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Gebäudereiniger – ein unterschätzter Beruf mit Zukunftsaussichten / Ausbildung dauert drei Jahre

„Wir fangen an, wenn andere noch schlafen“

Hameln (CK). Auf dem Markt der Singles hat Anthony Beck einen unschätzbaren Vorteil, den Frauen hoch bewerten: Er kann putzen. Und tut das nach eigenem Bekunden auch noch gern. Der 23-Jährige aus Hessisch Oldendorf – geboren wurde er in Lübeck – ist Auszubildender im ersten Lehrjahr bei Mess GmbH & Co. KG und hat seine Berufswahl bisher noch nicht bereut. „Ich freue mich immer auf die Arbeit“, behauptet der Hobby-Fußballer, dem das frühe Aufstehen nichts ausmacht – den fehlenden Schlaf holt er am Wochenende nach.

veröffentlicht am 22.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

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In der Regel arbeitet der Auszubildende Beck von 8 bis 18 Uhr, meist bei großen Firmen wie BHW oder Stephan. Steht aber eine Grundreinigung an, kann es auch schon mal früher losgehen oder auch später, jedenfalls dann, wenn andere noch oder aber schon Feierabend haben. „Wir fangen an, wenn andere schlafen“, sagt sein Chef Uwe Engel, der den einst von Heinrich Mess gegründeten Hamelner Traditionsbetrieb – er feiert in diesem Jahr sein 100. Bestehen – vor knapp 20 Jahren gemeinsam mit Matthias Mess und Rolf König übernommen hatte.

„In diesem Beruf muss man flexibel sein und körperlich fit“, schildert Beck einen Teil der Anforderungen, wie sie unter anderem auch an Auszubildende gestellt werden. Und: „Man darf die Gefahren nicht unterschätzen.“ Das gilt besonders für das Arbeiten in großen Höhen. „Zum Glück ist bei uns noch nie etwas Ernsthaftes passiert“, so Engel, der weiß, dass etwa in den arabischen Emiraten mit seinen vielen Hochhäusern fürs Putzen eigens Mitarbeiter aus dem Himalaya beschäftigt werden, die sich dann abseilen, weil kein Hubsteiger so weit nach oben reichen würde.

Andere Anforderungen an den Nachwuchs: „Gute Noten in Mathematik und Chemie bei Haupt- oder Realschulabschluss“, macht Philipp Engel deutlich. Der 26-Jährige ist Vorsitzender des Gesellenausschusses Hannover und Mitglied im Prüfungsausschuss und bezeichnet den Beruf des Gebäudereinigers als „interessant und abwechslungsreich“. Der weitverbreitete Irrglaube, so etwas lasse sich in kürzester Zeit lernen, lässt Engel junior nur lächeln. „Um alle Felder dieses Berufs richtig zu können, braucht man Zeit. Allein das Thema Umweltschutz ist sehr komplex“, so der 26-Jährige mit Blick auf die gewünschten guten Chemie-Noten. Stichwort Mathe: Gebäudereiniger müssen in der Lage sein, zum Beispiel die Fläche eines runden Kirchenfensters oder eines Parkplatzes und den dafür nötigen Reinigungsaufwand berechnen zu können, sagt Engel – „die Ausbildung wird oft verkannt.“ Wegen der dafür notwendigen Kenntnisse gibt es im ersten Lehrjahr auch zwei Berufsschultage wöchentlich, und zwar in Hannover.

Nachwuchssorgen kennt die Branche dennoch nicht, zumal der Verdienst in diesem staatlich anerkannten Ausbildungsberuf sich sehen lassen kann; die Vergütung reicht von 545 Euro im ersten bis zu 770 Euro im dritten Lehrjahr. Und seit Inkrafttreten des Entsendegesetzes am 1. Juli 2007 ist auch der tarifliche Stundenlohn von 8,40 Euro garantiert. Und die Aufstiegschancen sind vielfältig: Der Abschluss eröffnet die Möglichkeit, als Objektleiter, Disponent oder sogar als Selbstständiger zu arbeiten. Auch die Weiterbildung bietet etliche Möglichkeiten, unter anderem die zum staatlich geprüften Desinfektor, zum Reinigungs- und Hygienetechniker oder sogar zum Diplom-Wirtschaftsingenieur, Fachrichtung Reinigungs- und Personalmanagement.

Pries sich das Unternehmen Mess in seinen Gründungsjahren noch an mit Dienstleistungen wie „Putzen von Schaufenstern, Wichsen von Parkettböden oder Nachtreinigung von Lokalen, die bei Tage benützt werden“, so hat sich das Aufgabenspektrum mittlerweile grundlegend geändert: Reinigen ist zwar immer noch eine Hauptaufgabe, allerdings in abgewandelter Form, wie etwa das Reinigen von Computern, die Denkmalpflege oder die Schädlingsbekämpfung belegen.

Und haben die Profis des 300-Mann-Betriebes Mess auch Tipps für die Hausfrau? Etwa zum Fensterputzen? „Klar“, sagt Matthias Engel. „Immer von oben nach unten, sonst gibt’s Streifen. Und die Übung macht’s.“ Seine Freundin nutzt das aus: „Da muss ich das immer machen.“

Immer schön von oben nach unten, sonst gibt’s Streifen: Gebäudereiniger-Azubi Anthony Beck bei der Arbeit.Foto: CK

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