weather-image
"Fakten nennen": Landrat weist erneut Standortvergleichsstudie zurück / Bürgermeister warnt die Kandidaten

"Wir lassen uns den Landkreis nicht kaputtreden"

Obernkirchen (rnk). Landrat Heinz-Gerhard Schöttelndreier hat auf dem Empfang der Stadt Obernkirchen für die Vertreter der Wirtschaft erneut das Ergebnis der Studie des Forschungsinstitutes für Regional- und Clustermanagement, das Schaumburg als wirtschaftliche Problemzone Niedersachsens einstufte, zurückgewiesen und gleichzeitig die Standortvorteile des Landkreises unterstrichen. Schöttelndreier: "Fakten nennen und eine positive Entwicklung aufzeigen, ist keine Schönrednerei, sondern sicher wirtschaftsfördernder als den Standort kaputtzureden und kaputtzuschreiben."

veröffentlicht am 17.07.2006 um 00:00 Uhr

Heinz-Gerhard Schöttelndreier

Der Landkreis sei vom globalen Strukturwandel hart betroffen, betonte Schöttelndreier. In den Jahren 1999 bis 2005 seien in Schaumburg rund 3600 Arbeitsplätze verloren gegangen: im produzierenden Gewerbe über 1500 und im Baugewerbe über 1000. Hierfür seien vor allem die Entwicklungen in den großen Betrieben, etwa Heye-Glas, Alcatel und Otis, verantwortlich gewesen. "Der Landkreis Schaumburg ist - nach der Stilllegung des Bergbaus - vom wirtschaftlichen Strukturwandel nunmehr zum zweiten Mal besonders stark betroffen." Darauf hätte der Landkreis "in vielen Veröffentlichungen immer wieder aufmerksam gemacht. Und dieser Teil der jüngst veröffentlichten Studie ist korrekt." Doch die "vermeintlichen Forscher" hätten "allerdings völlig übersehen, dass der Gesundheitsbereich doch zu den Standortstärken Schaumburgs" gehöre. Schöttelndreier verwies dabei auf die Heilbäder Bad Nenndorf und Bad Eilsen und die drei Krankenhäuser. Weiterhin sei die Einschätzung "völlig unzutreffend", dass die Kompetenzfelder in der Möbel-, Leder-, Bekleidungs- und Glasindustrie liegen würden: "In einigen dieser Bereiche hat Schaumburg weiterhin Kompetenzen, Leder- und Bekleidungsindustrie ist aber so gut wie überhaupt nicht mehr vorhanden", höhnte Schöttelndreier, dessen Rede mehrfach von starkem Applaus unterbrochen wurde. Es werde auchübersehen, dass viele neue innovative Betriebe angesiedelt wurden, fuhr Schöttlndreier fort und sprach von "Leuchttürmen", soweit es Innovation und Export betreffe: Bornemann in Obernkirchen, Stüken in Rinteln, Bahr in Luhden und Bioclimatic in Nenndorf. Besonders hoch seien dabei die Gründungszahlen in den autobahnnahen Standorten Rinteln, Bad Eilsen, Auetal und Nenndorf. Das Niedersächsische Institut für Wirtschaftsforschung habe dementsprechend hervorgehoben, dass die vom Landkreis geförderte Entwicklung und Erschließung vom Gewerbeflächenstandorten "inzwischen deutliche Früchte" trage. Der Landrat verwies dabei auf den Gewerbepark, das Logistik-Center Lauenau, die Ansiedlung eines international tätigen Logistikunternehmens und weitere Betriebe mit über 250 Arbeitsplätzen, die hier neu entstanden seien. Ein weiterer Ansiedlungserfolg im Bereich Logistik sei die Firma Nosta, die das ehemalige Otis-Gelände in Stadthagen nutzen werde. Schöttelndreier: "Und auf dem ehemaligen Kuhnwald-Gelände Lüdersfeld wird sich auch eine neue Firma niederlassen." Und was die Forscher auch nicht gewertet hätte, und dies sei eigentlich das Entscheidende und der schlagende Beweis: Alle diese Maßnahmen trügen bereits jetzt dazu bei, dass der "gewaltige Arbeitsplatzverlust im industriellen Bereich zum Teil aufgefangen werden konnte". Die aktuelle Arbeitslosenquote liege im Durchschnitt bei 11,1 Prozent für den gesamten Kreis, bei den Nachbarn, "die nicht vom Strukturwandel betroffen sind", liege sie höher: Bad Pyrmont 13,8 Prozent, Holzminden und Hannover jeweils 13 Prozent, Göttingen und Hameln jeweils 11,9 Prozent. Schöttelndreier: "Das heißt doch, dass die in der industriellen Produktion wegfallenden Arbeitsplätze in kleinen und mittleren Unternehmen und im Handwerk kompensiert wurden." Die aktuellen Herausforderung, vor denen die Stadt Obernkirchen stehe, hatte Bürgermeister Horst Sassenberg zuvor aufgezählt: Bestandssicherung, also die Pflege und Dienstleistung für vorhandene Unternehmen und damit die Stärkung des Mittelstandes sowie die Standortwerbung, die Arbeit an der Außendarstellung der Stadt. Der wirtschaftliche Strukturwandel, die sinkende Beschäftigungsentwicklung im produzierenden Gewerbe, die Verödung der Innenstädte durch die Angebote auf der grünen Wiese und der nicht annähernd damit schritthaltende Prozess der Entwicklung von Dienstleistungen schaffe auch für das Grundzentrum Obernkirchen veränderte Rahmenbedingungen und neue Herausforderungen. Die anwesenden Kandidaten für das Bürgermeisteramt durften sich dann von Sassenberg eine Warnung ins politische Stammbuch schreiben lassen. Es sei "ausgesprochen populistisch und verhängnisvoll", wenn im Wahlkampf der Wirtschaft suggeriert werde, dass künftig alle Obernkirchener Aufträge auch in der Bergstadt bleiben würden. Die gesetzlichen Vorgaben müssten eingehalten werden, ohne sachlichen Grund Ortsansässige zu bevorteilen, sei mit Recht und Gesetz nicht vereinbar. Eine illegale Bevorzugung hätten die Obernkirchener Betriebe auch gar nicht nötig, unterstrich Sassenberg: Sie würden auch außerhalb der Stadtgrenzen gut und kostengünstig arbeiten und entsprechend viele öffentliche Aufträge erhalten. Im Bauausschuss des Landkreises erlebe er daher "immer wieder den Neid" seiner Kollegen aus anderen Kommunen, sagte Sassenberg.

Horst Sassenberg
  • Horst Sassenberg

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare