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Arewik Karapetian (16) schildert die Stunden der drohenden Abschiebung / "Du sollst die Koffer packen!"

Wieder glücklich daheim, aber die Angst bleibt

Rodenberg (bab). Erschöpft und erleichtert ist die 16-jährige Arewik Karapetian mit ihrer Mutter Suzanna und ihrem Bruder Alik wieder in Rodenberg angekommen. Bis zehn Minuten vor dem Start des Flugzeugs, das sie nach Armenien bringen sollte, hat die Familie am Montag gezittert. Gestern überwog zwar die Freude über den guten Ausgang (wir berichteten gestern), doch die Zukunft der drei ist weiter ungewiss.

veröffentlicht am 20.06.2007 um 00:00 Uhr

Freudeüber die gestoppte Abschiebung: Arewik Karapetian mit ihre

Am Wohnzimmerschrank in der Wohnung am Mozartweg klemmen etliche Familienfotos. Sie zeigen wichtige Ereignisse der Familie Karapetian in ihren 14 Jahren in Deutschland. Die Schnappschüsse von Arewiks sechsjähriger Nichte und ihrem einjährigen Neffen, Kinder ihrer älteren Schwester aus Hannover, glückliche Szenen aus einem ganz normalen Familienleben. Dass dies bald ein Ende haben könnte, wusste bis vor wenigen Tagen niemand. Nur eine leichte Ahnung stieg auf, als der Landkreis eine Untersuchung angeordnet hat, die die Reisefähigkeit ihrer Mutter prüfen sollte - die Witwe hatte in den vergangenen Monaten gesundheitliche Probleme, war vor kurzem im Krankenhaus. Am frühen Montagmorgen riss die Polizei die Familie aus dem Schlaf, forderte sie auf, die Koffer zu packen. Dann spielten sich in der Wohnung dramatische Szenen ab, schildert die 16-jährige Gymnasiastin. Um 5 Uhr seien die Beamten aufgetaucht. "Sieben Leute standen vor der Tür", sagt Arewik. Polizisten, ein Dolmetscher und ein Arzt, der ihre Mutter begleiten sollte. Zwei Stunden blieben der Familie, um das Nötigste zusammenzupacken. "Ich hab' erstmal angefangen zu weinen. Ich hab' die Welt nicht mehr verstanden", beschreibt die Schülerin ihre Reaktion. "Dann bin ich sauer geworden", gibt sie das Wechselbad der Gefühle wieder. Ihre Wut hat der Familie wohl am meisten geholfen. Geistesgegenwärtig schnappte sie das Telefon und wollte Hilfe bei einer Freundin suchen. "Eine Frau hat sich vor mich gestellt und gesagt: ,Gib mir das Telefon, du reist jetzt sowieso heim. Du sollst die Koffer packen'." Arewik lies sich nicht beirren und telefonierte um Hilfe. Eine Freundin aus der Nachbarschaft rückte mit ihrem Vater an. Patrizia, eine weitere Freundin aus Haste, kam mit ihrer Mutter zum Mozartweg. "Die waren schockiert", sagt die 16-Jährige, "hier war Chaos." Um 6.30 Uhr wurden die Habseligkeiten in ein Auto gestopft. "Patrizias Mutter hat versucht, den Anwalt anzurufen." Die Freunde mussten sie ziehen lassen. Welche Hebel nach der Abfahrt in Bewegung gesetzt wurden, konnte die Gymnasiastin nur ahnen, da sie sporadischen SMS-Kontakt per Mobiltelefon zu den Mitschülern aufnahm. Damit gerechnet, dass ihre Freunde etwas bewirken könnten, hat sie nicht. Um 12.30 Uhr wurden sie am Flughafen Frankfurt von Polizei, Bundesgrenzschutz und Zoll in Empfang genommen. Die Koffer wurden kontrolliert, dann begann das Warten. Zusammen mit anderen Leidensgenossen aus dem ehemaligen Ostblock, wie ihre Mutter erzählt. Zu dieser Zeit waren die Akten des Landkreises gerade erst auf dem Weg zum Verwaltungsgericht nach Hannover. Die Karapetians ahnten nichts von der Eile, die herrschte, nichts von den Mitschülern, die zum Protest nach Hannover fuhren, nichts von den Landtagsabgeordneten, die sich kümmerten, und nichts von unzähligen Telefonaten, die zwischen Behörden, Schule, Organisationen und Medien hin- und hergingen. Sie warteten in einem kahlen Raum auf den Aufruf, den Flieger zu besteigen. Abflugzeit: 15 Uhr. Das Ziel: Armenien. Hilfe kam buchstäblich in letzter Minute. "Um kurz vor drei Uhr kam eine Frau von der Kirche. Die hatte einen Anruf von der SV bekommen." Die Nachricht von der Schülervertretung des Gymnasiums Bad Nenndorf löste endlich "Erleichterung" aus, so Arewiks Bruder Alik. "Uns fiel ein Stein vom Herzen." Diesmal wurden sie von den Behörden noch einmal zurückgewinkt und durften nach Hause fahren - zumindest für die nächsten drei Monate. Sie haben Angst. Auch wegen Arewiks ältestem Bruder. Weil dieser noch in der Sowjetunion geboren ist, weiß die Familie seit seiner Abschiebung nicht, wo er gelandet ist. Auf dem Schrank erinnern nur noch zwei Box-Pokale an Arthur. Zum Thema



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