.09.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Dorothee Balzereit

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Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Bensen. Spätestens seit im Frühjahr mehr als 250 Bäuerinnen bei Angela Merkel vor dem Kanzleramt gegen niedrige Milchpreise protestiert haben und sogar die Nahrung verweigerten, streitbare Bäuerinnen bei Beckmann in Milchangelegenheiten zu Gast waren und das Fernsehen gerne das Leid von fleißigen Landwirten zeigt, die Tag und Nacht um ihre Existenz kämpfen, weiß es auch der Letzte: Den Milchviehhaltern stand und steht das Wasser bis zum Hals. Mit dem Glauben, dass wenigstens die Biobauern noch ihren wohlverdienten Lohn bekommen und das derzeitige Dilemma eben die konsequente Sackgasse der entgleisten konventionellen Milchwirtschaft ist, tröstet sich mancher optimistische Laie. Aber weit gefehlt.

„Auch wir befinden uns in der Krise“, sagt Biolandwirt Heiner Meier Köpke aus Bensen, der seit 1988 Biomilch produziert. Um ein Zeichen zu setzen, entzündeten die Milchbauern dort unlängst ein Mahnfeuer. Aus Sicht der Landwirte haben falsche politische Weichenstellungen dazu geführt, dass Milch inzwischen billiger als Wasser ist. „Milcherzeugung ist zurzeit nur möglich, wenn der Milcherzeuger noch Geld drauflegt, die momentanen Auszahlungspreise liegen weit unter den Erzeugungskosten“, so Meier Köpke.

Gerade hat er eine Telefonkonferenz hinter sich, und von der Eifel bis zur Nordsee interessiert die Biolandwirte derzeit vor allem eine Frage: Soll man sich dem Druck der größten norddeutschen Molkerei beugen und den diktierten Abnahmepreis für Milch akzeptieren oder standhaft bleiben? 33 Cent pro Liter wurden im August gezahlt, 32 im September, 35 Cent werden in Deutschland derzeit durchschnittlich für den Liter Biomilch gezahlt, 40 Cent müssten es sein, um rentabel arbeiten zu können. Ein paar- mal pro Woche diskutieren die Landwirte, die in der Milcherzeugergemeinschaft Nord (MEG) und zumeist auch im Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) organisiert sind, momentan miteinander – in guten Zeiten tauscht man sich gerade mal alle zwei Monate aus.

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Für die Kälbchen, die von Heinrich Meier Köpke Milch bekommen, ist der Landwirt die Mama.

„Unsere größte Aufgabe ist es, Geschlossenheit unter den Landwirten zu erreichen“, sagt Köpke. Für ihn und viele andere Biobauern liegt die Lösung des Problems darin, sich aus dem Würgegriff der Molkereien zu befreien. „Das geht, wenn wir dahin kommen, unsere Produkte selbst an die Molkerei verkaufen, anstatt sie dort nur abzuliefern.“ So könne man dem knallharten Konkurrenzkampf der Molkereien, die wiederum dem „knüppelharten“ Diktat der Billig-Discounter unterliegen, entgehen. Dessen sind sich die vernetzten Landwirte sicher. Vorausgesetzt, alle ziehen an einem Strang.

Landwirte haben wieder Visionen

Die Chancen dafür stehen insofern nicht schlecht, als man seit dem Streik im Jahr 2003 wesentlich organisierter ist und die Gemeinschaft der Biobauern zwar wächst, aber im Gegensatz zu den konventionellen Milchviehhaltern immer noch überschaubar ist und noch von einer gewissen Ideologie geeint wird. Und seit die Milchauszahlungspreise der Molkereien veröffentlicht werden, herrsche auch so etwas wie Markttransparenz, sagt der Benser Landwirt, „endlich sind die Zahlen vergleichbar“.

Als Erfolg verbuchen die Biolandwirte zudem, dass sie nun den Preis für ihre Milch im Voraus verhandeln können und nicht wie zuvor, erst einen Monat nach Ablieferung. Seit der Erfahrung von Stärke durch gebündelte Kraft hat ein Teil der Landwirte wieder Visionen, wenn der Weg dorthin auch weiterhin steinig ist. Da sind beispielsweise die Produktionskosten, die sich seit 2007 durch die Verdopplung der Rohstoffpreise ebenfalls um 30 bis 50 Prozent erhöht hätten, erläutert Meier-Köpke. Und da ist die steigende Milchanlieferung, die die momentanen Absatzmöglichkeiten um ein bis drei Prozent übersteigt. „Das ist ein Thema, über das wir uns Gedanken machen müssen, die Menge muss zurückgefahren werden“, erklärt der Landwirt. Die Abschaffung der Milchquote im Jahr 2015, die von der EU kürzlich endgültig beschlossen wurde, bereite auch vielen Biolandwirten Kopfzerbrechen, war sie doch zumindest ein Instrument, dass eine gewisse Preisstabilität garantierte. „Leider ist ein Wachsen des Betriebes mit der Quote nur über immense Kosten möglich“, kritisiert Meier Köpke, der für die Abschaffung in der jetzigen unflexiblen Form ist. „Auf extreme Marktschwankungen werden die Betriebe ohne die Quote dann allerdings nicht mehr vernünftig reagieren können, denn Milchwirtschaft ist nicht planbar.“ Schon auf Ausschläge von einem Prozent reagiere der Markt sensibel. Einen Überschuss von bis zu 15 Prozent hält Köpke für zweifelhaft, diese Zahlen seien nie überprüft worden.

Eine mögliche Lösung des Problems liegt für den Landwirt in einem übergeordneten Gremium aus Milcherzeugern und Milchindustrie, das schnelle Entscheidungen über Milchmengen zur flexiblen Marktanpassung trifft. „Wenn der Markt freigegeben wird, werden viele Betriebe das nicht überleben“, sagt er. Globalen Aspekten wie der Dürre in Australien, dem Melamin-Skandal in China, die den Milchpreis 2007 mit in die Höhe trieben oder Südamerikas Ausweitung der Milchproduktion, der ihn wieder fallen lässt, seien viele europäische Betriebe nicht gewachsen.

Die bisherigen politischen Maßnahmen sind Meier Köpke zu schwerfällig und uneffizient und allzu oft mit der Verschwendung von Steuergeldern verbunden. „Es werden Millionen von Euro aufgewandt, um Milchprodukte zu subventionieren und auf dem überfüllten Weltmarkt abzusetzen. Dass dabei oft mit Entwicklungshilfe entstandene bäuerliche Strukturen zum Beispiel in Ländern Afrikas zerstört werden, wird dabei nicht beachtet“, so der Landwirt.

Freiwillige Beschränkung im Biobereich

Im Biobereich gibt es deshalb seit diesem Jahr Modelle von angewandter freiwilliger Mengenbeschränkung, die offensichtlich Wirkung zeigen, aber noch weiterentwickelt werden müssen, erläutert Meier Köpke. Interessant sei in diesem Zusammenhang auch, dass 70 Prozent der US- amerikanischen Milcherzeuger einem freiwilligen Fonds angeschlossen sind, der Einfluss auf den Milchmarkt nimmt. Auch die Bio MEG Nord arbeitet an einem Modell zur Mengensteuerung. Hier liegt für Meier Köpke

die große Chance, über große Erzeugerzusammenschlüsse die Zukunft der Milcherzeugung mitzugestalten.



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