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Wie ländlich ist Schaumburg wirklich?

Manchmal kann das Wetter den Tag von Uwe Dettmer ganz schön verderben. „Wenn es für den Ackeranbau gerade nicht passt, dann ist er schon mal schlecht gelaunt“, sagt seine Frau Michaela mit einem Schmunzeln. Doch damit hat sich das Ehepaar arrangiert. Die Abhängigkeit von Sonne und Regen gehört genauso zu ihrem Job dazu, wie das Aufstehen um sechs Uhr morgens, das Ausmisten der Ställe oder die Tatsache, dass ihr Arbeitstag nicht nach acht Stunden beendet ist. „Damit ist es nicht getan“, erklärt Uwe Dettmer, der gleichzeitig auch darauf verweist, dass sich Tiere nicht an Sonn- oder Feiertage halten und immer ihre Bedürfnisse haben.

veröffentlicht am 03.04.2012 um 00:00 Uhr

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1600 Hühner, 600 Mastplätze für Schweine, Pferde, Ponys, Ziegen, Kaninchen, Meerschweinchen, Hunde und seit Neuestem auch schottische Galloway-Rinder: Die Vielfalt der Tiere auf dem Hof der Dettmers in Pollhagen ist groß. „Das Galloway-Fleisch ist sehr gut angenommen worden. In diesem Bereich wollen wir uns weiter vergrößern“, verspricht Dettmer. Ihre Produkte, hauptsächlich das hauseigene Fleisch und die Eier, aber auch Liköre, Marmelade, Kartoffeln und Äpfel, verkauft das Ehepaar im Hofladen.

Bereits vor 18 Jahren hat Dettmer den Hof von seinen Eltern übernommen. „Ich würde es immer wieder so machen.“ Auch seine Frau, die 2008 zu ihm nach Pollhagen gezogen ist, hat sich prima eingelebt und geht in ihrer Arbeit als Verkaufsleiterin des Hofladens voll auf. „Ich habe vorher im Hotelgewerbe gearbeitet. Mit der Landwirtschaft hatte ich bis dahin keinen Kontakt“, erklärt sie. Mittlerweile sind die beiden ein eingespieltes Team und bewirtschaften den Hof im Alleingang. Nur eine Aushilfe für den Hofladen steht ihnen zur Seite, ebenso wie die Mutter von Uwe Dettmer, die noch immer ihre feinen Liköre zubereitet.

„Unser Arbeitstag endet häufig erst abends gegen halb neun. Wichtig ist uns immer das gemeinsame Mittagessen mit unserer Tochter, darum herum wird der Tagesablauf geplant“, berichtet die Dame des Hauses. Dass ausgedehnte gemeinsame Urlaube dabei auf der Strecke bleiben, damit hat sich das Ehepaar abgefunden. „Da wir so vielseitig sind, ist es schwer, eine geeignete Vertretung zu finden. Aber das ist in Ordnung – uns macht die Arbeit Spaß.“

Bei ihrem Hofladen, da wissen die Dettmers, was sie haben. Bei der Schweinezucht und den Getreidepreisen hingegen müssen sie sich am Weltmarkt orientieren, sagt Dettmer. Es gebe zwar Höhen und Tiefen, im Großen und Ganzen sei er aber mit der Wirtschaftlichkeit seines Vollerwerb-Hofes zufrieden. Insgesamt 90 Hektar Ackerland betreibt er neben der Tierhaltung. Getreide, Raps, Heu und Mais halten den Hofbesitzer fast das ganze Jahr über auf Trab. „Besonders die Aussaat ist sehr arbeitsintensiv. Da gibt es besonders im Herbst immer viel zu tun.“

Beim Hofladen versucht das Ehepaar, sich auf individuelle Kundenwünsche einzustellen. „Es kam schon vor, dass jemand eine ganze Schweinsschnauze haben wollte – auch damit können wir dienen. Wir leben davon“, erklärt der Landwirt lachend. Auch der Einkauf im Hofgeschäft soll zukünftig noch mehr zum Erlebnis werden, besonders für die Kinder. „Wir haben bereits einen kleinen Streichelzoo mit Kaninchen und Meerschweinchen. Bald kommen noch Ziegen und unsere Ponys dazu.“

Doch nicht jeder Hof ist so belebt, wie der der Dettmers. Ein Rundgang durch das Auetal spricht Bände. Rund die Hälfte der Hofstellen wird dort nicht mehr bewirtschaftet und verfällt nach und nach. Diese Eindrücke schildert Friedrich Wilharm, Vorsitzender des Landvolk- Kreisverbands Weserbergland. Jedes Jahr machen etwa drei Prozent der kleinen und mittelständischen landwirtschaftlichen Betriebe ihre Höfe dicht, allerdings weniger aus wirtschaftlichen Gründen. Wenn von den drei Söhnen des 65-jährigen Landwirts einer Informatiker, einer Kfz-Mechatroniker und einer Sprachwissenschaftler werden möchte, bleibt die Suche nach einem Nachfolger meist ohne Erfolg, schildert Wilharm.

Insgesamt gibt es in Schaumburg landwirtschaftliche Flächen von rund 33 000 Hektar, verteilt auf 497 Betriebe – das macht 1,1 Prozent der Gesamtbetriebe in Niedersachsen aus (Stand 2010). Zum Vergleich: 1999 waren es noch 796 Betriebe.

„Landwirtschaft erfordert heute den hundertprozentigen Einsatz“, meint Wilharm. Einen Hof als Nebenerwerb zu betreiben, werde immer schwieriger, nicht zuletzt aufgrund der gestiegenen fachlichen Anforderungen, die eine höhere Professionalität erfordern. Ein Bauernhof, der wirtschaftlich etwas abwirft, lässt sich nicht mehr nebenbei führen.

Das Problem, das Wilharm in Schaumburg sieht: „Das ist hier kein typisch landwirtschaftliches Gebiet.“ Die räumlichen und strukturellen Voraussetzungen schränkten den notwendigen Entwicklungsraum der Landwirte enorm ein. Wenn man alle Landschaftsschutzgebiete, Industrie-, Wohnflächen und Co. zusammenzähle, bleibe nicht mehr viel übrig für die Landwirtschaft. „Der Landkreis ist zu dicht besiedelt.“ Für viele Betriebe bestehe die Notwendigkeit, ihre Höfe zu vergrößern, aber bereits die Erweiterung von Stallbauten werde durch Nachbarschaftsschutz und weitere Vorgaben stark eingeschränkt. 200 Kühe – eigentlich eine normale Größenordnung – unterzubringen, stelle Landwirte in Schaumburg vor eine Herausforderung. Die Durchschnittsgröße der Betriebe ist seit 1979 von 17 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche pro Betrieb auf 69 Hektar (2010) gestiegen.

Doch auch wenn sich die Betriebe in den vergangenen Jahren stark vergrößert haben, trägt im Landkreis die Land- und Forstwirtschaft sowie die Fischerei – wie in ganz Niedersachsen – nur einen vergleichsweise geringen Anteil zur Bruttowertschöpfung vor Ort bei. Im Gegensatz zum Bruttoinlandsprodukt, das den Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen in einem Gebiet umfasst, errechnet sich die Bruttowertschöpfung aus dem tatsächlichen Preis der Produkte oder Leistungen ohne beispielsweise die Gütersteuer und abzüglich der Vorleistungen wie Anschaffungskosten.

In Niedersachsen betrug die Bruttowertschöpfung 1996 etwa 147 000 Euro und 2009 rund 184 000 Euro. Dies geht aus einer Erhebung des statistischen Landesamts Niedersachsen aus dem Jahr 2010 hervor. Der Anteil der Land- und Forstwirtschaft an diesen Werten ist mit gerundet je 3061 (1996) und 2588 Euro (2009) relativ klein und ging besonders in den späteren Jahren immer mehr zurück. Ähnliches zeigt sich in Schaumburg, wo die Bruttowertschöpfung 1996 bei 2653 Euro und 2009 bei 2701 Euro lag. Daran machte die Landwirtschaft jeweils nur 46 (1996) und 27 Euro (2009) aus.

Auch die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft ging in Schaumburg in den vergangenen 20 Jahren deutlich zurück. Waren 1991 noch 2372 Menschen in der Land- und Forstwirtschaft beziehungsweise im Bereich Fischerei tätig (bei 54950 Beschäftigten), waren es im Jahr 2000 schon nur noch 1447 (bei 60 370 Beschäftigten) und 2009 sogar nur noch 1253 (bei 59 803 Beschäftigten).

Allein was die Größe der Fläche angeht, die für einen bestimmten Zweck genutzt wird, macht die Landwirtschaft das Gros in Schaumburg aus. Allgemein liegt der Landkreis bei der Flächenverteilung im „statistischen Bezirk Hannover“, wozu unter anderem Hannover selbst, Nienburg und Hameln-Pyrmont gehören, weitgehend im Durchschnitt. Die aktuellsten Zahlen vom statistischen Landesamt stammen allerdings noch aus dem Jahr 2004. So machte damals die Landwirtschaftsfläche in Schaumburg einen Anteil von knapp 55 Prozent an der Gesamtfläche aus, 25,6 Prozent waren es bei der Waldfläche, 9,5 Prozent bei Wohn- und Freiflächen. Die verhältnismäßig größte Landwirtschaftsfläche hatten in diesem statistischen Bezirk der Landkreis Diepholz (74,6 Prozent) und der Kreis Nienburg (67,4 Prozent). Den geringsten Anteil an der Gesamtfläche hatte die Landwirtschaft in Holzminden (42,2 Prozent).

Wer den Landkreis Schaumburg einem Außenstehenden beschreiben möchte, würde ihn wohl am ehesten als ländliches Gebiet bezeichnen. Immerhin sind fast überall Felder und Wiesen in Sicht. Die Landwirtschaft jedoch ist seit Jahren auf dem Rückzug. Denn ländlich bedeutet nicht automatisch auch landwirtschaftlich.



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