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Tamara I. und Hans-Jürgen I. steigen in den karnevalistischen Hochadel auf

Wie wird man eigentlich „Tollität“?

Hameln. Viele kleine Mädchen wollen Prinzessinnen werden. Doch der Traum vom Thron wird später schnell begraben, schließlich wimmelt es in der Realität nicht gerade von Prinzen, die reihenweise junge Frauen zum Altar und in die illustren Kreise des Hochadels führen. Völlig aussichtslos scheinen majestätische Ambitionen für bürgerliche Paare. Es sei denn, sie sind im Karnevalsverein. Dort werden die Majestäten „Tollitäten“ genannt, spricht man die Dame an der Seite des Prinzen mit „Ihre Lieblichkeit“ an, treten beide mit viel „Helau“ die närrische Regentschaft an.

veröffentlicht am 10.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.11.2009 um 10:39 Uhr

Autor:

Karin Rohr

Das Hamelner Prinzenpaar Hans-Jürgen I. und Tamara I. startet heute in die Karnevalssession.

Heute, am 11.11., ist es um 11.11 Uhr soweit: Da werden Tamara I. und Hans-Jürgen I., umringt von ihrem närrischen Hofstaat, offiziell inthronisiert – majestätisch herausgeputzt in Schwarz und Gold. Die Prinzessin ist 56 Jahre „jung“, der Prinz 53. Muss man ein Mindestalter erreicht haben, um in den karnevalistischen Hochadel aufzusteigen? „Nein“, lacht Tamara I., die bürgerlich mit Nachnamen Salau heißt und das Herz ihres Prinzen vor 23 Jahren gewonnen hat. Tatsächlich wünsche man sich beim 1. Hamelner Carneval Verein von 1975 e.V., dem die ab heute amtierenden „Tollitäten“ angehören, durchaus junge Regenten, aber auch hier macht sich der Nachwuchs wie in anderen Vereinen rar. „Jüngste Prinzessin war im vergangenen Jahr Alexandra I. mit 19 Jahren“, erzählt Tamara I.

Das blaue Blut wird den Majestäten der Karnevalszunft nicht in die Wiege gelegt: Man muss es sich verdienen. Aber wie? „Im Verein sein und sich engagieren“, sagt Ihre Lieblichkeit: „Und ein bisschen Geld sollte man auch in der Tasche haben.“ Zwar statten die beiden Hamelner Karnevalsvereine, die alljährlich wechselweise die Würdenträger stellen, ihre Majestäten mit einer „Apanage“ aus. Die aber fällt angesichts der königlichen Verpflichtungen eher bescheiden aus. „Es müssen Kleidung, Orden, Süßigkeiten und Plüschtiere für die Umzüge gekauft werden, und wir reisen während der Karnevalszeit viel herum“, listet Tamara I. auf. Prinz und Prinzessin gehen auf Tour, besuchen andere Vereine und Gesellschaften, müssen dann nicht nur die Reisekosten, sondern oft auch noch die Übernachtung bezahlen.

Schwamm drüber; denn „Tollität“ ist man mit Leib und Seele. Und die Liebe zum närrischen Treiben wird den Protagonisten oft schon in die Wiege gelegt. Die stand bei Tamara I. in Fulda. Als die kleine Hessin heranwuchs und sich zu einem lebensfrohen jungen Ding entwickelte, beschloss sie zu tanzen – und wurde „Funkenmariechen“. Der erste närrische Meilenstein war genommen.

Hans-Jürgen I. trat erst später in ihr Leben, und mit Karneval hatte das „Nordlicht“ aus Lübeck eigentlich nichts am Hut, aber: „Mein Mann ist durch mich zum Karneval gekommen, und jetzt teilen wir das Hobby“, sagt Tamara I. Zunächst aber tauchten beide in die Niederungen süddeutschen Frohsinns ab, verlustierten sich mit Fastnachtshexen im baden-württembergischen Heilbronn. Dort lebte das Paar, bevor es in die Rattenfängerstadt übersiedelte. Dort war Tamara schon Sitzungspräsidentin des Karnevalsvereins. Und dort regieren zur Fastnacht eben Hexen. „Von der Hexe zur Prinzessin – das ist doch eine steile Karriere“, amüsiert sich Hamelns Tamara I. rückblickend.

Was bedeutet Ihrer Lieblichkeit die neue Würde? „Ich finde es schön für unseren Verein“, sagt die frischgebackene Prinzessin. Den 1. HCV, der derzeit rund 180 Mitglieder zählt, möchten sie und ihr Prinz gern populärer machen – durch Besuche und Gegenbesuche. Ihr Karnevalsschicksal finden beide Tollitäten „toll“, weil sie „Spaß am Verkleiden und Theaterspielen“ haben. Kein Wunder, engagieren sich Tamara und Hans-Jürgen in ihrer Freizeit doch bei einem Laientheater. Dass sie außerdem ganz bürgerlichen Berufen nachgehen, soll hier nicht verschwiegen sein: Hans-Jürgen Salau arbeitet bei Volvo in Hameln, Ehefrau Tamara macht als selbstständige Trainerin Verlage für den Anzeigenverkauf fit.

Und worüber lachen die beiden? „Klein Fritzchen hat einen großen Bruder, der heißt Karl-Heinz und hat mächtig Schlag bei Frauen“, legt sich Tamara mit ihrem Lieblingswitz ins Zeug. Doch der fällt dann so lang aus, dass er hier glatt den Rahmen sprengen würde …

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