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Ein Tag auf dem Entsorgungspark der Kreisabfallwirtschaft Hameln-Pyrmont

Willkommen in der Wegwerfgesellschaft

Hameln. Auf halber Strecke zwischen Afferde und Klein Hilligsfeld führt rechts ein Weg von der Kreisstraße 60 ab. Passiert man eine Schranke, schlängelt sich oberhalb des Entsorgungsparks der Kreisabfallwirtschaft Hameln-Pyrmont (KAW) an einem Hang der Anfahrtsweg zur Annahmestelle entlang. Hier, am höchsten Punkt, steht Anne Schnückel und deutet auf ein kleines Waldgebiet, das sich hinter Altholz- und Kompostbergen erhebt. „Das ganze Gelände war früher mal eine Mülldeponie, überall lagerte Abfall, bis das Gebiet renaturiert und im Jahr 2004 als Entsorgungspark neu eröffnet wurde.“

veröffentlicht am 13.08.2013 um 17:58 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 14:00 Uhr

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Wiebke Kanz

Autor

Wiebke  Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Bis in die 1980er Jahre hinein wurde Müll in Deutschland vornehmlich auf Deponien gelagert. Die extremen Folgen für Mensch und Umwelt allerdings – durch durchsickernden Regen gelangten giftige Schadstoffe in den Erdboden und schließlich auch ins Grundwasser – ließen sich nicht ewig verbergen. So wurden Umweltschutz und Abfallvermeidung bald zum offiziellen Aufgabengebiet des Staates erklärt, ein Abfallbeseitigungsgesetz regelte den Vorrang der Verwertung von Müll vor Deponierung oder Verbrennung.

Heute ist aus der Entsorgung von Abfällen ein lukratives Geschäft mit dem Müll geworden. Dort, wo sich einst Müllberge auftürmten, befindet sich heute der größte Umschlagplatz für Abfall im gesamten Landkreis. 91 184 Tonnen Müll wurden hier im Jahr 2011 gesammelt, 595 Kilo pro Einwohner. Nahezu jedes Teil, das hier landet, wird wiederverwertet; lediglich für Flachglas wie Fenster oder Spiegel sowie für Restmüll wie Hygieneartikel, Asche oder Zigarettenkippen gibt es zur Zeit keine Verwertungsmöglichkeit. Blumentöpfe und Kleiderschränke aber, Zeitungen, Marmeladengläser, Fernsehgeräte, Baumstümpfe, Kork und Bananenschalen werden hier gesammelt, aufbereitet und verpackt und anschließend nach Gewicht an den meistbietenden Recyclingbetrieb weiterverkauft. Mit dem Erlös hält die KAW die Abfallgebühren auf einem stabilen Niveau.

Aber der Reihe nach – und zurück zu Anne Schnückel. Diese hat den Anfahrtsweg verlassen und parkt nun einige hundert Meter weiter am Rande des Kompostplatzes. Es ist kurz nach 14 Uhr, die Annahmestelle für Grünschnitt ist erst seit wenigen Minuten geöffnet, und bereits jetzt wird von fünf privaten Pkw, teils mit Anhängern, Äste, Laub, Unkraut und Rasenschnitt abgeladen. Nur wenige Meter weiter schichtet Christian Hensel gerade einen Komposthaufen mit dem Frontlader um, zehn weitere dieser riesigen Schober säumen rechts und links den Platz, überall dampft es. „Vier Monate lang“, erklärt Entsorgungsfachmann Hensel, „werden die geschredderten Gartenabfälle immer wieder umgeschichtet“. In dieser Zeit verwandelt sich das Material von hellgrün zu dunkelbraun, wird schließlich in drei Feinheitsstufen gesiebt und als Dünger an Bauern und Gartenbesitzer zurückgegeben – kostenlos. „Wir müssen dabei genau darauf achten, dass keine Bioabfälle im Kompost landen, denn das zieht Ratten an“, sagt Hensel.

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  • Ordnungsgemäß entsorgt und eingeschmolzen hätte dieses Glas – nach Leberwurst und Marmelade – ein drittes Leben führen können.
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  • Christian Hensel schichtet den Kompost um: Im Inneren eines solchen Schobers herrscht eine Temperatur von 80 bis 90 Grad.
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  • Letzte Ruhestätte eines Kleiderschrankes, bevor er zu Brennmaterial für ein Biomassekraftwerk geschreddert wird. ww (4)

Für den Biomüll gibt es daher einen gesonderten Bereich: den Wertstoffhof, die nächste Station auf unserer Reise über den Entsorgungspark. In blauen, weißen und grünen Containern wird hier alles gesammelt, was für die Energiegewinnung geeignet ist oder „wiederbelebt“ werden kann. Und hier wird auch klar, was Schnückel meint, wenn sie von „Schätzen im Müll“ spricht: In der Sammelstelle für Elektro-Kleingeräte liegt ein altes Holz-Radio der ehemaligen Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt neben einem Sony-Walkman, ein Anrufbeantworter mit Kassettendeck neben fünf Röhren-Fernsehgeräten, optisch in Ordnung, aber von der Technik überholt, aus der Zeit gefallen – und schließlich auf dem Müll gelandet.

„Schätze sind diese Gegenstände aber nicht, weil sie rar geworden sind – sondern wegen dem, was sich im Inneren verbirgt“, klärt die Abfallberaterin auf: Eisen, Lithium, Gold oder Silber können dank neuer Verfahren hervorragend aus dem Elektroschrott herausgelöst und wiederverwendet werden, dies beugt dem Raubbau der seltenen Ressourcen vor. Das gleiche gilt für Papier, Pappe und Karton: Für Altpapier gibt es einen regelrechten Welthandel, jedes Gramm, das auf dem Entsorgungspark landet, wird teuer weiterverkauft – so entstehen neue Zeitungen und Bücher, ohne dass Bäume fallen. Was in der Biotonne landet, wird verpackt und an ein Biokompostwerk weiterverschickt, aus Weiß-, Braun- und Buntglas werden in der Glashütte neue Behälter gefertigt, Kork als Bastelmaterial an Kindergärten oder die Taubblindenwerkstatt in Fischbeck weitergegeben. Und aus Kleiderschränken, Tür- und Fensterrahmen oder alten Gartenmöbeln wird neue Energie gewonnen. Schnückel: „Das Altholz wird zu Brennmaterial für ein Biomassekraftwerk geschreddert. Sie sehen also: Jedes Teil, das nicht mehr verkauft oder verschenkt werden kann, wird bei uns wieder einem Kreislauf zugeführt. Die Wertstoffe im Müll bekommen zunehmend eine wirtschaftliche Bedeutung.“

Ob der Kleiderschrank „Eiche rustikal“ oder der ausgediente Röhrenfernseher – das meiste, das heute von Technik und Mode überholt wird, landet auf dem Müll. Doch was dann? Wohin führt der Weg alles Irdischen eigentlich? Und wer profitiert davon, dass wir unseren Müll trennen?

Altholz, so weit das Auge reicht. Fast jedes Teil, das auf dem Entsorgungspark der KAW zwischen Afferde und Klein Hilligsfeld landet, wird für die Wiederverwertung aufbereitet.



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