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Von Alexander bis Sophie - ein kleiner Streifzug durch die Schaumburger Vornamenskunde

Wie soll das Kind denn heißen?

Antike Vornamen stehen derzeit in Deutschland hoch im Kurs. Die meisten Jungen wurden letztes Jahr – einer repräsentativen Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache zufolge – Maximilian, Alexander (beide lateinisch „besonders groß“ und/oder „der Größte“) oder Paul (ebenfalls lateinisch „der Kleine“) getauft. Auf Platz vier bis zehn folgten Leon, Ben, Lukas, Luka, Louis, Elias und Jonas. Bei den Mädchen standen die altgriechische Sophie („die Weise“) und der biblisch-hebräische „Urname“ Maria (einschließlich der Ableitungen Sophia, Marie oder Mia) in der Hitliste ganz oben an. Danach kamen Emma, Anna, Johanna (Hanna) und Leonie.

veröffentlicht am 24.03.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

„Der Geschmack ändert sich laufend“, hat Bückeburgs Standesbeamter Heinrich Stummeier erfahren. Darüber hinaus habe die rigorose Liberalisierung des bundesrepublikanischen Namensrechts zu einer zunehmenden Vielfalt an Wortschöpfungen geführt. Manche Eltern wollten „etwas Besonderes oder gar Einmaliges“ in der Familie haben. Stummeier muss es wissen. Auf seinem Tisch landet mehr als die Hälfte der Geburtsanzeigen aller im Landkreis Schaumburg zur Welt kommenden Kinder. 2010 waren das 554. Der überwiegende „Rest“ (412) wird in Stadthagen registriert. Grund: Neugeborene werden nicht im Wohnort der Eltern, sondern im Standesamt der Geburtsstadt verzeichnet. Das sind, nachdem die Säuglingsstation Rinteln dicht gemacht wurde und Hausgeburten selten geworden sind – die Rathäuser der Klinikstandorte Bückeburg und Stadthagen.

„Welche Namen gerade ,in‘ sind, hängt vor allem vom Zeitgeist ab“, beurteilt Stummeiers Stadthäger Kollegin Dagmar Zimmermann den sich stetig ändernden Geschmack. Und der scheint spätestens alle zehn Jahre „zu kippen“. 2001 waren die heutigen Favoriten noch außen vor. Stattdessen führten Robin, Jan, und Lucas (bei den Jungen) sowie Anna, Sarah, Lena und Julia (Mädchen) die Hitlisten an. Die meisten der heute 50-Jährigen wurden bei ihrem Start ins Leben 1962 Frank, Andreas, Michael, Dirk, Martin und Thomas sowie Sabine, Petra, Gabriele, Susanne, Ute und Andrea getauft. Und weitere zehn Jahre zuvor (1952) lagen beim männlichen Nachwuchs Heinz, Klaus-Dieter, Horst, Günter, Jürgen, Joachim, Ralf und Gerhard an der Spitze. Die beliebtesten Mädchennamen vor 60 Jahren waren Heidi, Bärbel, Ingrid, Dagmar, Anette, Heike und Elke.

„Gott sei Dank ist den meisten Vätern und Müttern klar, dass sie ihr Kind durch eine unbedachte Entscheidung lebenslang unglücklich machen können“, zeigt sich Dagmar Zimmermann mit den Namensentscheidungen der Eltern weitgehend zufrieden. In heiklen Fällen versuchen sie und ihre Kollegen, Beratungshilfe zu leisten. „Ich würde mich zum Beispiel einschalten, wenn Eltern ihr Kind Pippi, Bahnhof, Borussia oder Niedernwöhren nennen wollten“.

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  • Namensvorbild „Sophia von Rom“. Die im 3. Jahrhundert n. Chr. in Rom lebende Mutter von drei Kindern kam während der Christenverfolgungen um und wurde später heilig gesprochen (Darstellung des griechischen Ikonenmalers Dimitrios Pelekasis (1881-1072).
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  • Stine, Fi(e)kschen, Engel sowie Johann, Heinrich, Hermann und August gehörten zu den einst hierzulande beliebtesten Vornamen. Ob und wie viele der auf diesem um 1900 in Meinsen entstandenen Foto abgebildeten Schulkinder so hießen, ist nicht dokumentiert. Repros: gp
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Mit solchen Fragen und Problemen mussten sich die Amtsvorgänger Stummeiers und Zimmermanns noch nicht herumschlagen. Bis vor etwa 700 Jahren waren „Vornamen“ im heutigen Sinne noch unbekannt. Zur Unterscheidung und zur Anrede der Leute genügte ein einziger (Ruf-) Name. Doch dann entstanden im Laufe des Mittelalters immer größere Siedlungseinheiten. Die Bevölkerung wuchs. Schon bald reichte ein Einzelname nicht mehr aus. Man begann, „Beinamen“ zu bilden und dem Rufnamen hinzuzufügen. Diese Beinamen entwickelten sich im Laufe der Zeit zum eigentlichen Erkennungs- und Unterscheidungsmerkmal. Aus ihnen bildeten sich unsere heutigen Familiennamen. Die ursprünglichen Rufnamen wurden den neuen Beinamen vorangestellt und als zusätzliche „Vornamen“ genutzt. Zu den ältesten, vielfach noch aus altsächsischer Zeit stammenden Wortschöpfungen dieser Art gehören unter anderem Adalbert („von glänzender Abstammung“), Konrad („kühn im Rat“), Ernst („der Entschlossene“), Werner („Kämpfer, Krieger), Raimund („Beschützer des Rechts“), Gertrud („die Kraftvolle“) und Hildegard („die Kampferprobte“).

Im Laufe der Zeit kamen immer neue (Vor-) Namensbegriffe hinzu. Ein großer Teil wurde aus dem griechischen und römischen Altertum übernommen, so zum Beispiel Agnes, Philipp, Sibylle, Peter und Patrizia. Die meisten „Neuen“ aber lieferte das Christentum. Typisch biblische Namen sind Daniel, Johannes, Peter, Judith, Eva oder Ursula. Die Zahl der im Laufe der Zeit im deutschen Sprachraum entstandenen und verwendeten Vornamen wird auf ca. 7000 geschätzt. Davon sind derzeit noch rund 300 in Gebrauch.

Im Schaumburger Land scheint es eine eigenständig ausgeprägte Vornamens-Entwicklung gegeben zu haben. Jedenfalls weichen die von dem bekannten Heimatforscher Wilhelm Wiegmann vor gut 100 Jahren in den ältesten „Erb- und Besaatregistern“ (Verzeichnisse der Güter, Höfe und Stätten) vorgefundenen Namen von den in anderen Regionen ermittelten Eintragungen ab. Als Hauptgrund darf der bäuerlich-ländlich geprägte, über Jahrhunderte hinweg durch Grenzsteine und Schlagbäume vor „fremdländischen“ Einflüssen geschützte „Volkscharakter“ gelten.

Spitzenreiter bei den frühen männlichen Vornamen war laut Wiegmann der christlich-biblische Name Johann (hebräisch „Gott ist gnädig“), gefolgt von Heinrich (altdeutsch „Herrscher“), Hermann (altdeutsch „Mann des Heeres“), August (lateinisch „der Erhabene“) und Karl (altdeutsch „freier Mann“). Überdurchschnittlich oft kamen auch Friedrich (altdeutsch „Friedensherrscher“) und Tönnies (abgeleitet vom altrömischen Geschlechternamen Antonius) vor.

Bei den weiblichen Vornamen dominierte Anna, eine Ableitung des altdeutschen Männernamens Anno oder Arnold („der wie ein Adler regiert“). Nach den Annas folgten mit großem Abstand Margarethe und Greteke (lateinisch „Perle“) und Elisabeth (hebräisch „göttliche Vollkommenheit“). Ein weiterer, vor allem im 19. Jahrhund häufig vorkommender Vorname war „Stine“ – eine Art bäuerlicher Über- und Sammelbegriff für die drei Bezeichnungen Ernestine, Christine und Justine. Der heute besonders beliebte Name Sophia und/oder Sophie kam früher meist in der Verniedlichungsform „Fi(e)kschen“ zum Einsatz. Als besonders auffällige heimische Besonderheit darf der Name Engel gelten, dessen Herkunft umstritten ist. Nach Überzeugung der meisten Namenskundler stand bei der Begriffsfindung der altdeutsche Name „Engelberta“, also die weibliche Ableitung von Engelbert oder Engelbrecht, Pate.

Der Name Maximilian steht für Größe und Macht und gehörte schon im alten Rom zu den beliebtesten (Zusatz-) Namen. Einer der bekanntesten Namensträger nördlich der Alpen war Maximilian I. von Habsburg (1459-1519), ab 1508 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation - hier auf Bild Albrecht Dürers (1471-1528).

Zu den bekanntesten Namensvorbildern gehört die geheimnisumwitterte Johanna, die sich der Legende nach als Mann ausgab und als bislang einzige Frau als Papst gewirkt haben soll. Hier eine Darstellung aus der im späten 13. Jahrhundert entstandenen „Weltchronik“ des Wiener Chronisten Jans der Enikel.



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