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Ein deutscher Jeside aus Minden hat im Nord-Irak gegen den „Islamischen Staat“ gekämpft

„Wir hoffen auf Hilfe“

Minden. Anfang August ist die mehrheitlich von Jesiden bewohnte Stadt Shingal (auch: Sindschar) im Nord-Irak von der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) eingenommen worden. Tausende Menschen flohen ins Sindschar-Gebirge, andere wurden getötet, viele jesidische Frauen und Mädchen verschleppt und versklavt. Im nahegelegenen Sherfedin kämpft seitdem eine jesidische Bürgerwehr von etwa 3000 Mann gegen den IS. Ihr Anführer ist der deutsche Qasim Shesho aus Bad Oeynhausen. Sein Sohn Abdul Karim Shesho Khalaf (34) aus Minden hat an seiner Seite gekämpft. Unsere Zeitung hat mit ihm gesprochen.

veröffentlicht am 11.12.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:06 Uhr

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Herr Khalaf, wie ist die Lage im Sindschar-Gebirge?

Die Lage ist schlecht. Essen und Trinken werden knapp. Die Menschen im Sindschar-Gebirge, vor allem Frauen, Kinder und Alte, haben keine Wintersachen, leben in Zelten oder schlafen unter kaputten Lastwagen. Nachts ist es kalt, minus zehn Grad. Wenn sie keine Unterstützung bekommen, dann braucht der IS gar nicht mehr anzugreifen, die Menschen werden einfach erfrieren oder verhungern.

Wie geht es Ihrem Vater und Ihren Brüdern?

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Abdul Karim Shesho Khalaf Foto: pk

Es geht ihnen verhältnismäßig gut. Sie verteidigen die Pilgerstätte Sherfedin und das Volk. Aber seit zehn Tagen haben sie keine Mobilfunk-Verbindung mehr. Seitdem habe ich nichts von meinem Vater gehört.

Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Familie in Minden zu verlassen und im Nord-Irak zur Waffe zu greifen?

Ich habe die Nachrichten im Fernsehen nicht ausgehalten. Das Geschrei von Frauen, von Kindern, jeden Tag Tote, jeden Tag Entführungen von Frauen, die später auf Basaren verkauft werden. Ich hatte Angst um die Menschen dort, aber natürlich auch um meinen Vater und zwei meiner Brüder, die Anfang August schon da waren. Am 3. August wurde einer meiner Brüder mit anderen Verwandten vom IS festgenommen. Nur mit Glück konnten sie sich retten.

Da stand für Sie fest, kämpfen zu wollen?

Ich hab mich nach ein paar Tagen dazu entschieden. Aber da die Wege komplett zu waren, gab es erst mal keine Möglichkeit, dort hinzukommen. Mein Vater mit seiner Bürgerwehr, die Peschmerga und die PKK wurden immer wieder in Kämpfe mit dem IS verwickelt. Erst nachdem die PKK einen Weg freigemacht hatte, konnten wir am 10. September mit dem Auto von Dohuk nach Sherfedin fahren. Allerdings brauchten wir für diese Strecke von normalerweise zwei Stunden sechs Stunden, weil wir ständig vom IS beschossen wurden.

Hatten Sie bereits eine militärische Ausbildung oder sogar Kampferfahrung?

Nein, das hatte ich beides nicht. Ich habe einfach einen Flug gebucht und bin mit zwei Brüdern, Mirza und Yassir, hingeflogen. Yassir postet seitdem auf Facebook viele Nachrichten, Bilder und Videos von dort. Aber das Problem ist, dass sie seit zehn Tagen kein Netz mehr haben, kein Internet, kein Telefon. Mein Cousin muss sich bis zu 500 Meter weit vom Haus entfernen und auf einen kleinen Hügel steigen, um telefonieren zu können. Der Hügel ist direkt gegenüber von der Straße, die vom IS kontrolliert wird. Also sind die Gespräche sehr kurz: Hallo, es geht uns gut. Dann legt er auf.

Wie man ein Maschinengewehr benutzt, haben Sie also erst dort gelernt?

Ja. Man hat mir einmal gezeigt, wie man das Magazin lädt und schießt, das war’s. Aber die Munition ist sehr knapp, also konnte ich keine Schießübungen machen. Ich habe nur ein, zwei Schüsse abgegeben, um zu testen, ob das Gewehr überhaupt funktioniert, denn viele der Waffen sind defekt. Deshalb schießen wir nicht einfach drauf los, sondern warten, bis wir angegriffen werden. Schließlich haben wir nur Kalaschnikow-Gewehre, die gerade mal 500 bis 700 Meter weit schießen können. Der IS hat Waffen, die bis zu 23 Kilometer weit schießen können.

Sie konnten sich also nur verteidigen?

Ja. Der IS ist sehr gut ausgerüstet. Denen ist es egal, wenn sie mal zwei Stunden lang am Stück schießen. Aber wir müssen mit unserer Munition sehr sparsam sein. Sollte die Pilgerstätte fallen, dann haben die Menschen auf dem Berg keine Chance mehr zu entkommen. Denn dann kommt der IS von beiden Seiten an sie heran. Die einzige Rettung sind dann noch Helikopter. Aber ein Helikopter braucht eine Stunde, um von Dohuk ins Sindschar-Gebirge zu kommen. Und bei Regen, Nebel oder Wind können die Helikopter nicht immer fliegen.

Als in Shingal der IS-Terror Anfang August begann, wurde in den deutschen Medien noch viel darüber berichtet. Inzwischen richtet sich der Blick der Weltöffentlichkeit auf Kobane. Können Sie sich das erklären?

Das verstehe ich auch nicht. Es sind immer noch Tausende Frauen und Mädchen in den Händen des IS. Wir haben nur die Vermutung, dass es daran liegt, dass die Menschen in Kobane Muslime sind und wir Jesiden. Damit will ich aber nichts gegen die Muslime sagen. Es ist nur so, dass wir kaum Unterstützung bekommen. Dabei stehen wir immer noch unter Beschuss. Mein Cousin hat mir gerade erst erzählt, dass sie vom IS wieder mit 15 Mörsergranaten angegriffen worden sind. Gott sei Dank wurde niemand verletzt.

Deutschland hat die Peschmerga in der Autonomie Region Kurdistan mit Waffen und Ausbildern unterstützt. Kommt diese Unterstützung auch bei den Jesiden an?

Nein. Wir haben bis jetzt keine Waffen bekommen. Die Peschmerga unterstützt uns hauptsächlich mit humanitären Mitteln und zuletzt auch mit ein paar Waffen. Aber mit ein paar Kalaschnikows lässt sich nicht viel gegen den IS ausrichten. Der IS hat in Mossul die Waffenkammer der irakischen Armee geplündert und ist perfekt ausgerüstet. Ab und zu kommen 40 bis 50 Peschmerga vom Sindschar-Gebirge als Unterstützung nach Sherfedin, aber das ist zu wenig.

Was tut die irakische Armee?

Sie schickt Helikopter und bringt Menschen aus dem Gebirge in Sicherheit. Mein Vater steht mit den Militärs in Kontakt und gibt die Stellungen des IS durch, aber ohne Erlaubnis der Amerikaner greift die Armee nicht in die Kämpfe ein.

Ihr Bruder Yassir schrieb bei Facebook, dass auch Amerikaner Angriffe fliegen würden.

Die Amerikaner greifen nur selten ein. Manchmal fliegen die amerikanischen Jets zwei Stunden lang herum, aber ohne einzugreifen. Ihre Angriffe richten sich hauptsächlich auf die vom IS besetzten Städte Shingal, Mossul und Tal Afar. Aber auch in der Nähe von Sherfedin bewegen sich die IS-Terroristen wie die Ameisen, doch es wird nicht viel dagegen getan.

An anderer Stelle berichteten Sie, wie Sie Zivilisten haben sterben sehen aufgrund fehlender Medikamente und Ärzte.

Ja, es fehlt an Medikamenten, Ärzten und vernünftigem Essen. Die Menschen leiden zu sehen, das kann man nicht ertragen. Aber wer es genau wissen will, der soll mal für eine Woche dort hingehen, dann wird er sehen, wie es den Menschen in dem Gebirge geht. Ich habe Menschen gesehen, die haben sich Löcher unter kaputten Lastwagen gegraben und darin Feuer gemacht, um sich zu wärmen. Den Rauch atmen sie ein, um sich zu wärmen. Ein Mann war gestürzt – aber es gab keine Medikamente und keinen Arzt, der ihn hätte behandeln können, und der Helikopter konnte wegen Regen und Nebel nicht kommen. Zwei Tage später ist er gestorben. Hätte er vernünftige Medikamente bekommen, könnte dieser Mann noch leben. Er war erst 52 Jahre alt.

Wie steht es um die jesidischen Heiligtümer?

Die meisten Heiligtümer der Jesiden sind vom IS zerstört worden. Die Pilgerstätte in Sherfedin ist die einzige, die noch übrig ist. Wenn der IS die auch noch einnimmt, dann hat er die Kontrolle über den Berg. Der IS hat uns in Sherfedin schon von Shingal aus über den Berg hinweg mit Granaten bombardiert.

Aber die Pilgerstätte in Sherfedin ist noch unbeschädigt?

Ja. Aber der IS hat uns mit Mörsergranaten angegriffen und ein, zwei Häuser zerstört. Trotzdem hatten sie bislang keine Möglichkeit, zu uns vorzudringen. Sie haben es schon ein paar Mal versucht und sind bis auf 100 Meter an uns herangekommen. Wir konnten sie schon sehen. Aber sie haben immer Tote zurücklassen müssen. Weil wir haben uns gewehrt. Wir hatten keine andere Wahl.

Ihr Bruder Yassir hat auf Facebook auch von toten Kameraden berichtet.

Ja, wir haben bis jetzt drei Männer verloren, ein paar wurden verletzt. Zwei haben sie auf der Straße erschossen, einer ist im Kampf ums Leben gekommen.

Wie kommen Sie mit dem dort Erlebten zurecht?

Ich muss viel daran denken. Wenn ich in den Medien Bilder von dort sehe, dann kommt alles wieder hoch. Einerseits fühle ich mich gut, weil ich jetzt wieder hier bei meiner Frau, meinen Kindern und meiner Familie bin. Andererseits muss ich immer an die Menschen dort denken. Ich bin jetzt seit gut zwei Wochen zu Hause, aber ich wache immer noch um drei, vier Uhr auf. Um diese Uhrzeit sind wir immer aufgestanden, weil wir dann meistens angegriffen wurden. Hier stehe ich dann auf, gehe in die Küche, rauche eine Zigarette, trinke ein Glas Wasser, dann schlafe ich wieder für ein, zwei Stunden ein. Manchmal fragt mich meine Frau, was mit mir los ist. Heute wollte ich zwei Autoreifen abholen – ich bin einfach dran vorbei und immer weiter gefahren, weil ich in Gedanken wieder dort war.

Wie sind Sie aus dem Sindschar-Gebirge wieder herausgekommen?

Zehn Tage lang habe ich gemeinsam mit etwa 15 Freunden und Cousins in einem Zelt auf den Helikopter gewartet. Wir hatten nichts mehr zu essen, nur Brot, das wir in Wasser aufweichen mussten, um es essen zu können. Tagsüber war es warm genug, aber um halb sechs war es schon dunkel und nachts hatten wir Minusgrade. Einige hatten keine Decken, ich auch nicht. Bis ein Uhr nachts haben wir uns am Feuer gewärmt. Während des Flugs nach Dohuk (nördl. von Mossul; Anm. d. Red.) wurden wir viermal angeschossen, aber zum Glück nur an der Unterseite des Helikopters, und die ist gepanzert. Wären wir an der Seite getroffen worden, wären wir abgestürzt.

Nun wollen Sie sich von Deutschland aus weiter für die Jesiden im Nord-Irak einsetzen. Was haben Sie vor?

So wie ich da meine Waffe getragen habe, so will ich hier meine Stimme als Waffe einsetzen für mein Volk. Ich möchte allen Menschen helfen, die vor dem IS auf der Flucht sind: Jesiden, Christen, Muslimen. Ich spreche mit der Presse, nehme an Demonstrationen teil und bin für jede Hilfe dankbar. Mein Schwager, Dr. Ali Khalaf aus Bad Salzuflen, war gerade mit einer jesidischen Delegation in Washington und steht auch mit deutschen Politikern in Kontakt. Wir hoffen auf ihre Hilfe.

Danke für das Gespräch.



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