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Jahrmarkt-Spektakel im 18. Jahrhundert: Kabinettstückchen und furchteinflößende Lebewesen

„Wilde“ Exoten, Zwerge und Riesen

Schauobjekte für die Männerwelt: Panoptikum mit Besichtigungsmöglichkeit des Sündenfalls.

veröffentlicht am 24.07.2009 um 23:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Ein Elefant, ein Krokodil, ein möglichst spärlich bekleideter „Mohr“: Besonders beliebt waren zu den Anfängen des Jahrmarktgeschehens wilde, exotische, furchterregende und missgebildete Menschen und Tiere sowie Riesen und Zwerge. Repros: gp

Werbezettel des Tierschaubesitzers Vincent Trafello vor seinem Bückeburger Auftritt im Jahre 1788.

Auf den Marktplätzen wurden früher nicht nur Waren verkauft und gehandelt. Die Freiflächen im Zentrum der Städte und Gemeinden waren meist auch Veranstaltungsorte und Treffpunkte von Unterhaltungskünstlern und Schaustellern.

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Besonders bunt und abwechslungsreich ging es in Bückeburg zu. Die Ex-Residenz blickt bekanntlich in diesem Jahr auf 450 Jahre Marktrecht zurück. Langeweile scheint es in dieser Zeit – zumindest während der jährlichen (Jahr-)Markt-Saison – nicht gegeben zu haben. In den im örtlichen Staatsarchiv aufbewahrten Veranstaltungsunterlagen ist eine schier unglaubliche Vielzahl von Akrobaten, Musikanten, Marionetten- und Schattenspielern, Illusionskünstlern, Affen- und Bärenführern, Seiltänzern, Kunstreitern sowie von Karussell-, Zirkus-, Panoptikum- und Kinematographenbetreibern nachgewiesen.

Ursache des – auch im Vergleich zu den anderen heimischen Städten und Gemeinden – besonders abwechslungsreichen Kirmesangebots war das herrschaftliche Drum und Dran: Feuerschlucker, Schlangenmenschen, Drahtseilakrobaten und andere Angehörige des „fahrenden Volks“ durften auf Empfehlungen der fürstlichen Schlossbewohner und auf zusätzliche Einnahmen durch die Angehörigen des bunt gemischten Hofstaats hoffen.

Sensation anno 1786: „Diphlogistirte Luft“

Viele der dem staunenden und oftmals verängstigt erschauernden Publikum damals dargeboten Kunst- und Kabinettstückchen machen deutlich, wie unwissend, ahnungslos und wundergläubig die Menschen damals noch waren und wie wenig sie von Naturwissenschaft, Technik und der Welt außerhalb des eigenen Lebensraums wussten. Er werde „auf die nützlichste, lehrreichste, besonders angenehmste und vollkommen vergnügende Weise alle neu entdeckten Luftgattungen öffentlich zu zeigen die Ehre haben“, kündigte im Jahre 1786 ein „Mechanikus“ namens Mansheimer dem „geneigten Publiko“ an, darunter „die fixe brennbare Luft, die diphlogistirte Luft und die Salpeter-Luft“.

Auf Phantasie und Sensationslust setzten auch die zahlreichen Kunstfiguren, die zwischen Schlosstor und Rathaus in Bückeburg präsentiert wurden: 1787 etwa kündigte der Illusionskünstler Cavallieri zwei menschliche Automaten in Gestalt einer „schönen Mohrin und eines asiatischen Braman“ (Brahmanen) an. Die schwarze Frau mache „viele bewundernswürdige Bewegungen, begrüßt die Zuschauer mit drei Komplimenten und macht die gefährlichsten Sprünge vor- und rückwärts“. Noch mehr allerdings könne der „in fünfzehnjähriger Arbeitszeit“ entstandene Brahmane. Der ebenfalls lebensgroß nachempfundene Inder sei nicht nur in der Lage, zu sprechen, Fragen zu beantworten und die Uhr abzulesen, sondern verfüge darüber hinaus auch über hellseherische Fähigkeiten beim Karten- und Würfelspiel. Skepsis und Zweifel versuchte Cavallieri erst gar nicht aufkommen zu lassen: „Die Maschine steht frei auf einem Stuhl, man kann rings herum gehen, auch den Stuhl aufheben, so wird sie demohngeachtet fortsprechen“.

Meisterleistungen in puncto Mechanik und Illusionskunst dürften auch die beiden Konstruktionen gewesen sein, die Anfang des 19. Jahrhunderts ein schwäbischer und ein Schweizer Uhrenbauer vorführten: Ihre Apparate spielten mit originalgetreuen Figuren den Ablauf des biblischen Abendmahls und die Tagungsrunde des Wiener Kongresses nach.

„Canarien-Vogel stirbt nach dem Commando“

Im Laufe des 19. Jahrhunderts ließ das Interesse an solch mechanisch-technischen Wunderwerken offensichtlich nach. Jedenfalls ging das Angebot zunehmend in Richtung Schaueffekte und Zauberkunststücke über. Einer der phantasiebegabtesten Anbieter dürfte ein gewisser Franz Schwar gewesen sein. Er konnte „eine Person vor den Augen des Publikums verschwinden und wieder auftauchen lassen“. Darüber hinaus gehörten zu seinem Programm ein „Canarien-Vogel, welcher nach dem Commando stirbt und wieder lebendig wird“, eine „Billardkugel, welche nach der Menschen Gedanken verschwindet und so auch wiederum erscheint“, eine „schwarze Henne, welche nach Belieben einer Person so viel Eyer legt als dieselbe befiehlt“ sowie ein „Zauber-Spiegel, welcher das gedachte einer Person darzeigt“.

Groß in Mode waren zu allen Zeiten auch fremdartige und furchteinflößende Lebewesen – allen voran „wilde“ Exoten, bizarre Missbildungen sowie Zwerge und Riesen beiderlei Geschlechts. Wenn man den Reklameblättern Glauben schenken mag, waren Männer und Freuen mit bis zu 2,60 Metern Körpergröße dabei. 1787 trat in Bückeburg ein damals europaweit bekannter Koloss namens Adolph Emes aus Mühlhausen auf, der angeblich sogar „neun Schuh hoch war und einem über 200 Jahre alten Riesengeschlecht“ entstammte (1 „Schuh“ oder „Fuß“ = 29 bis 35 Zentimeter).

1788 bekamen die Bückeburger erstmals einen afrikanischen Auerochsen zu sehen – laut Aushangzettel ein Vierbeiner „mit der Haut gleich der des Elefanten, mit Hörnern halb Geißbock und halb Ochse, und mit Ohren und Haaren wie bei einem Schwein“. Ein Stacheltier wurde als ein Lebewesen mit „Hasenmaul, Fischkopf, Tigerfüßen und Gänseschwanz“ angekündigt. Und 1820 sorgte der Auftritt eines Rhinozeros für Furore.

Eine der wohl ungewöhnlichsten Naturschöpfungen aller Zeiten gab sich im Jahre 1785 die Ehre. Auf den Plakaten war von einem „ganz neuen gut dreßirten Pferd“ die Rede. „Es verstehet vors erste drey Sprachen, wie auch die Rechnung-Species. Mit Würfel- und Kartenspiel divertirt (unterhält) es sich, und macht Komplimente (Verbeugungen). Kann nicht nur alleine lesen, sondern es weiß auch das ABC so genau, daß ihm sein Meister keinen Buchstaben verhelen kann. Es zeigt an, wie alt und was es für ein Landsmann ist, und wie lange es in der Schule gewesen. Es erkennet auch verschiedene Farben, und weiß wie viel Knöpfe eine Person am Kleide hat; es kennt Gold- und Silbermünzen, deren Werth und Preis, nicht weniger auch die Uhr. Apportirt wie ein Hund, und springet durch Reife. Es legt sich nieder, und zeigt sich völlig todt; direkt die Platte hinauf bey 6 Stockwerke hoch, und macht wundernswürdige Künste“.

Quellenhinweis: Wer tiefer in die historischen Zusammenhänge und die sozialen Rahmenbedingungen des Schaustellergewerbes in früheren Jahrhunderten einsteigen will, dem sei der Beitrag „Von Marionetten, Akrobaten, Nashörnern und Riesen“ der Historikerin Dr. Silke Wagener-Fimpel (Schaumburg-Lippische Mitteilungen Band 33/2001) empfohlen.

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