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„Wir lernen, mit der Gefahr zu leben“

In Afghanistan herrscht Krieg. Nach sieben gefallenen deutschen Soldaten in zwei Wochen sprechen das auch Politiker inzwischen offen aus. Die fünf Offiziere der Heeresflieger in Bückeburg betrauern den Tod ihrer Kameraden, halten aber einen überstürzten Rückzug vom Hindukusch für falsch. Über ihre eigenen Ängste sprechen sie nicht, das ist für sie eine Frage der Professionalität.

veröffentlicht am 23.04.2010 um 17:57 Uhr

Taliban töten Soldaten aus Hameln

Von Hans Weimann

Wenn die Bundeswehroffiziere Michael Baumgärtner, Peter Donhauser, Carsten Bölk, Michael Pössel und Benjamin Abendschein von ihren Einsätzen in Afghanistan erzählen, klingt zwar durch, dass in einem asymmetrischen Krieg die Todesgefahr allgegenwärtig ist, auch wenn man in Kabul im Hauptquartier sitzt und nicht auf dem Gefechtsfeld beschossen wird. Doch in dem fast zweistündigen Gespräch, das die Bückeburger Afghanistanrückkehrer mit unserer Zeitung geführt haben, geht es nicht so sehr um die Gefahr, durch einen Sprengsatz oder eine Kugel getötet zu werden, sondern um die anderen, ganz alltäglichen Risiken und Probleme, mit denen Hubschrauberpiloten in Afghanistan zu kämpfen haben.

Da ist vor allem der Staub, fein wie Mehl und alles durchdringend, der das Leben schwer macht. Klar habe man im Kopf, dass es einen Anschlag geben könnte, sagen alle, aber das sei nicht unmittelbar greifbar. Der Staub dagegen sei immer da und eine alltägliche Gefahr: Landen in einer afghanischen Staubwolke, das könne man nur bedingt in den Bückeburger Simulatoren üben. Deshalb trainieren Piloten Staublandungen vor Ort zunächst in einem geschützten Bereich. Ein haariges Manöver, denn der Pilot sieht nichts außer Staub – auf seine Instrumente allein kann er sich in dieser Situation nicht mehr verlassen, sondern muss auf die Anweisungen seines Bordtechnikers hören, der auf der Ladeklappe hängt und die Distanz zum Boden über Mikrofon durchgibt.

Und da wären dann noch die ganz persönlichen Befindlichkeiten. Oberstleutnant Michael Pössel zählt auf: „In Deutschland fliegt man im Overall mit Notausrüstung. In Afghanistan hast du mit der schusssicheren Weste plus Ausrüstung so um die 20 Kilo am Körper und das bei bis zu 50 Grad Außentemperatur.“

OLT Michael Baumgärtner
  • OLT Michael Baumgärtner
Oberstleutnant Peter Donhauser
  • Oberstleutnant Peter Donhauser
Oberstleutnant Michael Pössel
  • Oberstleutnant Michael Pössel
Major Benjamin Abendschein
  • Major Benjamin Abendschein
Hauptmann Carsten Bölk
  • Hauptmann Carsten Bölk
Landen in einer afghanischen Staubwolke, das kann man in Deutsch
  • Landen in einer afghanischen Staubwolke, das kann man in Deutschland nur bedingt üben.
OLT Michael Baumgärtner
Oberstleutnant Peter Donhauser
Oberstleutnant Michael Pössel
Major Benjamin Abendschein
Hauptmann Carsten Bölk
Landen in einer afghanischen Staubwolke, das kann man in Deutsch

Das Gerät, mit dem die Piloten täglich umgehen müssen, der Hubschrauber Sikorsky CH-53, ist für den Einsatz in unseren Breitengraden konstruiert worden, nicht für heiße Wüsten und hohe Berge. Was für die Piloten bedeutet: Die Triebwerke liefern weniger Leistung. Das müsse man einkalkulieren, wenn es kritisch wird. Ohne Hubschrauber geht am Hindukusch nichts: Für manche Strecke, die ein Hubschrauber in 15 Minuten fliegt, sagt Pössel, braucht ein Fahrzeug drei Stunden.

Direkt in Kampfhandlungen ist keiner der Piloten verwickelt worden, wohl aber in die Folgen: Viermal hat Pössel mit einem Medicopter Verwundete aus einem Gefecht geholt. „Spätestens nach einer Stunde“, sagt Pössel, „ist ein Verwundeter auf dem OP-Tisch. Wer eine Chance hat zu überleben, der überlebt auch.“ Das kommt in dem Gespräch ganz cool herüber.

Ob dieser Krieg für den einzelnen Soldaten zum Trauma wird, hat wohl auch viel damit zu tun, was man vorher gesehen hat. Und vier der Offiziere haben Erfahrungen in Krisengebieten. Oberstleutnant Peter Donhauser war schon in Sarajewo dabei, Afghanistan habe ihn deshalb nicht überrascht. Andere waren im Kongo und mehrmals in Afghanistan.

Nur für Hauptmann Carsten Bölk war es der erste Einsatz am Hindukusch, was er dann auch spontan im Gespräch so kommentiert: „Ich hatte das Gefühl, ich bin im Mittelalter gelandet. Das war eine völlig andere Welt.“ Er habe am ersten Tag noch überlegt, welches Auto fliegt wohl als Nächstes in die Luft. „Doch man lernt, mit der Gefahr zu leben.“

Und die Offiziere schildern, was es für Soldaten aus unserem Kulturkreis so schwer macht, sich mental auf die Situation in Afghanistan einzustellen: „Du kommst in ein Dorf und eine lachende Kinderschar läuft auf dich zu. Selbstverständlich freut man sich, wir sind ja nicht aus Holz. Und trotzdem weiß man, im nächsten Haus könnte ein Taliban sitzen. Das ist eine Strategie, mit der wir uns schwer tun. Die Menschen sind unwahrscheinlich gastfreundlich, aber eben morgen auch zu einem Talibanführer.“ Was die Soldaten keineswegs verurteilen: „Das muss man als Teil der Überlebensstrategie von Menschen begreifen, die 30 Jahre Bürgerkrieg hinter sich haben.“

Auf die Frage, inwiefern die Soldaten darauf vorbereitet sind, was sie erwartet, stellt Oberstleutnant Peter Donhauser klar, dass Ausbildung nur ein laufender Prozess sein könne, weil sich auch die Situation ständig ändere. Donhauser nennt Beispiele: Im Gefechtstraining werde den Soldaten beigebracht, bei einem Überfall den Gegner mit Feuerstößen in die Deckung zu zwingen. Das hätten die Taliban begriffen: „Die bleiben und kämpfen weiter.“ Werden sie getroffen – inschallah, Schicksal. Bei den US-Soldaten gelte jetzt die Maxime, nur noch gezielt zu schießen.

In Fahrzeugen würden Störsender mitgeführt, um zu verhindern, dass die Taliban Sprengsätze per Handy zünden. Worauf die Taliban ein langes Kabel legten, bis das Handy außerhalb der Reichweite eines Störsenders ist.

Weiß die Politik, was in Afghanistan wirklich los ist? Major Benjamin Abendschein, der in Kabul hohe Politiker begleitet hat, in der Truppe „Gefechtsfeldtourismus“ genannt, stellt den Parlamentariern keineswegs schlechte Noten aus, wie man aufgrund der Diskussion in Deutschland vermuten könnte. Er habe kompetente Leute erlebt, die durchaus bestens informiert waren.

Will man wissen, wie die Familien es wegstecken, wenn die Väter in Afghanistan Leib und Leben riskieren, werden die Soldaten wortkarg. „Meine Frau“, sagt Donhauser, „blendet das einfach aus und sieht so wenig wie möglich Tagesschau, bis ich wieder zurück bin.“ Andere sagen: „Unsere Freunde hören uns zu, aber was wir erlebt haben, kann man nur verstehen, wenn man selbst dort war.“

Am Ende des Gespräches lassen die Bundeswehroffiziere keine Zweifel daran, dass sie einen überstürzten Abzug aus Afghanistan für falsch halten: „Wir sind ja nicht da, um den Krieg zu gewinnen, sondern um zu helfen, dass die Afghanen ihre eigene, sichere Struktur aufbauen.“ Das gehe eben nicht von heute auf morgen.

Warum nicht, formuliert Donhauser diplomatisch so: „Da sind zu viele Player auf dem Spielfeld.“ Deshalb teilen die Offiziere die offizielle Auffassung der Politik: „Ziehen wir sofort ab, bricht das Chaos aus.“

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